Der Mann, der keine Fehler malt

Dieter Schiele aus dem hessischen Nidda ist ein begnadeter Jagd- und Pferdemaler.

Jagdmaler Schiele

Fotos: Thorsten Neuhaus

Dieter Schiele weiß, wie der Hase läuft. Und zwar bis ins allerkleinste Detail. Der 67-Jährige nennt das, was die Grundlage für seinen außergewöhnlichen Beruf ist, die Fähigkeit zum „anatomischen Denken“. Diese Begabung ermögliche es, „dass man sich jede Kleinigkeit aus der Anatomie eines Tieres ganz genau vorstellen kann und keine Fehler in die Bilder baut“, erläutert Schiele. Egal ob Hase, Hirsch, Greifvogel oder Pferd: „Wenn ich ein Dreivierteljahr an einem Tierbild arbeite, darf ich nichts verkehrt machen, sonst habe ich umsonst gemalt.“ Angesichts der enormen Ausdrucksstärke und der verblüffenden Wirklichkeitstreue seiner Bilder lässt sich sagen: Dieter Schiele macht ganz offensichtlich keine Fehler.

„Ich lebe nur von der Kunst“

Schiele vor seinen Werken

Der gebürtige Frankfurter erzählt voller Leidenschaft von seiner Leidenschaft: „Ich wusste einfach von klein auf hundertprozentig, dass ich unbedingt Maler werden wollte.“ Durchaus verständlich, wenn man weiß, dass sein Großonkel der berühmte Expressionist Egon Schiele war. Der Österreicher starb zwar schon 1918 – hinterließ aber offenbar einen lang anhaltenden Eindruck. Zunächst erlernte Großneffe Dieter allerdings erst einmal den Beruf des Schriftgießers. Als dieser langsam auszusterben begann, bildete er sich weiter und wechselte in den Job des Bauzeichners. „Das kam meiner eigentlichen Berufung als Maler schon wesentlich näher“, berichtet Schiele. „Nebenbei hatte ich bereits früh begonnen, Porträts und Akte zu zeichnen.“ 1977, im Alter von nur 27 Jahren, machte er sich dann selbstständig – „seitdem lebe ich nur von Kunst“. 

Das ungewöhnliche Talent als Tiermaler brachte Schiele in den vergangenen Jahrzehnten eine illustre Kundschaft ein – und zwar bis in „höchste Kreise“, wie er es formuliert. Durch seine Kontakte in die Baubranche kam er auch an Aufträge, kunstvolle Gemälde-Präsente für Könige und Scheichs zu fertigen. „Im arabischen Raum kennt man mich“, sagt er in aller Bescheidenheit. Aber auch hierzulande wird seine Kunst seit Jahrzehnten geschätzt. „Meine Bilder kauft nicht nur der Jäger, sondern auch seine Frau kauft mit – denn die sitzt ja mit im Wohnzimmer“, schmunzelt Schiele. „Wenn ein Bild mindestens 20 Jahre an der Wand hängt, ohne dass es stört, dann ist es gut!“ 

Dieter Schieles Gesamtwerk umfasst 1500 Gemälde

Schiele vor seinen Werken

Seit mehr als 35 Jahren ist Dieter Schiele als Aussteller auf der Dortmunder „Jagd & Hund“ vertreten.

Sein Gesamtwerk schätzt Dieter Schiele auf rund 1500 Gemälde. Eines seiner allerneuesten Bilder zeigt das Haupt eines prachtvollen Löwen, in dem rund ein Dreivierteljahr künstlerischer Arbeit steckt. „Als ich 65 wurde, habe ich gespürt, dass ich mich noch mehr anstrengen möchte und mit noch mehr Detailtreue malen möchte“, erzählt Schiele. Um seine Meisterwerke zu schaffen, nutzt er die Maltechnik der Öl-Lasur. Dabei werden bis zu 17 Farbschichten nacheinander aufgetragen und jede Schicht muss vollständig getrocknet sein, bevor der nächste Strich angesetzt und die nächste Schicht aufgebracht wird. „So entsteht am Ende ein Relief von besonderer Tiefe und Lebendigkeit“, erklärt Schiele.

Etwa alle zehn Jahre richtet der Maler eine größere Einzelausstellung aus. Außerdem gibt er sein Know-how bereits seit mehr als 30 Jahren in seiner privaten Malschule im hessischen Bad Salzhausen weiter. Pro Woche stehen acht Kurse auf dem Programm, etwa 60 Malschülern vermittelt Schiele dabei seine Tipps und Tricks. „Zusätzlich gebe ich Wochenendseminare und gehe mit rund zehn Schülern in einen Wildpark oder auf ein Pferdegestüt“, berichtet der 67-Jährige. „Dann sitzen wir beispielsweise mitten im Gehege neben den Luchsen und zeichnen diese.“ Um ein Tier gekonnt zu malen, ist Schiele zufolge gar nicht allzu viel erforderlich. „Wir benötigen keine großen Erwartungen und keinen Erfolgszwang, sondern ausschließlich Freude am Malen.“ Daher stehe für ihn fest: „Jeder kann Tiere malen!“

Einmal im Jahr bricht Schiele nach Afrika auf

Einmal im Jahr bricht Schiele traditionell nach Afrika auf – zu einer Jagdreise, die er mit sogenannter „Live-Malerei“ verbindet. „Wenn ich einen Elefanten in freier Wildbahn zeichne, habe ich dafür im besten Fall acht Minuten Zeit, bis er davonzieht“, erklärt Schiele. Es ist sich bewusst, welche Gefahren ihm als „Live-Maler“ beim unmittelbaren Kontakt mit den wilden Tieren drohen könnten. „Ich bin ja nicht lebensmüde“, sagt Schiele – und lässt sich daher bei seinen künstlerischen Abenteuern stets von einem professionellen Hunter begleiten. Sichtlich beeindruckt erzählt er, wie er sich vor einigen Jahren einem Dickhäuter bis auf elf Meter näherte, um blitzschnell auf der Staffelei eine kleine Studie zu skizzieren: „Der Elefant steht dann kurzzeitig wie ein Hochhaus vor mir.“ Daheim wird die Skizze dann später zu einem Gemälde ausgearbeitet. Und wenn Dieter Schiele nicht live vor Ort in Afrika ist, setzt er sich auch gern einmal in einen Zoo, um beispielsweise einen Sibirischen Tiger genauestens zu studieren. Schließlich sind exakte Kenntnisse über die Anatomie eines Tieres für ihn das A und O. „Ich male nur, was ich selbst gesehen habe“, sagt Schiele. Je naturalistischer ein Maler arbeite, umso mehr müsse ein Bild stimmen – weil ja jeder wisse, wie das Motiv in der Realität aussehe. „Da bemerkt selbst ein Kind, wenn da auch nur ein Prozent falsch ist“, weiß Schiele.

Gibt es zu guter Letzt denn auch ein Tier, welches er auf gar keinen Fall malen könnte? „Einen Floh“, lacht Schiele. „Nein, im Ernst: Alles geht!“

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