Fünf Sekunden – länger nicht

Unser Fotoreporter Dieter Hopf berichtet über die Entstehung einer ganz besonders eindrucksvollen Fotosequenz, die wir unten in der Bildgalerie präsentieren.

Rehbock überspringt Stacheldrahtzaun

Der Erdsitz steht an einer Fichtenanpflanzung, etwa 50 Meter gegenüber einer leicht abschüssigen, eingezäunten Viehweide. Das gut fußballfeldgroße Areal ist mit allerlei Büschen, Eschen, Brombeersträuchern und einzelnen alten Birnbäumen bewachsen und daher im zeitigen Frühjahr, bevor das Jungvieh hineingetrieben wird, ein beliebter Aufenthaltsort für bis zu 15 Rehe. Zwei starken Sechserböcken, einem vierjährigen und einem etwa sechsjährigen Bock dient diese Viehweide als Einstand. Der ältere Sechserbock scheint auf dem rechten Licht blind oder sehbehindert zu sein, im Fernglas und Spektiv ist deutlich der trübe, blau schimmernde Augapfel zu erkennen. Er ist zwar von der Statur und vom Gehörn her der stärkere der beiden Böcke, scheint aber durch die Sehbehinderung etwas gehandicapt zu sein, was der vierjährige Bock zu wissen scheint und gnadenlos ausnützt. Erst gestern trieb der jüngere Bock, erkennbar an der abgerundeten Vordersprosse der linken Stange, den Rivalen aus der Viehweide mehrere hundert Meter über die angrenzende Wiese und kehrte zehn Minuten später ausgepumpt zurück. Für brauchbare Fotos spielte sich das leider zu weit entfernt ab und so bin ich heute wieder zu dem Erdsitz unterwegs, um zu schauen, was sich in der Viehweide so tut.

Gerade als ich die Türe des Erdsitzes von innen zuziehe, sehe ich zwei Rehe hintereinander in voller Fahrt durch die Viehweide preschen. Ich „knalle“ das lange Teleobjektiv mit der Kamera auf die weiche Unterlage der Fensterbrüstung und will die Rehe anvisieren. Gerade, als ich das erste Reh ins Visier nehmen will, überspringt der Bock, so viel kann ich gerade noch erkennen, in vollem Tempo den dreireihigen Stacheldrahtzaun. Sch..., vorbei, denke ich bloß noch, als der zweite Bock sechs bis acht Meter hinter dem Verfolgten ebenfalls den Zaun überspringt, und diesen Bock bekomme ich noch in den Sucher der Kamera und es gelingen, wie sich später auf dem Display zeigt, einige unglaubliche Aufnahmen.

Zum Lesen dieser Zeilen brauchen Sie länger als sich das Ganze, vom „Hinwerfen“ der Kamera auf die Fensterbrüstung bis zum Sprung des zweiten Bockes über den Zaun zugetragen hat. Fünf Sekunden – mehr nicht. Es blieb keine Zeit, die ISO-Werte der Kamera hochzuschrauben oder einen vernünftigen Ausschnitt zu wählen, alles ging so blitzschnell, Draufhalten und Abdrücken waren eins. Erst beim Betrachten der fünf Bilder auf dem Display der Kamera, als beide Böcke 200 Meter weiter hinter einer Bodenvertiefung verschwunden waren, zeigte sich die einmalige Situation, die ich gerade eingefangen hatte: Mit voller Wucht kracht der Bock gegen die obere Reihe des Stacheldrahtzaunes (Bild 1). Das rechte Licht aus Sicherheitsgründen (Verletzungsgefahr) geschlossen, schafft er es dennoch, die Vorderläufe hochzuziehen (Bild 2), sich vom Boden abzustoßen (Bild 3) und dann fast elegant (Bilder 4-5) und, wie es aussieht, verletzungsfrei, über den meterhohen Stacheldrahtzaun zu springen, um den Rivalen weiter zu verfolgen.

Den älteren Bock mit der Lichtverletzung hat die Verfolgung nicht beeindruckt, er stand am nächsten Tag wieder an der Viehweide. Und dem Vierjährigen hat das Missgeschick auch nicht geschadet, er markierte am nächsten Tag schon wieder am Stacheldrahtzaun.

Text und Fotos: Dieter Hopf

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