Hans-Jürgen Thies: „Das Gehör eines NRW-Jägers ist nicht weniger schutzwürdig“

Hans-Jürgen Thies: „Das Gehör eines NRW-Jägers ist nicht weniger schutzwürdig“ 

Hochsitz

Immer mehr Bundesländer genehmigen den Einsatz von Schalldämpfern für Jagdgewehre. Nach Bayern, Rheinland-Pfalz und Brandenburg hatte zuletzt auch der Landesjagdverband Baden-Württemberg die Zulassung der „Flüstertüten“ bekanntgeben (wir berichteten). Ausgerechnet im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen ist ein derartiger Vorstoß für mehr Gesundheitsschutz der Jäger jedoch noch nicht absehbar. Hans-Jürgen Thies, Justiziar des Landesjagdverbands, kann die von den NRW-Waffenbehörden vorgebrachten Argumente „weder fachlich noch juristisch nachvollziehen“. Im Interview mit Outfox-World verdeutlicht Thies, warum er die Zulassung von Schalldämpfern in NRW grundsätzlich befürwortet. 

In immer mehr Bundesländern werden die Regelungen für den Einsatz von Schalldämpfern mittlerweile gelockert. Warum sperrt sich das größte Bundesland mit den meisten Jägern denn immer noch? 

Die Waffenbehörden in NRW sperren sich vor allem deshalb gegen die Erteilung von Erlaubnissen für Schalldämpfer auf Jagdlangwaffen, weil sie in erster Linie glauben, dafür gäbe es kein Bedürfnis. Sie meinen, man könne das Gehör des Schützen auch durch normale Gehörschutzkapseln ausreichend schützen. Zudem befürchten sie eine missbräuchliche Verwendung von Schalldämpfern bei abhandengekommenen Waffen sowie durch Umrüstung auf Kurzwaffen. 

Welche Argumente können Sie als Jurist gut nachvollziehen? 

Die von den NRW-Waffenbehörden vorgebrachten Argumente kann ich allesamt weder fachlich noch juristisch nachvollziehen. Allenfalls das Bemühen, die Zahl der erlaubten Schalldämpfer grundsätzlich gering zu halten, ist für mich – mit gewissen Einschränkungen – verständlich. 

Welche Argumente können Sie gar nicht nachvollziehen? 

Besonders das Argument, mit Gehörschutzkapseln könne das Schützenohr bei der Jagdausübung gleichwertig geschützt werden, ist eindeutig widerlegt. Selbst Gehörschutzkapseln mit elektronischer Verstärkung erschweren ein präzises Richtungshören, was in bestimmten Jagdsituationen, z.B. bei der Nachsuche, jedoch extrem wichtig sein kann. Sie sind deshalb einem Gehörschutz, der den Schussknall direkt an der Quelle, also an der Laufmündung, reduziert, in mehrfacher Hinsicht unterlegen. Auch das Argument einer angeblichen besonderen Deliktsrelevanz von Schalldämpfern (für Jagdlangwaffen) vermag nicht zu überzeugen. Trotz der Verwendung eines Schalldämpfers wird der Schussknall eines großkalibrigen Gewehrschusses nur auf ca. 130 dB (A) reduziert. Auch in dieser, für das menschliche Gehör freilich nicht mehr gefährlichen Lautstärke ist der Schussknall aber noch auf große Entfernung deutlich vernehmbar. Zudem hat sich in der Vergangenheit stets gezeigt, dass von legalen Waffen keine besondere Deliktsrelevanz ausgeht. Dies wird auch bei Schalldämpfern für Langwaffen nicht der Fall sein. 

Wo liegen die Vorteile eines Schalldämpfers bei der Jagd? 

Die Vorteile eines Schalldämpfers bei der Jagdausübung sind vielfältig. Neben dem Gehörschutz für den Schützen und für den diesen begleitenden Jagdhund ist vor allem die Verminderung des Rückstoßes zu erwähnen. Dies wiederum führt zu besseren Trefferleistungen. Auch die Anwohnerverträglichkeit der Jagdausübung in siedlungsnahen Bereichen wird durch die Verwendung eines Schalldämpfers verbessert. Außerdem wird die Gefahr von Panikreaktionen bei besonders schussscheuen Tieren, z.B. bei Pferden, verringert. 

Wo ist der Einsatz eines Schalldämpfers weniger sinnvoll? 

Bei einer Nachsuche in besonders undurchdringlichem Gelände kann die Verwendung eines Schalldämpfers, der ein Gewehr „sperriger“ macht, hinderlich sein. 

Wie sind die Erfahrungen in anderen Bundesländern, in denen Schalldämpfer schon bei der Jagd eingesetzt werden? 

Die Erfahrungen aus den anderen Bundesländern sind noch gering, weil dort der Schalldämpfererwerb erst vor kurzem in größerem Umfang erlaubt wurde. Belastbare Praxiserfahrungen sind mir daher noch nicht bekannt. Allerdings gibt es andere EU-Länder, z.B. in Skandinavien, in denen Schalldämpfer schon seit Jahren zur Ausstattung von Jagdlangwaffen gehören. Nach meinen Informationen sind die dort gemachten Erfahrungen durchaus positiv.


„Deshalb plädiere ich dafür, es bundesweit, nicht nur in NRW, jedem Jäger freizustellen, bei der Jagdausübung einen Schalldämpfer verwenden zu dürfen“

LJV-NRW-Justiziar Hans-Jürgen Thies


Warum sind Sie für einen Einsatz in NRW bzw. grundsätzlich bei der Jagd? 

Das Gehör eines in NRW lebenden Jägers ist nicht weniger schutzwürdig als dasjenige eines Jägers aus einem anderen Bundesland. Das Problem ist, dass die Verwendung, also der Einsatz, eines Schalldämpfers bei der Jagdausübung in NRW, wie auch in den meisten anderen Bundesländern, überhaupt nicht verboten ist. Ein solches Verbot findet sich weder im Landesjagdgesetz NRW noch in den meisten anderen Landesjagdgesetzen. Der Erwerb eines Schalldämpfers ist in erster Linie ein waffenrechtliches Problem. Da gilt nach wie vor die im März 2011 von der Bundesregierung herausgegebene Verwaltungsvorschrift zum Waffengesetz (WaffVwV). In Ziff. 8.1.6 ist dort leider nach wie vor geregelt, dass ein Bedürfnis zum Erwerb von Schalldämpfern nur „in Ausnahmefällen“ in Betracht kommen soll. Beim jagdlichen Einsatz liegen die Vorteile eines Schalldämpfers aus den oben bereits dargelegten Gründen auf der Hand. Deshalb plädiere ich dafür, es bundesweit, nicht nur in NRW, jedem Jäger freizustellen, bei der Jagdausübung einen Schalldämpfer verwenden zu dürfen. Allerdings hielt ich es auch für völlig überzogen, wenn der Schalldämpfereinsatz bei der Jagd eines Tages in Deutschland gesetzlich verpflichtend eingeführt würde. 

Was tut der LJV, um den Einsatz von Schalldämpfern in NRW zu legalisieren? 

Als Justiziar des LJV NRW habe ich in einem längeren Gespräch mit dem Waffenrechtsreferenten im NRW-Landesinnenministerium nachdrücklich für die Freigabe des Schalldämpfererwerbs für Jäger geworben. Leider ohne Erfolg. Zudem führe ich für einige ausgesuchte LJV-Mitglieder Musterprozesse vor den Verwaltungsgerichten in NRW, um die beantragten Schalldämpfererlaubnisse einzuklagen. Die Politiker der im Landtag vertretenen Parteien tun sich nach meinen Erfahrungen nach wie vor schwer damit, die Forderungen der Jäger nach einer Liberalisierung der Genehmigungspraxis für Schalldämpfer zu unterstützen. 

Glauben Sie, dass Sie in nächster Zeit Erfolg haben werden? 

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Waffenbehörden in NRW ihre ablehnende Haltung gegenüber Schalldämpfern für Jäger nicht mehr werden lange durchhalten können. Nachdem Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und einige der neuen Bundesländer ihre ablehnende Haltung inzwischen aufgegeben haben und auch vermehrt Verwaltungsgerichte, z.B. in Freiburg und Minden, in rechtskräftigen Urteilen das Schalldämpferbedürfnis für Jäger bejaht haben, werden auch in NRW die Dämme bald brechen. Dies gilt insbesondere, wenn weitere Verwaltungsgerichte in NRW nachziehen und die Waffenbehörden verpflichten, den klagenden Jägern die beantragten Schalldämpfererlaubnisse zu erteilen. Schließlich wird es immer schwerer vermittelbar, weshalb ein aus Bayern oder Rheinland-Pfalz stammender Jäger, der in NRW als Gast an einer Jagd teilnimmt, sein Gehör durch einen Schalldämpfer schützen darf, dem einheimischen Jäger diese Möglichkeit aber weiterhin versagt bleiben soll.

Das könnte Sie auch interessieren

Folgen Sie uns!