Armutszeugnis für Fließgewässer

Manchmal geschieht das Artensterben ganz leise. Wie auch bei den Insekten in den Fließgewässern. Sogar die Grünen entdecken das Problem – das mit der Energiewende noch schlimmer geworden ist.

Fliege tanzt auf dem Wasser

Foto: Uwe Hennig

Alarmierende Antwort der Bundesregierung auf eine Bundestagsanfrage der Grünen: In 93 Prozent der deutschen Bäche und Flüsse sind die ursprünglichen Lebensgemeinschaften von Fischen und Kleinlebewesen mehr oder minder stark geschädigt. 79 Prozent der Fließgewässer sind durch Ausbaumaßnahmen „in ihrer Struktur deutlich bis vollständig verändert“.

Eigentlich sind solche Zahlen keine Überraschung: Fischereiverbände und Biologen warnen seit Jahren vor der rasch fortschreitenden Verarmung. Aber obwohl das Problem Insektensterben inzwischen sogar in den Massenmedien angekommen ist, sind die Zusammenhänge mit der Gewässerzerstörung auch für viele Naturschutz-Profis offenbar Neuland.

So war aus der Nabu-Zentrale lange Zeit kein Wort zu hören gegen den Ausbau der Wasserkraft in den letzten einigermaßen intakten Alpen-Flüssen wie der Loisach in einem europäischen FFH-Naturschutzgebiet im bayerischen Großweil. Das Klagen gegen neue Staustufen und Turbinen überließ der mächtige Verband der Konkurrenz von Bund Naturschutz und dem Landesfischereiverband (wir berichteten).

Während im Kampf gegen Windräder akribisch tote Vögel gezählt werden, ist die vieltausendfache Vernichtung vom Aussterben bedrohter Fischarten also scheinbar nicht so wichtig. Wie die Wasserinsekten und andere Kleinlebewesen, die ihren Lebensraum verlieren, wenn die Fließgeschwindigkeit von Bächen und Flüssen abnimmt und der Gewässergrund verschlammt.

Auch die Wasserinsekten sind ein wesentlicher Bestandteil der Nahrungskette – am Ende auch für den Menschen

Zusammen mit dem Energiepflanzenanbau ergibt sich eine tödliche Kombination: Nicht nur Fische sind eine wichtige Nahrungsquelle für andere Tiere, sondern vor allem auch für seltene Vögel. Auch die Wasserinsekten sind ein wesentlicher Bestandteil der Nahrungskette – am Ende auch für den Menschen.

„Bund und Länder müssen mehr für den Schutz der frei fließenden Flüsse tun“, forderte die Naturschutz-Sprecherin der Grünen, Steffi Lemke. Flüsse seien als „Lebensadern unserer Landschaft … akut bedroht“. Neu ist das nicht. So warnt Professor Jürgen Geist, Gewässer-Biologe an der Technischen Universität München, seit vielen Jahren: „Dämme und Wehre wirken sich stärker auf das Ökosystem von Fließgewässern aus als bisher bekannt.“

Der Münchner Professor ist sicher: „Die Artenvielfalt geht im Staubereich oberhalb der Querbauten stark zurück: Bei Fischen liegt sie durchschnittlich um ein Viertel, bei Kleinlebewesen zum Teil sogar um die Hälfte niedriger.“ Aber die um diesen Preis gewonnene Energie darf sich trotzdem „Öko-Strom“ nennen.

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