Das Horror-Reservat im IJsselmeer

Auch aktive Tierrechtler wissen offenbar nur wenig über das Vorzeigeprojekt im niederländischen Reservat Oostvaardersplassen.

Kadaver eines geschwächten Hirsches, der geschossen wurde um dem Tier unnötiges Leiden zu ersparen. Foto: Wikipedia

Kadaver eines geschwächten Hirsches, der im Reservat Oostvaardersplassen geschossen wurde, um dem Tier unnötiges Leiden zu ersparen / Foto: Wikipedia

Unser Text zur Petition gegen massenhaftes Tieresterben im niederländischen Reservat Oostvaardersplassen hat heftige Reaktionen ausgelöst. Sie zeigen, dass auch einige aktive Tierrechtler nur wenig wissen über das umstrittene Vorzeigeprojekt.

Vorab: Oostvaardersplassen steht durch und durch für von Menschen gemachte Natur. Das Land gehört zu einem Trockenlegungsgebiet, das dem IJsselmeer abgetrotzt wurde. Insgesamt 56 Quadratkilometer blieben so feucht und überschwemmungsgefährdet, dass weder Landwirte noch Industrie etwas damit anfangen wollten. Also entstand in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Idee, dort ein Schutzgebiet ohne menschliche Einwirkung zu schaffen.

Nach der offiziellen Ausweisung im Jahr 1968 entwickelte sich die Sache zunächst prächtig: Stand- und Zugvögel nahmen das im Kern künstliche Feuchtgebiet in Massen an. Auch seltenste Arten wie der Seeadler. Aber bald kam auf: Ganz ohne menschliche Eingriffe konnte das neue Paradies nicht funktionieren. Das Land begann zu verbuschen, also mussten Weidetiere her, um Freiflächen zu erhalten.

Wie fast immer, wenn moderne Menschen Natur gestalten, gingen die Schöpfer nach damals bekannten Regeln der Kunst vor: Das Rotwild fürs Vogelparadies wurde aus verschiedenen Populationen importiert, um Inzucht zu vermeiden. Heckrinder mussten her, weil sie den ausgestorbenen Auerochsen ähneln. Und natürlich nicht irgendwelche Pferde, sondern Wildpferde.

Logisch wurde der neue Garten Eden eingezäunt, auch um Menschen fern zu halten, die in solcher Natur idealerweise nichts zu suchen haben. Schnell zeigte sich jedoch: So viele Wiederkäuer, wie sie nötig sind, um den Sommer über ideale Bedingungen für das Vogelschutzgebiet zu erhalten, vermag die Fläche im Winter nicht zu ernähren.

aus der Sicht der Verantwortlichen war es durchaus im Sinne der Natur, dass die Kadaver liegen blieben, als Biomasse sozusagen

Nachdem in der Theorie von der ganz natürlichen Natur die Jagd keinen Platz hat, gab es erst mal nur die Lösung, die importierten Großsäuger in der Notzeit ihrem Schicksal zu überlassen, also Tod durch Verhungern oder Ertrinken. Und aus der Sicht der Verantwortlichen war es durchaus im Sinne der Natur, dass die Kadaver liegen blieben, als Biomasse sozusagen.

Auch nachdem solche Zustände durch Medien einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurden, verteidigte Hollands Tierrechte-Partei das Projekt als Meilenstein: Das Verhungern der Tiere sei immer noch besser als die Idee, im Reservat die Jagd zu dulden oder in der Vegetationsperiode ordinäres Weidevieh auf die Flächen zu treiben. Logisch gab es auch den Vorschlag, Wölfe auszuwildern. Aber in der Praxis wurde doch geschossen – durch Staatsbedienstete und unter höchster Diskretion.

Nachdem der Schuss dennoch nach hinten losging und Hollands öffentliche Meinung zum Schutzgebiet unter dem Eindruck schlimmer Fernsehbilder kippte, sucht die Unterstützer-Szene nach externen Gründen für das Scheitern: Vor allem die Einzäunung des Schutzgebiets sei der Natur im Wege. Schließlich gebe es ja außerhalb des Reservats reichlich Wiesen und Ackerflächen, auf denen sich die Wiederkäuer satt fressen könnten.

In einer Bevölkerung, die im Bewusstsein lebt, dass die Vorväter das Land zur Ernährung der Menschen der Natur abtrotzen mussten, haben solche Phantasien allerdings eher geringe Chancen. Zumal zugleich unverändert Bestrebungen laufen, die Jagd gänzlich abzuschaffen. Aber wenn’s ans Eingemachte und um die Landwirtschaft geht, sind die Niederländer dann doch erstaunlich pragmatisch. Zum Beispiel bei den Gänsen, die auch im Reservat Oostvaardersplassen so prächtig heranwachsen: Sie werden durch staatliche Schädlingsbekämpfer massenhaft in der Mauser vergast, seit die Tierrechtler ein weitgehendes Jagdverbot durchgesetzt haben.

Sehen Sie hier ein YouTube-Video über das Reservat Oostvaardersplassen:

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