Der ganz natürliche Wahnsinn

Die Natur reguliert sich selbst – auf dieses Argument stützen sich zahlreiche Jagdgegner. Eine Ideologie, die nicht nur die Menschen, sondern auch die Menschlichkeit bedroht, sagt unser Blog-Autor.

Wald

Foto: Randolf Werner

Die Zahl der Menschen, die ohne Maß und Ziel an die Selbstheilungskräfte der Natur glauben, wächst beträchtlich. Dabei bedroht solche Ideologie nicht nur die Menschheit, sondern auch die Menschlichkeit. Zum Ende gedacht ist die Bekämpfung von Krankheiten und Seuchen wider die Natur. Auch die weltweite Solidarität nach Hungersnöten und Naturkatastrophen. Denn auch hier greift der Mensch ja ein, wenn die Natur dabei ist, sich selbst zu regulieren.

Dürfen wir gestrandete Wale retten? Oder durch Waschbären bedrohte Singvögel und Kleinsäuger? Ist es der Gang der Natur, wenn die Meere sich das ihnen abgetrotzte Land zurückerobern? Ist menschliche Gegenwehr überhaupt legitim, wenn Schweinepest und Rindertuberkulose unsere Nahrungsgrundlagen bedrohen? Wären die Pest oder auch Aids unbekämpft nicht wunderbar geeignet, durch drastische Reduzierung der Gattung Mensch den Raubbau an der Natur wirksam einzudämmen? Pfuschen wir der Schöpfung sogar dann ins Handwerk, wenn wir Armutsflüchtlingen Zuflucht und Nahrung gewähren? Lauter höchst absurde Fragen, die eine Welt ahnen lassen, in der Menschen von Herz und Verstand wohl nicht leben möchten. Dennoch müssen solche Fragen zulässig sein, wenn menschliches Handeln mit Methode verteufelt wird. Wenn letztendlich Humanität zur Disposition stehen soll. Wenn Werte hinterfragt werden, die unser heutiges Dasein erst möglich machen, ist es an der Zeit, die Konsequenzen vermeintlicher Wahrheiten zu hinterfragen.

Der verirrte Zeitgeist hinterfragt stattdessen an vorderer Stelle die Jagd und die Landwirtschaft als älteste Formen menschlicher Kultur. Er scheint jede Form der Evolution zu akzeptieren, nur nicht die der eigenen Art. Und verleugnet geflissentlich die Wahrheit, dass solches Denken anderen Geschöpfen nahezu völlig fremd ist. Logisch, auch Ameisenvölker halten sich Nutztiere. Aber denken sie über deren Wohlbefinden nach? Auch Wölfe und viele Affenarten sind höchst soziale Wesen. Aber geht ihre Fürsorge über den eigenen Familienkreis hinaus? Gibt es außerhalb der Spezies Mensch noch weitere Jäger, die das Wohlbefinden ihrer Beute wichtig finden – und sei es nur aus dem Bedürfnis, nachhaltig Beute vorzufinden?

Dass die neue Überheblichkeit selbst im eigenen Beritt natürliche Grenzen hat, zeigt der Blick auf jene Zerstörung, welche die Masse der Menschen ziemlich kalt lässt: Das rapide Abnehmen der Insektenbestände, die doch unentbehrlich sind für unzählige Nahrungsketten. Der Verdrängungsprozess durch zugewanderte Arten. Die Bedrohung der heimischen Fisch-Fauna durch den Kormoran zum Beispiel, der vom Zug- zum Standvogel wurde.

„Unter dem Banner des Naturschutzes wird das Rotwild in den Wäldern zum oft gnadenlos verfolgten Schädling, obwohl es der Mensch mit seiner Landnahme dorthin vertrieben und erst zum Schädling gemacht hat.“

Michael Lehner

So manche Dummheit befällt auch Gutwillige. Leute zum etwa, die nicht einsehen wollen, dass unkontrollierte Wolfsbestände auch menschliche Kultur gefährden – von der Weidelandschaft im Süden bis zu den Deichen im Norden, deren Pflege ohne Weidschafe kaum zu finanzieren wäre. Unter dem Banner des Naturschutzes wird das Rotwild in den Wäldern zum oft gnadenlos verfolgten Schädling, obwohl es der Mensch mit seiner Landnahme dorthin vertrieben und erst zum Schädling gemacht hat. Die Fichte, als ökologisch-nachwachsender Rohstoff nicht nur für das Bauhandwerk wird zur unerwünschten Art erklärt, obwohl aus unserem menschgemachten Bild vom Wald kaum wegzudenken – und Grundlage so mancher Lebensgemeinschaften, die den Träumern und ihren Allmacht-Fantasien eines Tages fehlen werden.

Der eigentliche Trugschluss besteht jedoch darin, dass ausgerechnet auch der vermeintlich ökologische Umbau unter dem Einsatz menschlicher Macht gelingen soll. Da wird – nicht nur im Forst – versucht, in wenigen Generationen einen Wandel durchzusetzen, zu dem die Natur Jahrtausende bräuchte. Und dies unheilvoll ergänzt durch das Unvermögen, eigenen Irrtum einzugestehen, selbst dann noch, wenn er offensichtlich wird. Pech, dass Naturnutzer wie Landwirte, Fischer und Jäger zwar nahe am Geschehen sind, aber nur höchst ungern gehört werden, wenn die Scheinwelt der Ideologen im wirklichen Leben nicht den ausgedachten Regeln folgt. Was aber nur zu logisch wäre, wenn es stimmt, dass die Natur am Ende schlauer ist als die Menschen.

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