Der Käfer und die Wirklichkeit

Der Borkenkäfer schwirrt mal wieder heftig durch die Medien. Ein weiterer Härtetest für die Illusion, dass die Natur die Dinge von alleine regelt – und die Menschen das aushalten.

Buchdrucker-Käfer

Foto: Wikipedia / James Lindsey at Ecology of Commanster, Ips.typographus, CC BY-SA 3.0

Wahr ist: In einigen Regionen, zumal im deutschen Süden, hat das warme Sommerwetter für heftigen Käferschlupf gesorgt. Örtlich drohen Jahrhundertschäden. Am westlichen Bodensee erinnern Waldbesitzer bereits an die große Kalamität des Jahres 1947, als alle Männer zwischen 16 und 65 Jahren zu Aufräumarbeiten zwangsverpflichtet wurden.

So alt wie derartige Geschichten ist der Streit um Ursachen und Wirkung des Käferbefalls. Anhänger der reinen Naturlehre erinnern an die Ursächlichkeit der von Menschen gemachten Fichtenmonokulturen. Andere bemühen den Klimawandel. Und es gibt auch die Sichtweise, dass die Käfer und ihr Wirken für die Natur von Nutzen seien.

Obwohl heftiger Widerspruch sicher ist: Wenn die Käfer richtig fliegen, ist klassisches Krisenmanagement an der Tagesordnung. Sprich zügige Ernte der betroffenen Bäume, auch um den Preis des sonst verpönten Kahlschlags. Und allfällige Versuche, drohenden Preisverfall zu stoppen. Schlagartig wird klar: Wald und Holz sind Wirtschaftsgüter von beträchtlicher Bedeutung, auch für die Staatskasse.

Allfällig wie schon in früheren Käfer-Jahren sind wohlfeile Weisheiten: Was uns fehlt, verkünden viele Medien unter wissenschaftlicher Assistenz, seien gesunde Mischwälder, denen der Käfer nichts anhaben könne. Und der Schaden, den Buchdrucker & Co. anrichten, sei doch auch Grundlage für neues, besseres Leben. Denn die Natur repariert sich selbst, wenn wir sie nur lassen.

Wahr ist: Nicht einmal in Schutzgebieten, Nationalparks inklusive, geht es in der Praxis ohne menschliches Zutun. Der Wald als über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft braucht offenbar die ordnende Hand, auch die der Jäger. Und Geduld: Die Versuche, den erwünschten Waldumbau binnen weniger Generationen zu erzwingen, sind bisher wenig vielversprechend.

Selbst Bio-Bauherren wollen ihre Blockhäuser nicht aus Balken mit Käfer-Fraßspuren zimmern. Der Durchschnittsnaturfreund mag keinen Wald geprägt von sterbenden und toten Bäumen. Und so sehr er Laubwälder wie im Spessart liebt, so sehr schätzt er auch das Tannengrün, im Schwarzwald beispielsweise.

Apropos Tanne: Bayerns Forstminister propagiert seit Jahren ihre Renaissance. Tannen sind widerstandsfähiger gegen Käferbefall und Windbruch, als Baumaterial der Fichte ebenbürtig, teilweise überlegen. Aber ziemlich chancenlos in Zeiten der Laubwald-Euphorie.

Dass der Wandel im Waldbau auch das Risiko des Wandels bei den Schadinsekten birgt, kommt in der öffentlichen Debatte gern zu kurz

Nebenbei: Heiße Sommer beflügeln auch den Prachtkäfer, dem neben Kiefern die Buche und Eiche gut schmecken. Dass der Wandel im Waldbau auch das Risiko des Wandels bei den Schadinsekten birgt, kommt in der öffentlichen Debatte gern zu kurz. Obwohl auch solcher Wandel ganz natürlich wäre.

Der Fraktionschef der Freien Wähler im bayerischen Landtag, Landwirt und Jäger, hat auf die aktuellen Käfer-Schlagzeilen mit der Forderung reagiert, forstliche Kompetenz auf das womöglich Wesentliche zu konzentrieren. Das Fachpersonal der Forstverwaltung, findet Hubert Aiwanger, sei für die Käferbekämpfung gefordert, auch im Privatwald: „Das ist jetzt sinnvoller, als mit großem Aufwand einen dritten Nationalpark zu suchen.“

Damit meint Aiwanger auch den Umstand, dass der Widerstand gegen neue Schutzgebiete im Freistaat flächendeckend anwächst. Dabei spielt die Angst vor dem Borkenkäfer eine wesentliche Rolle – und der Dauer-Streit um Deutschlands ältesten Nationalpark: Aber auch dort, im Bayerischen Wald, werden die Schadinsekten außerhalb sogenannter Kernzonen längst mit klassischen Methoden bekämpft. Anders war das Experiment mit den Selbstheilungskräften der Natur politisch nicht durchzuhalten.

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