Der Wolfstanz der Umweltminister

Barbara Hendricks (SPD) muss um die Raubtierpolitik ihres Hauses mittlerweile auch in den eigenen Reihen kämpfen – und gegen richtige Experten.

Wölfe

Auch uns tut’s leid, aber es gibt schon wieder Anlass, über den Wolf zu reden. Die Befürworter-Szene ist außer sich, weil der Deutsche Jagdverband (DJV) unter Berufung auf einen ausgewiesenen Fachmann feststellt, dass die mitteleuropäische Wolfspopulation nicht mehr vom Aussterben bedroht ist.

Der Streit dreht sich um den „günstigen Erhaltungszustand“ von Tier- und Pflanzenarten, mit dem die Europäische Union die Mitgliedsstaaten zum Schutz gefährdeter Arten verpflichtet. Länder, die zum Wolfsmanagement im begrenzten Umfang auch Abschüsse zulassen, müssen nachweisen, dass dies die Art in ihrem Bestand nicht gefährdet.

Nachdem Schweden, Finnland und Norwegen (kein EU-Mitgliedsland) diesen günstigen Erhaltungszustand für die Wolfspopulation festgestellt haben, erreicht der Streit nun auch Deutschland: Professor Sven Herzog, Wildbiologe und Genetiker an der Technischen Universität Dresden, hat in einer Studie im Auftrag des DJV festgestellt, dass dieser günstige Erhaltungszustand mittlerweile auch für die mitteleuropäische Wolfspopulation erreicht sei.

Nachdem die Studie pünktlich zu einer Konferenz veröffentlicht wurde, auf der sich die deutschen Umweltminister in Potsdam auch über das künftige Wolfsmanagement unterhalten, ist die Aufregung doppelt groß: Nicht nur Unionspolitiker, sondern auch der SPD-Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern und vereinzelt sogar Grüne wollen Abschüsse nicht mehr grundsätzlich ausschließen. Ob die Raubtiere tatsächlich nicht mehr vom Aussterben bedroht sind, spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Sowohl Abschüsse zur Gefahrenabwehr als auch eine Regulierung der Wolfsbestände hängen wesentlich vom günstigen Erhaltungszustand ab

Prompt gab es Knatsch zum Auftakt der Potsdamer Konferenz: Zuvorderst aus Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt kommt Druck, den bisherigen Totalschutz der deutschen Wölfe zu lockern. Sachsen-Anhalt, wo die Grünen mitregieren, hatte kurz vor dem Beginn des Treffens per Rechtsverordnung geregelt, dass bei Gefahr im Verzug Polizeibeamte einzelne Tiere töten sollen und nach Verkehrsunfällen zum Fangschuss berechtigt sind (wir berichteten). Das geht diametral gegen die Politik des Hauses der (Noch-)Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD).

Sowohl Abschüsse zur Gefahrenabwehr als auch eine Regulierung der Wolfsbestände hängen wesentlich vom günstigen Erhaltungszustand ab. Ein Grund für die wütenden Reaktionen auf die entsprechenden Feststellungen des vom DJV eingeschalteten Fachmanns. Herzog, doppelt promoviert und wildbiologischer Berater mehrerer Nationalparkverwaltungen, lehnt in seiner Studie eine zu sehr regionalisierte Betrachtungsweise der verschiedenen mitteleuropäischen Wolfsvorkommen ab. Es gehe um ein- und dieselbe Art – und diese sei nicht mehr in ihrer Existenz gefährdet.

Herzog nimmt auch das unbestrittene Wanderungsverhalten der Wölfe zum Beleg für diese These: Tiere, die auf der Partnersuche in kurzer Zeit viele hundert Kilometer zurücklegen, seien im Fortbestand ihrer Art in Mitteleuropa nicht mehr gefährdet, eine Rassen-Unterscheidung nach eher zweitrangigen regionalen Eigenheiten nicht sinnvoll: „Wie wir wissen, erfährt die baltisch-osteuropäische Wolfspopulation in ihrem westlichsten Teil eine deutliche positive Dynamik, die derzeit keine Stagnation oder gar Trendwende erkennen lässt.“

So rasant, wie sich die Wölfe ihr angestammtes Verbreitungsgebiet zurückerobern, sind Sorgen um den Fortbestand unbegründet

Einfacher gesagt: So rasant, wie sich die Wölfe ihr angestammtes Verbreitungsgebiet in Mitteleuropa zurückerobern, sind Sorgen um den Fortbestand der Art in Mitteleuropa unbegründet – zumal sowohl ein Austausch mit der südeuropäischen als auch der skandinavischen Population stattfindet. Und nachdem auch Sachkenner aus dem Pro-Wolf-Lager den Bestand in Deutschland mittlerweile auf 500 bis 600 Tiere schätzen. Um die Frage, wie viele es sein sollten, drücken sich die Bundesbehörden bisher herum – während SPD-Umweltminister Till Backhaus aus Mecklenburg-Vorpommern bereits eine Diskussion über Obergrenzen verlangt.

Der WWF nennt solche Debatten „politische Ränkespiele“ und verlangt stattdessen ein „nationales Zentrum für Herdenschutz“. Und der Nabu sieht das bei aller Spendenkonkurrenz ganz ähnlich: „Weidetierhalter in Deutschland dürfen von der Politik nicht länger allein gelassen werden mit den Herausforderungen, die die Rückkehr des Wolfes für sie mit sich bringt.“

Derweil führte ein sächsischer Schäfer dem Fernsehpublikum passend zur Umweltministerkonferenz vor, wie problemlos seine Hütehunde einen ordnungsgemäßen Schutzzaun überspringen.

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