Konjunktur für Wolfsversteher

1600 Kilometer sind es von Stockholm in den Nationalpark Bayerischer Wald. Hier wie dort gibt es Wölfe. Aber beim Umgang mit den Raubtieren liegen Welten zwischen Schweden und Deutschland. Der Ausbruch aus dem Nationalpark-Gehege zeigt es deutlich.

Wolf läuft durchs Wasser

Symbolbild: Tobias Bürger

Sicher ist: Es gibt eine Menge Leute, die kein Verständnis dafür haben, dass die in Bayern entkommenen Wölfe (wir berichteten) im schlimmsten Fall getötet werden müssen. Am Nachmittag gab der Nationalpark bekannt, dass ein weiterer Wolf aus Sicherheitsgründen getötet werden musste. An den Menschen gewöhnte Tiere gelten als Zeitbombe – auch für die Akzeptanz ihrer in Freiheit aufgewachsenen Artgenossen.

Nationalpark-Chef Franz Leibl, sicher kein Feind der Wölfe, bringt es in der Süddeutschen Zeitung auf den Punkt: „Ein Gehege-Wolf gehört nicht in die Natur.“ Solche Tiere seien einfach nicht scheu genug, um Zwischenfälle auszuschließen. Deshalb sind Nationalpark-Ranger fast rund um die Uhr unterwegs, um die Ausreißer einzufangen.

Endgültig geklärt ist inzwischen: Das Vorhängeschloss am Gehege-Tor wurde von bisher Unbekannten geknackt. Und im Internet kursieren bereits Schuldzuweisungen für die hirnlose Tat: Es seien Feinde der frei lebenden Wölfe gewesen, Jäger womöglich. Angebliches Motiv: So sollen auch die im Bayerischen Wald frei lebenden Wölfe ihren Schutz verlieren und „abgeknallt“ werden.

Konkrete Hinweise für solche Theorien gibt es nicht. Auch nicht für die These, dass „Tierbefreier“ ihr Unwesen getrieben haben. Aber was erschreckt, ist die Blauäugigkeit, mit der so manche Wolfsversteher die Risiken ausblenden. Bis hin zur Erklärung, dass einer der Gehege-Wölfe Spaziergänger nur deshalb anknurrte, weil er Hunger hatte. Das wird die Betroffenen sicher beruhigen ...

Spätestens an diesem Punkt macht der Blick nach Schweden Sinn: Dort sind die Behörden vorbereitet, stehen potenzielle Problemwölfe unter verschärfter Überwachung. Zum Beispiel die Jungwölfe aus dem sogenannten Trysil-Rudel, die sich aus dem dünn besiedelten norwegisch-schwedischen Grenzraum auf den Weg ins Stockholmer Ballungsgebiet gemacht haben.

Drei der im vergangenen Jahr in Trysil gewölften Welpen sind offenbar verhaltensauffällig: Sie treiben sich am helllichten Tag in Siedlungen herum, streifen durch die Gärten, tauchen vor einer Schule auf und schnappen sich schon mal Katzen oder Hunde. Jeweils als Einzelgänger zwar, aber eine Rudelbildung ist nicht ausgeschlossen.

Ist gefahr in Verzug, fackeln schwedische Behörden nicht lange

Als die Polizei dokumentierte, dass sich eines der Tiere im Vorgarten des Elternhauses bis auf sieben Meter einem Dreijährigen näherte, schauten die Behörden nicht mehr länger zu: Der Wolf wurde zum Abschuss freigegeben, wie ein weiterer Trysil-Wolf im Süden der Metropole (wir berichteten). Wörtliche Begründung der zuständigen Behörde: „Die Jagd ist nötig, um drohenden Schäden vorzubeugen und Unruhe sowie Probleme für die Menschen, die dort leben, zu mindern.“

Überlebt haben die zur Schutzjagd freigegebenen Wölfe zum großen Teil trotzdem. Das hat auch damit zu tun, dass Tierschützer im Dutzend durch die betroffenen Regionen streifen, seit dort die Jäger unterwegs sind. Dem Zweck, den die Behörden verfolgen, schadet das nicht: Nach der letzten Schutzjagd im Stockholmer Norden war die Gegend dort geraume Zeit wolfsfrei – bis die nächsten Jungtiere von der norwegischen Grenze auftauchten.

Norwegen hat übrigens zusätzlich Geld locker gemacht, um möglichst viele Wölfe mit Sendern auszustatten. Wenn es eng werden sollte, sind sie dann wenigstens schnell geortet. Im besten Fall, um sie einzufangen und in menschenleere Gebiete zu bringen. Solche Halsbänder wären jetzt wohl auch in Bayern nützlich.

Update 11.10., 8:00 Uhr: Am Dienstag um die Mittagszeit wurde einer der beiden Wölfe aus dem sogenannten Riala-Revier nördlich von Stockholm im Verlauf der behördlich angeordneten Schutzjagd erlegt. Ein weiterer Wolf fiel ebenfalls am Dienstag im Gemeindegebiet von Falun in der Provinz Dalarna. Das Tier hatte während der dort laufenden Elchjagd einen dort auf Fährte arbeitenden Hund attackiert und wurde vom Hundeführer erschossen. Nun prüft die Polizei, ob die Voraussetzungen für eine solche, gesetzlich vorgesehene Nothilfe-Aktion gegeben waren.

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