Nachhilfe in Artenschutz

Internationale Forscher haben in einer Langzeitstudie festgestellt, dass es in Deutschland rund 75 Prozent weniger Insekten gibt. Schnell wird die Landwirtschaft zum Buhmann erklärt – doch die Schuldzuweisungen greifen deutlich zu kurz.

Biene auf einer Blumenwiese

Foto: skeeze

Das dramatische Insektensterben ist offenbar kein regionales, sondern ein globales Problem. Dass jetzt fundierte Zahlen vorliegen (wir berichteten), führt zu einseitigen Schuldzuweisungen, vor allem gegen die Landwirtschaft. Mit Ursachenforschung hat das nur wenig zu tun – eher mit bekannten Beißreflexen.

Lange Jahre war das Thema eher was für Öko-Feinschmecker wie Fledermaus-Fans oder Fliegenfischer. Deren Klagen über ein dramatisches Artensterben vieler Insekten blieben lange ungehört. Noch im Sommer des vergangenen Jahres kamen zum Beispiel die Maifliegen in der Nabu-Datenbank überhaupt nicht vor.

Dabei sind diese großen Eintagsfliegen eine der ganz wichtigen Nahrungsquellen, nicht nur für Fische, sondern auch für Vögel und Fledermäuse. Als die Ehrenamtlichen vom „Entomologischen Verein“ Krefeld bereits im Jahr 2013 eine regionale Untersuchung vorstellten, die rund 80 Prozent Verlust an Insekten-Biomasse nachwies, überwogen Nichtbeachtung und pauschale Zweifel.

So einfach ist das Wegschauen nun nicht mehr: Ein internationales Forscherteam ging der Sache flächendeckend auf den Grund – und bestätigt nun weitgehend die Ergebnisse der Krefelder Hobby-Naturkundler. „Wirklich ein größerflächiges Problem“, kommentiert Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle.

Fakt ist wohl: Innerhalb von knapp drei Jahrzehnten sind gut zwei Drittel der Insekten-Menge weggefallen. Sie fehlen nun in der Nahrungskette der Tiere, die sich von Insekten ernähren. Also vor allem Fische und viele Vogelarten. Weitere Artensterben auf der nächsten Ebene dieser Nahrungskette sind programmiert. Und massive Auswirkungen auf die Natur insgesamt.

Pflanzenschutzmittel als größter Feind der Insekten?

Nun zu den vorschnellen Schuldzuweisungen: Wer sich ein wenig mit im Wasser lebenden Insekten beschäftigt, der weiß auch, dass Gewässerreinhaltung einmal verschwundene Arten nicht zurückbringt. Milliardeninvestitionen in den Kläranlagenbau haben den zuvor angerichteten Schaden nicht ausgleichen können.

Ebenfalls zu kurz greifen die nun wohlfeilen Schuldzuweisungen gegen die Landwirtschaft: Gegenüber den Zeiten, in denen Insekten noch reichlich flogen, ist der Einsatz von Dünger und Pestiziden eher zurückgegangen. Zahlreiche Agrar-Chemikalien wurden verboten. Und immer mehr Bauern rechnen sehr genau nach, ob sich der Einsatz solcher Mittel am Ende tatsächlich mehr lohnt als die Bio-Produktion.

Was tatsächlich eine Rolle spielt, ist mit Sicherheit der gesellschaftliche Druck auf die Landwirtschaft: Kostendenken zwingt zu immer größeren, ausgeräumten Feldern. Die auf Energiewende eingeschworene Gesellschaft findet nichts dabei, dass sich der Anbau sogenannter Energie-Pflanzen besser rechnet als der Lebensmittel-Anbau. Und der Normalverbraucher empfindet es sogar als angenehm, dass nach sommernächtlichen Autofahrten kaum noch Insektenleichen an der Windschutzscheibe kleben.

Ja zu Artenvielfalt und wilder Natur – nur bitte nicht im eigenen Garten!

Bis heute werden weltweit (und auch bei uns) Feuchtgebiete wie die letzten Auwald-Landschaften ausgetrocknet, damit keine Mückenplage das sommerliche Grillvergnügen in den Vorgärten stört. Das Internet ist voll mit Tipps, Schwalben am Nestbau unterm Reihenhaus-Vordach zu hindern. Und ein wöchentlich kurzgeschorener Rasen gilt durchaus als Zeichen zeitgemäßer Naturnähe. Sei´s drum, dass auch dabei Insekten ihren Lebensraum verlieren.

Logisch, es gibt auch zahlreiche Nachweise, dass es um den Artenreichtum mittlerweile in den Städten besser bestellt ist als auf dem flachen Lande. Aber was heißt in solchem Zusammenhang schon „besser“? Und wie soll eine auf Insektenvernichtung per Spraydose und Elektro-Fallen versessene Gesellschaft begreifen, dass Natur- und Artenschutz an der eigenen Haustür anfangen.

Verlogene Schuldzuweisungen jedenfalls bringen die Ökologie nicht weiter. So wahr die lautesten Wortführer der Debatte lieber um ein paar Wölfe oder Waschbären streiten als um die Lebensgrundlagen von Natur und Menschen.

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