Schuldzuweisungen im Rotwild-Paradies

Im hessischen Spessart gilt anscheinend noch das Prinzip „Wild vor Wald“ – ein Musterbeispiel für den Rotwild-Konflikt.

Rotwild

Foto: Dieter Hopf

Dass in Staatsrevieren gerne mal über das Ziel der Abschusspläne hinaus geschossen wird, ist nicht neu. Im hessischen Spessart hingegen gilt anscheinend noch „Wild vor Wald“. Die enormen Waldschäden sind nun ein Fall für den Staatsanwalt. Und ein Musterbeispiel für den Rotwild-Konflikt.

Die Wälder des Forstamts Jossgrund bieten wohl noch, was sich Jäger früher mal unter einer Feudaljagd vorstellten. Hirsche satt, nicht nur an der Winterfütterung, sondern auch an helllichten Sommertagen. Dazu geschälte Bäume, rund 40 Millionen Euro Schaden binnen 25 Jahren, haben fachkundige Kritiker ausgerechnet.

Wie so etwas heute noch im grünen Holz geschehen kann, ist eine durchaus spannende Frage: Naturschützer vermuten hinter der Rotwild-Nostalgie eine Symbiose von Jagdglück für höhere Stände (die heutzutage mitnichten dem Adel angehören müssen) und vorauseilendem Gehorsam der lokalen Forsten.

Sicher ist: Überraschend kommen die Schlagzeilen nicht. Schon vor zwei Jahren hat der Bund Naturschutz das Ausnahmerevier für seine „Massentierhaltung“ angeprangert. Noch länger drängen Forstbehörden aus dem benachbarten Bayern den Landesbetrieb Hessenforst, die Schalenwildbestände zu reduzieren. So scharf, dass nicht genug Rotwild über der Grenze nachwechselt, können selbst die Bayern nicht jagen.

Zahlen lassen die realen Zustände ahnen: 600 Stück Rotwild sollen auf den 17.000 Hektar Staatsjagd nach neuestem Abschussplan zu Strecke kommen. 3,5 Tiere je 100 Hektar, auf die Fläche gerechnet also gut dreimal mehr als in bayerischen Spessart-Revieren. Aber obwohl die Vorgaben seit Jahren erhöht werden, scheint die Reproduktion der Hirsche unter hessischer Obhut schier unerschöpflich.

So berechtigt die Kritik sein mag, drängt sich bei objektiver Betrachtung aber auch die Frage auf, ob es die Natur mit den Jossgrund-Hirschen einfach nur besonders gut meint: Seit Jahren bemühen sich die Jäger der zuständigen Hegegemeinschaft, das Problem zu lösen, erlegen deutlich mehr Rotwild als in den ohnehin rigiden Abschussplänen vorgesehen. Sie legen im großen Stil Äsungsflächen an, verweisen darauf, dass die Schälschäden nun schon ein Jahrzehnt lang zurückgehen und Naturverjüngung des Waldes durchaus wieder möglich sei.

So oder so: Dass mit kapitalen Hirschen in diesen Tagen kein Staat zu machen ist, gilt wohl auch in Hessen. Nicht erst auf die Strafanzeige eines pensionierten Forstbeamten hin macht das Forstministerium Druck auf das Ausnahme-Revier. Aber die Erwartung noch höherer Abschussvorgaben löst bereits Ängste aus, dass noch stärkerer Jagddruck das Rotwild in die Nachbarschaft drängt. Die bayerische Mainpost zitiert Werner Ühlein, Leiter der Unteren Jagdbehörde am Landratsamt Main-Spessart: „Wir haben die Schäden und können gar nichts dafür.“

Die Deutsche Wildtierstiftung, seit vielen Jahren um einen Ausgleich bemüht, der auch dem Rotwild gerecht wird, warnt vor einseitigen Schuldzuweisungen und erinnert an den Aufwand, der zur Einbürgerung der Wölfe betrieben wird. Ebensolche Bemühungen seien auch für die Hirsche angemessen, denen der Mensch seit Jahrhunderten den Lebensraum streitig macht – bis hin zur Ausrottung außerhalb der wenigen intakten Rotwildgebiete.

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