Tierschützer empört über angebliche Mülleimer-Mentalität

Verbände haben gemeinsam mit dem Forstministerium in Rheinland-Pfalz beschlossen: Das Schwarzwild muss stärker reguliert werden. Doch mit der Art und Weise sind nicht alle einverstanden – insbesondere Tierschützer nicht.

Frischlinge

Foto: Carol Scholz.

Was von dem Artikel des Trierischen Volksfreunds vor allem hängenbleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack ob der unverhohlenen Vermischung von Fakten und Meinung. Denn schon in der Überschrift heißt es: „Frischlinge sollen öfter vor die Flinte“ – ganz klar der Versuch, Leser mit einem möglichst krassen Aufreger einzufangen. Es sollen süße Tierbabys abgeknallt werden? Scheußlich! Dabei ist die Faktenseite des Artikels durchaus informativ.

Dass es nicht immer schön ist, Wildtiere zu töten, weil man es muss, kann wohl jeder Jäger bestätigen. Gerade in Regionen, in denen das Schwarzwild überhandnimmt. Es verwüstet Felder, Vorgärten und Weinberge, zerstört die Ernte und kann zudem Hausschweine bedrohen, weil es Krankheiten wie die Afrikanische Schweinepest überträgt. Daher hat man in Rheinland-Pfalz nun beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen, dass sich die Wildschweine immer stärker vermehren. Jagdverbände, Jagdgenossenschaften, der Bauern- und Winzerverband, der Gemeinde- und Städtebund sowie das rheinland-pfälzische Forstministerium haben einen 15-Punkte-Plan entworfen, der die Wildschweindichte verringern soll. Dafür müssen mehr Tiere getötet werden, auch Frischlinge.

Eine Kernmaßnahme soll sein, dass sich „Aktionsgemeinschaften Schwarzwild“ bilden und dass Wildschweine „ganzjährig intensiv bejagt werden“, vor allem auch Bachen und Jungtiere. In dem Papier steht wörtlich: „Frischlinge sind umfassend und unabhängig von ihrer Verwertbarkeit zu bejagen.“ Genau dieser Satz ist wohl der Grund, warum sich Tierschützer über die Maßnahmen der Jäger und Politiker empören.

„Die toten Jungtiere werden also im Zweifel wie Müll entsorgt, das entspricht nicht dem gemäß Tierschutzgesetz vorgesehenen ‚vernünftigen Grund’, der für eine Tötung nötig wäre“, wird die Sprecherin des Deutschen Tierschutzbundes zitiert. Außerdem beunruhige es alle anderen Wildtiere im Wald, wenn Wildschweine das ganze Jahr über bejagt würden. Der erhobene Zeigefinger der Tierschützer hat die Redakteurin wohl auch veranlasst, einen mit „Meinung“ betitelten Absatz in ihren Artikel einzubauen. Darin lässt sie sich kurz, aber eindrücklich über diese angebliche Mülleimer-Mentalität aus. Die intensivere Bejagung sei nachvollziehbar, ja – hingegen sei es „absolut inakzeptabel, dass das neue Handlungsprogramm dazu aufruft, Frischlinge so jung wie möglich abzuknallen, selbst wenn eine Verwertung gar nicht geplant ist“. Ein solcher Umgang mit Leben intelligenter Wildtiere sei „respektlos“.

Ist es also nur respektvoll und ethisch vertretbar, ein Tier zu töten, wenn es am Ende auch auf dem Teller landet? Für Redakteurin und Tierschützer steht die Antwort auf diese Frage sicherlich fest. Allerdings kann es aus Sicht eines vernünftigen, gelebten Naturschutzes notwendig sein, genau das nicht zu tun. Waschbären werden beispielsweise auch nicht gegessen, und dennoch ist es unverzichtbar für den Artenschutz, ihren Bestand durch Jagd zu regulieren, wie beispielsweise aktuell in der Rhön (wir berichteten). Ähnliches gilt für Kormorane oder Füchse. Abgesehen davon betont Gerd Grebener, Kreisjägermeister im Eifelkreis Bitburg-Prüm, gegenüber der Zeitung, dass auch das Fleisch der Frischlinge verwertet werde.

Immerhin wird im weiteren Verlauf des Artikels noch auf die großen Schäden hingewiesen, die durch Wildschweine verursacht werden. Mehr Bewegungsjagden, Steuerfreiheit für Jagdhunde, Gemeinschafts-Ansitzjagden bei Vollmond, strenges Ahnden von Fütterungsverstößen sowie das Hinzuziehen revierloser Jäger werden als weitere Maßnahmen genannt, die die Zahl der Wildschweine und somit die Summe der von ihnen verursachten Schäden effektiv senken sollen.

Ebenfalls wird eingeräumt: Wildschäden gehen richtig ins Geld. Da sich Jagdpächter und Landwirte meist privat über den Schadenersatz einigen, sind jedoch keine genauen Zahlen bekannt. Winzer wiederum müssen für die Schäden selbst aufkommen. Weil Wildschweine die Trauben besonders gern fressen, sind die Existenzen von betroffenen Weinbauern akut bedroht. Daher schließen sich einige von ihnen mit Jagdpächtern zusammen, um Wildschwein-Überfällen vorzubeugen (wir berichteten). Spiel- und Sportplätze, unzählige Privatgrundstücke und ein Segelflugplatz wurden in Rheinland-Pfalz bereits von Wildschweinen verwüstet. Außerdem können Begegnungen mit den Borstentieren richtig gefährlich werden: Eine Radfahrerin hat sich in Trier nach einer Kollision mit einem Wildschwein verletzt.

Auch der konsultierte Wildökologe Ulf Hohmann von der Forschungsanstalt für Waldökologie in Trippstadt bestätigt, dass Wildschweine sich zu stark vermehren. Günther Diether Klein, Sprecher des rheinland-pfälzischen Landesjagdverbandes, betont die Bedeutung von Regulierungsmaßnahmen: Ohne Abschüsse würde sich die Population pro Jahr verdreifachen.

Sowohl die Wildschadensverhütung als auch die Verwertung sind also durchaus „vernünftige Gründe“, Wildschweine zu töten. Umso besser, wenn man beides miteinander vereinen kann und so nicht nur ein leckeres, gesundes Nahrungsmittel erhält, sondern auch die Wildschäden begrenzt. Für die Tonne schießt jedenfalls kein Jäger gerne – aus Waidgerechtigkeit. Ein Prinzip, das man Tierschützern vielleicht noch einmal näherbringen sollte.

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