Unwahrheiten auf dem Prüfstand

Keine guten Nachrichten für Deutschlands wilde Wölfe: Die Unterstützung aus der Politik schwindet rasant – bis hinein ins rot-grüne Lager.

Wolf

Foto: tee_zett

Während Thüringens Umweltministerin verzweifelt nach Wegen sucht, die dort lebenden Wolfsmischlinge vor dem Abschuss zu retten, erlebt die (noch) amtierende Bundesumweltministerin, wie der Rückhalt für die Wolfspolitik ihres Hauses sogar in ihrer eigenen Partei bröckelt.

Es ist kein Geheimnis, dass der SPD-Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern maßgeblich mitwirkte, als Barbara Hendricks (ebenfalls SPD) den Termin zur Vorstellung eines neuen Wolfskonzepts aus dem Bundesamt für Naturschutz absagen musste (wir berichteten). Die dort enthaltenen Regeln zum Umgang mit verhaltensauffälligen Wölfen gehen vor allem Politikern gegen die Hutschnur, die in ihren Bundesländern im wirklichen Leben mit der Problematik konfrontiert sind.

Dass im Hause Hendricks Wölfe erst dann als problematisch gelten, wenn sie Menschen näher als 30 Meter kommen, passt wohl nicht zur wachsenden Unruhe der Wähler in den Wolfsregionen. Genauso wenig wie die Einschätzung, dass es zur Nachtzeit ganz normal sei, wenn Wölfe durch Siedlungen streifen.

Als Gegenteil einer vertrauensbildenden Maßnahme wirkt da wohl auch das späte Eingeständnis des Bundesamts, dass es mit der natürlichen Menschenscheu der Wölfe doch nicht so weit her ist, wie über Jahre verkündet. Unter Experten gelten die Tiere schon lange als „Kulturfolger“ und „Nahrungsopportunisten“. Sie holen sich ihr Fressen also dort, wo sie es mit möglichst geringer Mühe erbeuten können.

Alles Erkenntnisse, die aus Ländern mit deutlich mehr Wolfserfahrung längst bekannt sind. Wie der Umstand, dass Wölfe gern auf Vorrat töten. Sprich: sie reißen mehr Nutztiere, als sie sofort fressen können. In der unberührten Natur ein durchaus sinnvoller Vorgang, auch wegen der kleineren Aasfresser, die sich an dem gütlich tun, was die Wölfe übrig lassen.

Und schon steht die nächste Unwahrheit auf dem Prüfstand: Es gab in der Neuzeit keine Angriffe gegen Menschen in Europa. Die anerkannte Expertin Elli Radinger erzählte im ZDF-Talk ganz unaufgeregt von vier toten Kindern in Spanien. Zwar mit dem zutreffenden Zusatz, dass weit mehr Menschen von Kühen getötet werden – aber immerhin.

Frau Radinger war es auch, die schon im vergangenen Jahr davor warnte, die Zahl der Wölfe in Deutschland klein zu rechnen: Während aktuell noch die Schätzung von 200 Tieren durch Medien und Behörden geistert, sind es nach Meinung der Fachfrau 500 bis 600 Tiere. Und damit wohl das, was im Europäischen Recht mit einem günstigen Erhaltungszustand gemeint ist.

Für Hobby-Experten: Wenn ein günstiger Erhaltungszustand gewährleistet ist, lässt das EU-Recht eine Kontrolle der Bestände zu. Dies ist die Grundlage für die reguläre Wolfsjagd in Schweden und Finnland, bekanntlich EU-Mitgliedsländer. Der schwedische Reichstag hat den günstigen Erhaltungszustand mit großer Mehrheit bei einer Zahl zwischen 220 und 270 Tieren definiert – und festgelegt, dass die Rentierweidegebiete in den nördlichen Landesteilen von Wölfen frei gehalten werden müssen.

Unter den Jägern wird die Weigerung, sich an Entnahmen zu beteiligen, immer deutlicher

Dass die EU auch Abschüsse zur Erhaltung des sozialen Friedens duldet, belegt das Beispiel Finnland. Und nun auch Schweden, nachdem die dort lebenden Wölfe immer öfter in städtischen Regionen für Unruhe sorgen. Nebenbei: Offenkundig, weil die Menschen in Stockholm das Risiko bisher nicht kannten, ist neuerdings auch die Zahl der von Wölfen gerissenen Haushunde wieder angestiegen. In den klassischen Wolfsgebieten ist sie stark rückläufig, weil kaum noch jemand wagt, Hunde unangeleint laufen zu lassen.

Dass auch die Zahl der Weidetierrisse geringer geworden ist, hat vor allem damit zu tun, dass viele schwedische Kleinbauern die Schafhaltung aufgegeben haben – und das Feld den Großbetrieben mit Stallhaltung überlassen. Entwicklungen, die Deutschland wohl noch vor sich hat. Und die mit ein Grund dafür waren, dass die rot-grüne Landesregierung von Niedersachsen platzte. Dort hatte eine Abgeordnete der Grünen lange ungehört darauf verwiesen, dass die Beweidung der Deiche unmöglich wird, wenn Wölfe die Schafe reißen (wir berichteten).

Ein Kernproblem, wenn sich die Einsicht durchsetzt, dass es ohne „Management“ nicht klappen wird mit den Wölfen: Unter Jägern wird die Weigerung, sich an Entnahmen zu beteiligen, immer deutlicher. Eben erst hat der Bautzener Landrat Michael Harig (CDU) darauf hingewiesen, dass Aufrufe zur Gewalt und die „Kriminalisierung“ von Jägern und Nutztierhaltern zum Problem werden, wenn die Entnahme von Wölfen nötig werden sollte.

In Thüringen ist es wohl so weit: Dort ist das Umweltministerium immer noch damit beschäftigt, die Frage zu klären, ob man die Mischlingswölfe vom Ordrufer Truppenübungsplatz überhaupt einfangen darf – und wer dazu befugt ist. Eine Rechtsunsicherheit, die sich schon im Jahr 2006 zeigte, als Braunbär Bruno in Bayern erlegt werden sollte – und sich die Jäger in Bayern und Tirol geschlossen für unzuständig erklärten.

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