Wolf und Wirklichkeit

Der immer härter werdende Streit um Deutschlands Wölfe treibt schlimme Blüten: Vor allem der offene Hass gegen Weidetierhalter macht den Fans der Raubtiere keine Ehre.

Wolf

Foto: Tobias Bürger

Für manche Leute ist immer der Bauer schuld, wenn Wölfe Schafe im Dutzend und gelegentlich auch Rinder oder Pferde reißen. Mal sind die Schutzzäune nicht hoch genug, mal hat es der Viehhalter versäumt, seine Tiere für die Nacht in den Stall zu treiben. Realitätssinn sieht anders aus. Verständnis für das Anliegen, den Wölfen hier dauerhaft Heimat zu bieten, wird so nicht gelingen.

Zur erforderlichen Zaunhöhe und zum Sprungvermögen empfiehlt sich die Betrachtung eines Videos aus einem russischen Wolfsgehege (hier klicken). Zunehmend wird da klar, wie sehr sich die Theoretiker in Widersprüche verstricken. Aktuell mit der Behauptung, dass die eben noch geforderten Zäune schuld sind, wenn Wölfe weit mehr Weidetiere töten als sie bräuchten, um satt zu werden. Wieder ist angeblich der Bauer schuld, weil er seinen Tieren mit dem Zaun die Chance nimmt, vor der Raubtieren Reißaus zu nehmen. Geht´s noch?

Klar ist, dass Wolfsrudel töten, was sie kriegen können. Ganz natürlich im Sinn der Vorratshaltung. Und durchaus ökologisch, weil viele andere Tiere von dem Leben, was der Wolf von seiner Beute übrig lässt. So gesehen können Schutzzäune zwar tödlich sein, dienen letztendlich aber auch in ihrer verheerenden Wirkung für die Nutztiere dem Leben. Ob das den Geschädigten weiterhilft, ist eine Frage, die sich die meisten Radikal-Ökologen nicht einmal ernsthaft stellen.

Lieber versuchen sie es mit Märchenstunden. Etwa mit der frei erfundenen Geschichte, dass die Dinge in den „klassischen“ Wolfsländern reibungslos laufen. Am liebsten kein Wort darüber, dass in diesen Ländern die Jagd auf Wölfe an der Tagesordnung ist. Abgesehen vom aktuellen Beschluss der Rumänen, auf Abschüsse zu verzichten. Ein Experiment von ungewissem Ausgang – zumal in einem armen Land mit Kleinbauern, die sich wohl keinen Herdenschutz nach neuestem Stand der Technik leisten können.

Dass die Hoffnung, landwirtschaftliche Verluste über florierenden Wolfstourismus auszugleichen, trügerisch ist, haben die Skandinavier längst erfahren. Den Durchschnittsferiengast lässt die Chance auf eine Wolfsbegegnung eher schaudern. Zumal, seit Wölfe auf Streifzügen durch urbanes Gebiet wie das riesige Einkaufzentrun Marieberg im Westen der schwedischen Provinzhauptstadt Örebro abgelichtet wurden.

Örebro ist ein Exempel für die Begegnung zwischen Wolf und Wirklichkeit: Die Behörden dort beschlossen im vergangenen Winter, ein ganzes Rudel zu „entnehmen“, also zum Abschuss freizugeben. Die Stadt ist förmlich umzingelt von Wolfsrevieren. Begegnungen am helllichten Tag sind längst nicht mehr ungewöhnlich. Im Revier Malingsbo-Kloten hat sich der Wolfsbestand binnen Jahresfrist vervierfacht. Womöglich muss heuer dort die traditionelle Herbstjagd des Königs abgesagt werden, weil es wegen der Raubtiere zu wenig Elche gibt. 

Die schwedische Stadt Örebro begründet Wolfsabschüsse mit der notwendigkeit, den „sozialen Frieden“ zu wahren

Zur Begründung der Wolfsabschüsse führt die Stadt Örebro auch die Notwendigkeit an, den „sozialen Frieden“ zu wahren – wie in Finnland, wo die vermeintlich strengen Jagdverbote durch die Europäische Union ebenfalls kein echtes Hindernis für Raubtiermanagement mit der Schusswaffe darstellen. Brüssel belässt es bei Mahnungen, lässt es aber nicht auf einen Rechtsstreit ankommen.

Zur ganzen Wahrheit gehört zudem, dass die skandinavischen Länder ganze Regionen ziemlich konsequent wolfsfrei halten – vor allem in den Rentierweidegebieten im Norden. Dort hat die ohnehin bedrohte Kultur der Samen Vorrang. Sündteure Versuche, zu Schaden gehende Wölfe per Hubschrauber einzufangen und umzusiedeln, sind längst einer ziemlich rigiden Abschusspolitik gewichen.

Dass die EU-Bürokratie in Deutschland verhindern wird, was in anderen Mitgliedsländern toleriert wird, ist da wohl eine trügerische Hoffnung. Zumal das europäische Recht lediglich den Erhalt überlebensfähiger Raubtierbestände vorschreibt und es Sache der nationalen Parlamente bleibt, Ober- und Untergrenzen für Luchs, Wolf und Bär zu beschließen.

Mitunter werden bereits ja auch die natürlichen Obergrenzen erreicht: Stark abgemagerte und im Kampf mit Elchen schwer verletzte Wölfe sind in Schweden nicht mehr ungewöhnlich. Dass immer mehr Kleinbetriebe die traditionelle Weidehaltung aufgeben, wird den Nahrungsmangel weiter verschärfen – und die Angst der Menschen vor Wölfen, die auf der Suche nach Essbarem durch die Wohnviertel streifen.

Ob dann der massenhafte Einsatz von Herdenschutzhunden noch eine Lösung sein kann, wird sich zeigen: Die durchaus auch mannscharfen Wächter bereiten den Tourismusmanagern in den Bergwandergebieten jetzt schon Kopfzerbrechen. Womöglich eher eine reale Bedrohung als das Risiko, vom Wolf gebissen zu werden. Und selbst mit den Eseln als Geheimwaffe zur Wolfsabwehr ist es so eine Sache: Der Deutsche Tierschutzbund warnt in einem Merkblatt schon, dass es keine artgerechte Haltung sei, Esel und Schafe gemeinsam weiden zu lassen.

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