Zurück zur Natur ­– das gibt’s wohl gar nicht

Landschaft

Jagen die Anhänger eines kompromisslosen Natur-Ideals einem Phantom hinterher? Oder ist es sinnvoller, die durch Menschen geprägte Natur mit Sinn und Verstand weiter zu entwickeln? Britische Umwelt-Archäologen vertreten dazu interessante Thesen.

„Zurück zur Natur“, wie einst der Philosoph Jean-Jacques Rousseau gefordert haben soll, ist wohl eine unerfüllbare Illusion. Das weltweit geachtete Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte bringt die Evolution auf den Punkt, dass alles, was wir an Natur kennen, über die Jahrtausende von Menschen geprägt und verändert wurde. Das gilt logisch auch für die Wildtiere. Im Zeitraum zwischen 50.000 und 10.000 Jahren vor unserer Zeit sind zwei Drittel der ursprünglich existierenden Großtierarten durch den Menschen verdrängt und ausgerottet worden, sagt die von der Oxford-Wissenschaftlerin Nicole Boivin geleitete Studie.

Dies zeige den „tiefgreifenden Einfluss der Menschen auf die Verteilung der Tier- und Pflanzenarten weltweit“, zitiert die „Zeitschrift der National Academy of Sciences of the United States of America“ (PNAS) die Forscher. Naturbelassene Landschaften gebe es schon lange nicht mehr. Statt der Sehnsucht nach Vergangenem nachzuhängen, sei die Menschheit gut beraten, das heute vorhandene Ökosystem zu schützen und zu erhalten.

„Wenn wir genauer wissen wollen, wie wir am besten unsere Natur schützen und Arten erhalten können, müssen wir unsere Perspektive ändern“

Nicole Boivin

„Wenn wir genauer wissen wollen, wie wir am besten unsere Natur schützen und Arten erhalten können, müssen wir unsere Perspektive ändern“, fordert Nicole Boivin: „Vielleicht sollten wir mehr darüber nachdenken, wie wir saubere Luft und frisches Wasser für künftige Generationen sichern können, als darüber, wie wir die Erde in einen ursprünglichen Zustand zurückführen können. Dafür haben die Menschen einfach zu lange das Ökosystem geprägt.“

Menschgemachte Natur begegnet uns in den Rinder-Rassen ebenso wie in Ziegen oder Hühnern. Weltweit gibt es mindestens 700 Millionen Hunde – weit mehr als Wölfe, aus denen sie unter menschlichen Zutun gezüchtet wurden. Und zur ganzen Wahrheit gehört wohl auch, dass viele Tierarten nur in der von Menschen geprägten Umwelt eine Überlebenschance haben, weil sie sich dieser in vieltausendjährigen Evolutionsprozessen angepasst haben.

Selbst die Ausbreitung vieler Arten ist menschgemacht, schreiben die Forscher: „Viele der heute am häufigsten vorkommenden Pflanzen- und Tierarten wurden von unseren Vorfahren begünstigt, umgekehrt führten Jagd und veränderte Landnutzung bereits vor Tausenden von Jahren zum Aussterben vieler Arten.“

Deshalb sei die Überlegung angebracht, „dass wir in Anbetracht dieser und anderer Belege für langfristige anthropogene Veränderungen eher pragmatische Lösungen für den Naturschutz suchen sollten“, statt das „unerreichbare Ideal“ vermeintlich „natürlicher Bedingungen“ anzustreben.

Vielmehr sei es „eine Fehleinschätzung, dass Gesellschaften vor der industriellen Revolution die Umwelt oder die Vielfalt der Arten nur wenig beeinflusst haben“. Das Gegenteil lasse sich mit modernen Methoden wie der Genanalyse nachweisen. Vom Nahen Osten, in dem die laubabwerfenden Bäume durch Menschenhand durch immergrüne Steineichen ersetzt wurden, bis zu den mindestens 50 Nahrungspflanzen, die bereits in der römischen Antike den Weg auf die britischen Inseln fanden.

Nicole Boivin: „Wir waren und sind so etwas wie die Konstrukteure des Ökosystems. Die Frage ist, welche Art von Ökosystem wir für die Zukunft schaffen. Wird es das Wohlergehen unserer eigenen Spezies und das anderer Arten unterstützen oder wird es ein groß angelegtes Artensterben und den unumkehrbaren Klimawandel nach sich ziehen?“

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