Liebe Hundehalter, wir müssen reden!

...und zwar darüber, dass freilaufende Hunde eine ernstzunehmende Gefahr sein können. Und darüber, warum „der tut nix“ häufig nicht stimmt.

Hundehalter

Symbolbild: ToNic-Pics

Übersee (Bayern): Ein Mischling attackiert am Waldrand ein Reh, das nicht schnell genug flüchten kann. Es ist bayernwelle.de zufolge so schwer verwundet, dass ein Jäger das Tier erlösen muss. Dabei stellt sich heraus: Das Reh hatte zwei Kitze im Bauch. Essen (Nordrhein-Westfalen): Ein freilaufender Hund beißt ein Reh, ein Augenzeuge versucht laut der WAZ noch, dem Tier das Leben zu retten – erfolglos. Das Reh bewegt sich wenige Minuten später nicht mehr. Und noch einmal Essen, am gleichen Tag: In einem anderen Stadtteil reißt sich ein Hund von der Leine los und treibt ein Reh in einen Zaun, wo das Tier mit dem Tod ringt. Die Polizei muss das schwerverletzte Reh schließlich erschießen.

Ereignet haben sich diese aktuellen Vorfälle innerhalb weniger Tage. Und sie sind nur die Spitze des Eisbergs – nur die besonders grausigen Fälle schaffen es überhaupt noch in die Presse. Von wildernden Hunden getötete Wildtiere gehören schon fast zum Alltag – auch, wenn so manche Politiker das vielleicht nicht wahrhaben wollen (wir berichteten). Obwohl die Öffentlichkeit für das Thema eigentlich sensibilisiert sein sollte, häufen sich vor allem im Frühjahr wieder die Berichte über Hunde, die Wildtiere hetzen, anfallen oder totbeißen. Und Jahr für Jahr reden Jäger sich den Mund fusselig, dass Hundehalter ihre Vierbeiner anleinen sollen. Gerade in der Brut- und Setzzeit von März bis Juli wäre ein verantwortungsvoller Umgang mit dem eigenen Hund so wertvoll.

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Aber allen Verboten, Appellen, Schockfotos und Info-Broschüren zum Trotz halten sich noch immer wenige ans Leinengebot (oder je nach Bundesland an die entsprechende Pflicht), weshalb es auch schon mal zu handfesten Auseinandersetzungen kommt (wir berichteten) – häufig nach dem Motto „mein Hund tut nix“. Tatsächlich tun die Hunde in vielen Fällen auch nichts oder jedenfalls richten sie keinen sichtbaren Schaden an. Trotzdem geht „der tut nix“ am Problem vorbei – nur, weil man den Schaden nicht direkt sehen kann, heißt es nicht, dass keiner entstanden ist. Es reicht schon, wenn ein Hund ein Entenpaar aufstöbert, woraufhin die Eier auskühlen und kaputtgehen. Oder wenn ein Hund in einem Feld herumtobt, wo das hungrige Kitz dann vergeblich auf die Ricke wartet. Oder, oder, oder.

Den Hunden kann man dabei nicht den geringsten Vorwurf machen. Endlich haben Herrchen und Frauchen wieder mehr Laune, mit ihnen draußen in der Natur zu sein. In der Tierwelt kommen Frühlingsgefühle auf, was auch an den feinen Sinnen unserer Vierbeiner nicht vorübergeht: Überall riecht es so verführerisch und in jeder Hecke raschelt es. Wenn die Natur erwacht, entdecken selbst Schoßhündchen und Couch Potatoes plötzlich ihren Jagdtrieb wieder. Da ist es klar, dass man seinem Vierbeiner auch mal die Freiheit gönnen will, herumzurennen, zu schnüffeln und sich auszutoben. Genau an dieser Stelle treffen einige Hundehalter jedoch die falsche Entscheidung.

Was vielen Hundehaltern nicht klar ist: Sie bringen auch ihren eigenen Hund mitunter in Lebensgefahr, wenn sie ihn ohne Leine laufen lassen

Aus der Überzeugung heraus, ihrem Hund etwas Gutes zu tun, wandert die Hand zum Halsband und klick, ist die Leine ab. Dann spielt es eigentlich keine Rolle mehr, ob der Hund sonst einwandfrei pariert. Auch der wohlerzogenste, disziplinierteste Vierbeiner kann unberechenbar werden, sobald er einmal Witterung aufgenommen hat. Hunde in Handtaschenformat können Wildtiere genauso in Panik versetzen wie größere Rassen. Abseits des Waldweges, in Feldern und Wiesen oder im Wasser werden freilaufende Hunde für die dort lebenden Wildtiere dann zur tödlichen Gefahr – und zwar unabhängig von Rasse, Erziehung oder Alter.

Was vielen Hundehaltern nicht klar ist: Sie bringen auch ihren eigenen Hund mitunter in Lebensgefahr, wenn sie ihn ohne Leine in Wald und Flur laufen lassen. Gegen eine führende Bache, die sich und ihre Frischlinge verteidigt, hat kaum ein Hund eine reelle Chance. Zudem ist die Gefahr nicht zu unterschätzen, dass der Hund sich auf eine Landstraße oder gar auf die Autobahn verirrt, wo Kollisionen mit vorbeifahrenden Autos nicht selten fatale Folgen für Mensch und Tier haben. Und je nach Bundesland haben Jagdpächter den gesetzlichen Auftrag, wildernde Hunde zu erlegen (was ein Jurist Jägern und Hundehaltern zu diesem Thema rät, lesen Sie hier).

Was also tun, wenn man dem Hund verantwortungsvoll Auslauf gewähren will? Die Möglichkeiten sind vielfältig und gar nicht schwer umzusetzen. In den meisten Städten oder zumindest in der Nachbarstadt gibt es umzäunte Freilaufflächen, wo die Hunde auch ohne Leine stöbern, laufen und toben können. Im westfälischen Gevelsberg haben Jäger etwa eine naturnahe Hundewiese geschaffen, wo Hunde auf einer Fläche von einem Hektar ungestraft ohne Leine herumtollen können (wir berichteten). In der freien Natur gilt grundsätzlich: Leine dran und auf den gekennzeichneten Wegen bleiben. Dabei muss es ja nicht immer die ganz kurze Leine sein, auch Schleppleinen sind mit etwas Training oft eine gute Lösung.

Das Bedürfnis, dem vierbeinigen Gefährten Freiheit zu gönnen, in allen Ehren – gerade in der Brut- und Setzzeit können auch vermeintlich harmlose Situationen viel Stress für die Wildtiere bedeuten. Trächtige Rehe können etwa nicht so schnell flüchten, und schon der Geruch eines Hundes kann dazu führen, dass Vögel ihre Gelege verlassen. Wer mit offenen Augen und Ohren durch die Natur geht und im Zweifel lieber mal die Leine dranlässt, erspart sich selbst, seinem Vierbeiner und vor allem den Wildtieren eine Menge Ärger.

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