Interview: Moderne Landwirtschaft und Artenschutz schließen sich nicht aus

Schließen sich moderne Landwirtschaft und Artenschutz aus? „Nein!“, ist Ole Niemczik, Vorsitzender des Jagdverbands Märkisch-Oderland überzeugt.

Interview: Moderne Landwirtschaft und Artenschutz schließen sich nicht aus!

Blühstreifen

Egal, ob Bayern, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein – in der gesamten Bundesrepublik beklagen Jäger den besorgniserregenden Rückgang des Niederwilds. Gehörten in vielen Regionen bis vor einigen Jahren noch Fasan, Rebhuhn oder Feldlerche zum typischen Bild der Feldflur, sind diese inzwischen vielerorts nur noch selten bis gar nicht mehr anzutreffen. Forscher sind sich sicher, dass die Gründe vor allem in den Veränderungen in der Landwirtschaft zu suchen sind. Den Tieren mangelt es an Biotopen, der verstärkte Einsatz von Insektiziden gefährdet ihre Nahrungsgrundlage und die gut gemeinten Greeningflächen genügen oft nicht den Ansprüchen des Niederwilds.

Schließen sich moderne Landwirtschaft und Artenschutz also aus? „Nein!“, ist Ole Niemczik, Vorsitzender des Jagdverbands Märkisch-Oderland in Brandenburg, überzeugt. Im Interview mit Outfox-World berichtet er von der Situation in seinem Bundesland und einem vielversprechenden Projekt, das dort die Jägerschaft im Dialog mit Landwirten und dem Kreisbauernverband entwickelt hat.

Ole Niemczik

Ole Niemczik, Foto: Dr. Tino Erstling 

Herr Niemczik, welche Maßnahmen hat Ihr Jagdverband Märkisch-Oderland ergriffen, um dem Niederwild einen besseren Schutz zu bieten?

Ole Niemczik: Unser Jagdverband ist in engem Kontakt mit den örtlichen Landwirten sowie dem Kreisbauernverband. Unser Ziel ist es, gemeinsam etwas für den Artenreichtum der Feldflur zu tun. Als Pächter eines Feldreviers, in dem seit Mitte der 1990er-Jahre die Rebhühner völlig verschwunden sind, die Fasanenbesätze auf einem geringen Niveau stagnieren und in dem ein hoher Anteil an Mais im Feld steht, habe ich ein Projekt mit den Jagdgenossen, den Landwirten und meinen Mitjägern ins Rollen gebracht. Gemeinsam versuchen wir, mindestens vier Prozent der Feldfläche als Blühstreifen zu nutzen.

Die Landwirte sind seit der letzten GAP-Reform (Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik) dazu verpflichtet, sogenannte Greening-Maßnahmen durchzuführen. Eine Möglichkeit, die vorgeschriebene Fläche – mindestens fünf Prozent der landwirtschaftlichen Fläche – zu erreichen, ist die Anlage von ökologischen Vorrangflächen in Form von Pufferstreifen oder Ackerrandstreifen.

Genau hier besteht eine Ansatzmöglichkeit für die Jäger: Wenn die Landwirte ohnehin verpflichtet sind, solche Flächen zu schaffen, dann sollten wir Jäger versuchen, diese Flächen mitzugestalten und so zum Lebensraum werden zu lassen.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Greening-Maßnahmen nicht immer von Erfolg gekrönt sind – worauf kommt es an?

Ole Niemczik: Um mithilfe der Greening-Maßnahmen etwas für Rebhuhn, Fasan und Co. zu erreichen, ist es wichtig, dass diese zu aufgeschlossenen Flächen führen. Das bedeutet: Der Anbau von sogenannten Leguminosen, wie Erbsen oder Lupinen, auf der Gesamtfläche eines Flurstücks allein reicht nicht aus, da dadurch die großen Strukturen nicht unterbrochen werden. Darüber hinaus müssen die in den Ackerrandstreifen angebauten Pflanzenarten dem Wild Äsung und Deckung bieten (Anm. d. Red.: Nahrung und Schutz). Der flächige Anbau von greeningfähigen Kulturen ist dabei nicht zielführend. Um ökologische Fallen zu vermeiden, müssen Blühstreifen vielmehr gut auf der Fläche verteilt sein. Eine Mischung aus Wicke, Sonnenblume, Rispenhirse, Weißklee, Rotklee, Ringelblume, Wiesenrispe und Weidelgras bietet den Arten ausreichend Kost und Logis.

Kontraproduktiv ist zudem die Verpflichtung, die Flächen einmal innerhalb der Vegetationszeit – nach dem 15. Juli – zu mulchen, also den Pflanzenaufwuchs zu mähen und zu zerkleinern, der auf der Fläche belassen wird). Vielmehr sollte der Landwirt erst kurz vor dem Vegetationsbeginn mähen, um dadurch den Wildtieren über den Winter ausreichend Deckung und Äsung zu ermöglichen.

Rebhuhn Ryszard Adamus

Rebhuhnm, Foto: Ryszard Adamus

In der öffentlichen Diskussion heißt es oft: Eine produktive Landwirtschaft und Arten- und Umweltschutz schließen sich aus – welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ole Niemczik: Wenn die Landwirtschaft ihre derzeitigen Ansätze nicht ändert, dann ist der obige Satz durchaus zu unterschreiben. Wenn die Landwirte aber die ihnen gegebenen Möglichkeiten in der beschriebenen Art und Weise nutzen, dann sind eine produktive, konventionelle Landwirtschaft und Arten- und Umweltschutz miteinander vereinbar. Das beweist das von uns angestoßene Projekt. Hier muss allerdings auch aufseiten der Politik und bei den Auflagen für die Landwirte nachgebessert werden. Es gibt leider zum Teil unsinnige Auflagen in den Förderrichtlinien, die eher negative Auswirkungen haben. Dazu zählt beispielsweise das bereits erwähnte Mulchen während der Vegetationszeit.

Auf wie viele Jahre ist das von Ihnen beschriebene Projekt zunächst angelegt und welches konkrete Ziel haben Sie sich gesetzt?

Ole Niemczik: Wir haben das Projekt zeitlich nicht befristet, hoffen aber, innerhalb von fünf Jahren die Bedingungen für die Wiederansiedlung des Rebhuhns geschaffen zu haben. Dazu werden wir jährlich mehrmals Dokumentationen und Kartierungen der vorkommenden Arten durchführen.

Dieter Hopf Kolkrabe

Kolkrabe, Foto: Dieter Hopf

Blühstreifen sind nur ein Beispiel für Revierpflege. Worauf kommt es außerdem an?

Ole Niemczik: Das Wichtigste ist die Schaffung von Strukturen in der Offenlandschaft. Große Ackerflächen oder eine Aneinanderreihung von vielen zusammenhängenden Flächen mit einer Größe von 200 Hektar oder mehr sind im Osten keine Seltenheit. Meist werden diese nicht einmal durch Hecken oder Knicks (Wallhecken) unterbrochen. Hier helfen Blühstreifen zwar enorm, aber viel wichtiger wäre hier die Anlage von Hecken. Häufig ist es ein langer und schwieriger Weg, die Landeigentümer und Landwirte von den Vorteilen einer Hecke zu überzeugen. Einfacher ist es, Heckenreste, die hier und da noch vorhanden sind, wieder aufzubauen.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Raubwildbejagung?

Ole Niemczik: Ohne eine scharfe Raubwildbejagung ist es nicht möglich, die Offenlandarten zu fördern. Hier müssen alle zur Verfügung stehenden Mittel genutzt werden. Auch und vor allem die Rabenvögel müssen kurzgehalten werden. Man darf aber nicht dem Irrglauben erliegen, allein über eine intensive Raubwildbejagung einen stabilen Niederwildbesatz aufbauen zu können. Die Raubwildbejagung ist lediglich ein Baustein im gesamten System der Hegemaßnahmen.

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