Blühende Bioenergie: Wildpflanzen-Projekt auf Erfolgskurs

Wildblumen statt Maisfeld

Das Münsterland ist vor allem für seinen ländlichen Charme und seine intensive Landwirtschaft bekannt. Mittendrin liegt Billerbeck, eine Gemeinde mit knapp 12.000 Einwohnern. Neben seiner idyllischen Lage und dem Dom kann das Städtchen vor allem eines vorweisen: zahlreiche Maisfelder, welche die Landstraßen säumen. Doch die monotone Landschaft wird zunehmend von bunten Wildblumen aufgelockert. 

Dies liegt nicht nur daran, dass immer mehr Landwirte hier und überall in Deutschland ihre Felder mit Wildäckern und Blühstreifen aufwerten (wir berichteten), sondern auch an dem ambitionierten Vorhaben eines Jägers und Landwirts, der auf Artenvielfalt statt Maissteppe setzt. Denn die bunten Wildblumen können noch viel mehr, als nur schön auszusehen. Seit gut vier Jahren testet Franz-Josef Schulze Thier aus Billerbeck die alternative Anbaumethode. Das Ziel des Projekts „Energie aus Wildpflanzen“: eine ökologische Alternative zum Maisanbau zu schaffen, die Energie für Biogasanlagen liefert und gleichzeitig einen Lebensraum für seltener gewordene Tierarten schafft.

Als Vorsitzender der Kreisjägerschaft hat Schulze Thier eine besondere Motivation, an dem Projekt teilzunehmen: „Ich will Vorreiter sein, um vielleicht auch andere von dem Vorhaben begeistern zu können. Als Jäger möchte ich gerne die Vorteile ausloten und schauen, wie die Felder von den Tieren angenommen werden. Lebensraum für die heimischen Wildtiere zu schaffen, ist für die Jägerschaft eine Herzensangelegenheit.“ Als Schulze Thier beim Wildschutztag des Landesjagdverbandes NRW in Rheinberg 2011 von dem Projekt gehört hat, wusste er sofort: „Da muss ich einsteigen.“

Auf den beiden Versuchsflächen von Schulze Thier wachsen seit dem Frühjahr 2012 auf gut vier Hektar Wildblumen, die nicht nur als Substrat für Biogasanlagen verwendet werden können, sondern auch einen ökologischen Nutzen haben. Auf den Feldern muss der Landwirt zum einen weniger Pflanzenschutzmittel spritzen, zum anderen locken die Blüten Insekten an, die eine wichtige Nahrungsquelle für Tiere wie Rebhühner, Feldlerchen, Kiebitze und Fasane sind.

Ricke im Wildacker

Symbolbild: Dieter Hopf

Wildtiere fühlen sich in den wilden Wiesen besonders wohl, weil die Pflanzen nach dem Mähen schnell nachwachsen und ihnen im Winter Deckung und Schutz bieten. „Zudem haben Beutegreifer wie der Fuchs in den Wildblumen nicht so ein leichtes Spiel wie im Mais“, erklärt Schulze Thier. „Während sich Rehe, Hasen und Bodenbrüter in den gleichförmigen Reihen der Maisfelder kaum vor Füchsen oder Mardern verstecken können, finden sie auf den Wildblumenfeldern einen idealen Rückzugsort.“ Aber auch die Beutegreifer hätten sich mittlerweile an den neuen Lebensraum angepasst: Füchse streifen ebenfalls regelmäßig durch die wilden Wiesen.

Zu den Pflanzen, die Schulze Thier ausgesät hat, zählen Beifuß, Rainfarn, Wilde Karde, weißer und gelber Steinklee sowie verschiedene Malven; insgesamt sind es etwa 15 verschiedene Wildblumenarten. Jedes Jahr dominiert dabei eine andere. Um die Ausbreitung invasiver Pflanzenarten zu verhindern, werden ausschließlich heimische Wildpflanzen verwendet. Weil die Ernte ab Ende Juli erfolgt, fallen außerdem deutlich weniger Jungtiere dem Mähtod zum Opfer.

Begleitet wird das Projekt von Forschern der Universität Münster und von der Landwirtschaftskammer NRW. Dahinter steckt die Idee „GrünSchatz“, bei der auf Versuchsfeldern im westlichen Münsterland und im Lipperaum Wildblumenmischungen ausgesät werden. Es wird getestet, ob Wildblumen eine echte Alternative zu Maispflanzen bei der Biogaserzeugung sind und wie die Felder von Wildtieren angenommen werden. So haben die Forscher zum Beispiel Fallen im Mais und in den Wildblumenfeldern aufgestellt, um die dort lebenden Insekten zu untersuchen. Dabei haben sie herausgefunden, dass sich Insekten in den Wildblumen wesentlich wohler fühlen als im Mais. „Auch ein befreundeter Imker ist begeistert, weil die Bienen hier so viel abwechslungsreiche Nahrung finden“, freut sich Schulze Thier.

Die Zwischenbilanz zeigt erfreuliche Ergebnisse: Die Pflanzen können tatsächlich als Substrat für Biogasanlagen genutzt werden. Allerdings bringen sie rund 30 Prozent weniger Ertrag als Mais, was sich auch bei der finanziellen Ausbeute bemerkbar macht. Deshalb ist auf Dauer wohl eine finanzielle Unterstützung der Landwirte nötig, damit sie auch in Zukunft Wildblumen statt Mais anbauen und so wertvollen Lebensraum für das Niederwild schaffen. „Das Projekt ist allerdings noch in der Erfahrungsphase“, sagt Schulze Thier. „Als Jäger und Landwirte sollten wir uns jedoch alle um Lebensraum für Insekten und Wildtiere bemühen – daher dürfen wir nicht müde werden, immer wieder neue Wege auszuprobieren.“

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