Der deutsche Wald (III): „Wir lieben das Produkt Holz“

Philipp zu Guttenberg und Konstantin von Heereman über die Sorgen und Nöte der Forstwirtschaft, die geplante Stilllegung von Waldflächen und alternative Erlösmodelle.

Forstwirtschaft

Philipp Freiherr von und zu Guttenberg ist Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände AGDW – Die Waldeigentümer, Vizepräsident des Europäischen Waldbesitzerverbandes CEPF und Vorsitzender des Aktionsbündnisses Forum Natur.

Dr. Philipp Freiherr Heereman von Zuydtwyck ist Vorsitzender des Waldbauernverbandes NRW e.V. Er ist Stadtrat seiner Heimatgemeinde Hörstel und bewirtschaftet seinen traditionellen Land- und Forstwirtschaftlichen Betrieb Surenburg im Münsterland.

Herr zu Guttenberg, Herr von Heereman, wie sind Sie beide zum Thema Wald gekommen?

Guttenberg: Ich wurde im Grunde in einen Wald hinein geboren und bin dort aufgewachsen. Und da meine Familie seit vielen Generationen nicht nur im Wald lebt, sondern auch vom Wald, habe ich von klein auf gelernt, dass der Wald nicht nur einen großen Erholungsfaktor besitzt, sondern auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist. 
Heereman: Bei mir war die Situation vergleichbar. Der Wald war für mich immer ein normales Stück Heimat. Bei uns im Münsterland dominiert allerdings die Landwirtschaft und das Interesse gilt eher der Weizenernte als den Holzpreisen. Über die Agrarpolitik und das Thema Eigentum bin ich dann auf den Wald als wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufgabe gestoßen. Und dies ist ein sehr spannendes Gebiet, weil hier ganz viele gesellschaftlichen Themen ineinandergreifen.

Zum Beispiel?

Heereman: Zum Beispiel die Frage der Flächenstilllegung. Das Thema gab es bereits in den achtziger Jahren in der Landwirtschaft, damals mit großen Interventionen, Ausgleichsgeldern und Programmen, die dann alle gescheitert sind. Nun ist es das Ziel der Politik, große Teile der Waldflächen stillzulegen. Allerdings soll es dafür keine Programme geben. Es wird einfach gesagt, das tut dem Wald und der Natur gut, Ende. Seit 2007 gibt es in Deutschland die „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“, in der ein Kernsatz lautet: „2020 beträgt der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung fünf Prozent der Waldfläche.“ Mittlerweile spricht man von zehn Prozent und zusätzlich von zwei Prozent Wildnis. Das sind Größenordnungen, bei denen wir echte Probleme bekommen, nicht nur die Forstwirtschaft.                            

„Natürliche Waldentwicklung“ klingt erst einmal nicht schlecht. Was stört Sie daran?

Guttenberg: Zum einen wird hier von der Politik das 300 Jahre alte Erfolgsmodell der multifunktionalen und nachhaltigen Bewirtschaftung des Waldes in Abrede gestellt. Stattdessen wird ein segregativer Ansatz wie in den USA verfolgt, wo klar getrennt wird zwischen den Nationalparks auf der einen Seite und den „Kiefernfabriken“ oder „Fichtenfabriken“ auf der anderen. Wir haben hier immer einen integrativen Ansatz gehabt, bei dem auf derselben Fläche alle Funktionen umgesetzt werden. 

Welche Folgen hätte die Umsetzung der Biodiversitätsstrategie?

Guttenberg: Auf der ökonomischen Seite entgehen der Wertschöpfungskette rund vier Milliarden Euro im Jahr. Zudem droht der Verlust von rund 40.000 Arbeitsplätzen – und zwar in ländlichen Räumen, die ohnehin schon strukturschwach sind. 
Heereman: Das Irrwitzige ist, dass durch den Wegfall der Holzproduktion ja nicht der Bedarf an Holzprodukten zurückginge. Wir würden also auf den Gebrauch einer unserer wichtigsten nationalen Ressourcen verzichten und anschließend das Holz aus dem Ausland importieren. Ergo exportieren wir damit unsere Umweltprobleme, um hierzulande die Insel der Seligen spielen zu können. Deshalb verfolgt die Forstwirtschaft einen ganzheitlichen Ansatz und sagt, dass wir durch eine integrierte, naturnahe Waldbewirtschaftung genau denselben ökologischen Effekt darstellen können wie mit großflächigen Stilllegungsflächen.

Wald

Nun erklären aber die Verfechter der Biodiversität, dass diese eine höhere Artenvielfalt ermöglicht.

Heereman: Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass in einem bewirtschafteten Wald keine Tier- und Pflanzenarten fehlen, die in einem nicht bewirtschafteten Wald zu finden sind. 
Guttenberg: Im Gegenteil, die Artenvielfalt ist sogar höher! Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir in Deutschland – und auch in Österreich – eine unwahrscheinlich breite Bewirtschaftung haben. Wir haben in Deutschland rund zwei Millionen Waldbesitzer, die Durchschnittsfläche beträgt 2,7 Hektar. Der Hauptteil der Fläche ist also in den Händen von Klein- und Kleinstwaldbesitzern, lediglich ein bis zwei Dutzend Eigentümer besitzen über 1.000 Hektar.

Sie sagen also, dass die traditionelle Form der Waldbewirtschaftung die nachhaltigere ist?

Heereman: Der deutsche Wald ist die Summe vieler einzelner unternehmerischer Entscheidungen und weist deshalb eine Vielfalt auf, die man planerisch gar nicht erzeugen kann. Jetzt haben wir im Grunde ein Luxusproblem und sagen, wir legen alle still. Aber diesen Luxus können wir uns nicht erlauben. Denn die Konsequenzen richtungsweisender Entscheidungen sehen wir beim Wald erst nach Jahrhunderten. 
Guttenberg: Und wenn der Wirtschaftswald alle Tier- und Pflanzenarten potenziell in sich birgt, braucht man ihn nicht stillzulegen. Dann sollte man allenfalls mit allen Beteiligten darüber nachdenken, wie wir die Bewirtschaftung noch naturnäher gestalten können, und zwar auf 100 Prozent der Flächen. Das Paradoxe an der Situation ist, dass diese Unter-Schutz-Stellung des Waldes ja nicht geschah, weil dort Gefahr im Verzug war, sondern weil die Politik das Ergebnis eines nachhaltigen Wirtschaftens als schützenswert erachtete. Das heißt, wir werden letztlich für das Erreichte bestraft, in dem uns Flächen weggenommen und wir in unserer Bewirtschaftung eingeschränkt werden sollen. Im übrigen sind schon heute rund 68 Prozent der deutschen Waldfläche einer Schutzkategorie untergeworfen, von Naturschutz- und Landschaftsschutzgebieten bis hin zum Nationalpark. 

Aber betreffen die Stilllegungspläne nicht nur den Wald im Staatsbesitz?

Guttenberg: Ja, und deshalb sagen Politiker gern: „Das betrifft euch ja gar nicht.“ Allerdings hat der Staatswald auch immer eine rechtliche Vorbildwirkung. Das heißt, dass gesetzliche Vorschriften meistens nach fünf bis sieben Jahren auch für die Privatwälder gelten. 
Heereman: Das Problem ist, dass die Politik hier an den Prinzipien der Forstwirtschaft insgesamt rüttelt. Wenn zum Beispiel der Staat für sich entscheidet, einen ihm gehörenden Buchenbetrieb nicht mehr zu nutzen, gibt es in der Regel im Nachbarort immer noch das Sägewerk, das sich auf Buchen spezialisiert hat. Und da die wenigen Eigentümer von Kleinwald, die vielleicht auch Buchen anpflanzen, den Bedarf an Holz nicht decken können, wird der Säger über kurz oder lang zumachen. Deshalb ist es uns egal, ob die Entscheidungen den Privatwald, den Kommunalwald oder den großen Staatswald betreffen. Forstpolitik berührt immer allgemeine Prinzipien wie das Eigentum und die Wirtschaftlichkeit einzelner Akteure.

„Wir müssen aufpassen, dass wir nicht die ganze vom Holz lebende Wirtschaft vertreiben und am Ende allein ein Nationalpark bleibt, in den keiner fährt.“

Von welchen Größenordnungen sprechen wir in der Forstwirtschaft?

Guttenberg: Wir erwirtschaften einen Gesamtumsatz von 170 Milliarden Euro jährlich. Damit sind wir einer der größten Zweige der Volkswirtschaft. Und wir beschäftigen rund 1,2 Millionen Menschen, das ist doppelt so viel wie die Automobilindustrie. Das Problem ist, dass unsere Branche aus rund 150.000 kleineren und mittleren Betrieben besteht, während es in der Automobilindustrie oder auch bei den Energieversorgern lediglich eine handvoll große Unternehmen gibt, die ihre Interessen lautstark vertreten können.
Heereman: Die Forstwirtschaft ist weit über das Land verteilt und bekanntermaßen vor allem im ländlichen Raum angesiedelt. Es gibt Gegenden – zum Beispiel der Hochsauerlandkreis, Südwestfalen oder auch große Teile Österreichs –, da ist sie der größte Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber. Und deshalb droht mit der Stilllegung ganzer Flächen nicht nur der Verlust einzelner Arbeitsplätze, die vielleicht durch ein paar Stellen für Nationalpark-Ranger wieder ausgeglichen werden können, sondern ein gravierender ökonomischer Schaden.

Wie steht die Forstwirtschaft zu Nationalparks bzw. zu deren Ausweitung?

Guttenberg: Das Problem ist, dass die Nationalparks allesamt in strukturschwachen Räumen angelegt sind, etwa in der Eifel, im Frankenwald, im Steigerwald, im Unteren Odertal oder im Harz. Bei deren Einrichtung haben sich die anliegenden Gemeinden finanzielle Einnahmen durch sanften Tourismus versprochen. Doch diese bleiben fast immer aus, wenn die Gäste merken, dass sie in viele Wälder gar nicht mehr richtig hineindürfen und sie sich Bäume nur unter strengen Auflagen oder gar nur aus der Ferne ansehen können. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht die ganze vom Holz lebende Wirtschaft vertreiben – die Förster, die Waldarbeiter, die Schreiner und Tischler, die Möbelbauer und irgendwann auch die Bäcker und die Tankstellen, wo die Kollegen eingekauft haben – und am Ende allein ein Nationalpark bleibt, in den keiner fährt. Was sich für einzelne Träumer vielleicht anhört wie die Schaffung einer heilen, natürlichen Welt bedeutet, dass ganze Regionen irreversibel abgehängt werden. 
Heereman: Damit da kein falscher Zungenschlag reinkommt: Gegen einzelne Nationalparks kann man gar nicht sein. Allerdings sollte deren Zielrichtung so definiert sein, dass sie allen Beteiligten nützt. Was wir aber erleben, ist mehr oder weniger Willkür. Warum sollen genau fünf Prozent geschützt werden, warum nicht drei oder sieben? Wer entscheidet, welche Baumarten und Tiere schützenswert sind? Und wie werden die Eigentümer in die Entscheidungsprozesse eingebunden?

Wenn Nationalparks für Sie keine Option sind, gibt es denn andere Erlösmodelle für die Forstwirtschaft?

Guttenberg: Das ist eine wichtige Frage. Die Forstbetriebe leben heute zu über 90 Prozent vom Holzverkauf. Weil es – zumindest noch – keine Märkte für andere Ökosystemdienstleistungen gibt. Und das müssen wir künftig hinterfragen. Seit Urzeiten nutzt die Allgemeinheit die Wälder, man kann in ihnen spazieren gehen oder Pilze sammeln. Das soll auch in Zukunft so bleiben. Wenn uns aber durch bewusste politische Entscheidungen ein Teil unserer Existenzgrundlage genommen wird, dann müssen wir nach einem Ausgleich suchen. 
Die Wälder bieten ja nicht nur den Spaziergängern frische Luft, sondern sie reinigen auch die Abgase der Industrie. Und nicht zuletzt ist der Wald auch der größte Lieferant von sauberem Grundwasser. Überall im Lande greifen private Wasserunternehmen – die Städte, also der Staat, haben sich hier ja vielfach zurückgezogen – auf dieses Reservoir kostenlos zu und nehmen dann bei den Verbrauchern Milliarden ein. Deshalb halten wir es für angemessen, wenn die Wasserwirtschaft für diese ganz konkrete Ökosystemdienstleistung, die wir anbieten, einen Beitrag entrichtet.  

Das klingt ein bisschen nach Retourkutsche.

Heereman: Das ist es aber nicht. Die Politik und die Gesellschaft insgesamt müssen jedoch verstehen, dass die Leistungen des Systems Wald nicht von selbst entstehen, sondern das Ergebnis einer jahrhundertealten, nachhaltigen Bewirtschaftung sind und deshalb auch eine tragfähige ökonomische Grundlage brauchen. Wir lieben das Produkt Holz. Und wir wissen, damit umzugehen. Und wir wollen es auch nicht geschenkt haben. Aber wir wollen den Wald nutzen dürfen, und zwar so, wie wir es seit Jahrhunderten erfolgreich machen. 
Guttenberg: Woher kommt denn der Begriff der „Nachhaltigkeit“, den heute die gesamte Politik im Munde führt? Aus der Forstwirtschaft! Was ich heute ernte, habe nicht ich gepflanzt, sondern meine Vorfahren; und was ich heute anpflanze, ernte nicht ich, sondern meine Nachfahren. Nachhaltigkeit ist für uns gelebter Generationenvertrag und ein ethischer Anspruch. Aber dieser hat ganz feste Prämissen, und das sind nicht die Ökologie oder irgendwelche Gleichgewichtsmodelle, sondern das ist die Verantwortung für den Fortbestand des Unternehmens und die Freiheit, selbst entscheiden zu können, was am besten für dieses Unternehmen ist. Nicht zuletzt gehört dazu die finanzielle und vor allem rechtliche Sicherung der ökonomischen Grundlagen. Und deshalb müssen wir, wenn wir über Nachhaltigkeit reden, auch über deren Fundamente sprechen.

Die vorigen Teile unserer Serie lesen Sie hier:

Der deutsche Wald (I): Nachhaltig aus Tradition
Der deutsche Wald (II): Wenn Bäume sprechen

Zuerst erschienen im Rotary Magazin. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Rotary Magazins.

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