Gedanken über die Rotwild-Problematik

Dieter Hopf – Rotwild

Foto: Dieter Hopf

Die Probleme mit der nahezu europaweiten, teilweise explosionsartigen Zunahme der Schwarzwildbestände haben eine durchaus ähnliche Entwicklung beim Rotwild etwas aus dem Fokus des Interesses verdrängt. Fakt ist jedoch, dass auch die Rotwildbestände und damit die Rotwildstrecken kontinuierlich ansteigen.

Während das Schwarzwild besonders gute Ernährungsbedingungen mit hohen Reproduktionsraten, das heißt: hohen Frischlingszahlen, quittiert, setzt das Alttier in guten wie in schlechten Jahren nur ein Kalb (Zwillingskälber kommen vor, sind aber extrem selten).

Die Gründe für das Anwachsen der Rotwildbestände müssen also anderswo liegen. Gibt es da neuere wildbiologische Erkenntnisse?

Ich bin weder Wildbiologe noch Wissenschaftler, sondern mache mir nur meine eigenen Gedanken auf der Basis jahrzehntelanger Erfahrungen als Revierleiter in einem Kernrevier und als Geschäftsführer eines Rotwildringes.

Wir gingen und gehen auch heute noch davon aus, dass der jährliche Zuwachs beim Rotwild 80 Prozent des am 1. April vorhandenen weiblichen Wildes beträgt und, dass das Geschlechterverhältnis der gesetzten Kälber im langjährigen Mittel 1:1 ist. Bei einem ebenso angenommenen Geschlechterverhältnis des Gesamtbestandes wären das also 40 Prozent der an diesem Stichtag vorhandenen Gesamtzahl an Rotwild. Bei angenommenen 100 Stücken Gesamtbestand kämen also im Mai/Juni 40 Kälber hinzu.

Ist aber das Geschlechterverhältnis 1:3 (und das kommt in den meisten Rotwild-Populationen der Wahrheit wohl sehr viel näher), dann beträgt der Zuwachs auf die angenommenen 100 Stücke Grundbestand nicht 40, sondern 60 Kälber. Man muss nicht Mathematik studiert haben, um sich auszurechnen, wie rasch sich der Rotwildbestand verdoppelt, wenn man glaubt, man hätte seinen Zuwachs mit der jährlichen Erlegung von 40 Stücken (statt 60 bei einem Geschlechterverhältnis von 1 : 3) abgeschöpft und damit seinen Bestand auf dem Ausgangsniveau stabilisiert.

Von diesen 60 Prozent des jeweiligen Grundbestandes am 1. April, die in der Folgejagdzeit – jährlich – erlegt werden sollten (will man ein Anwachsen des Bestandes verhindern), müssten wiederum mindestens 30 bis 35 Prozent in der Alttierklasse geschossen werden. Man könnte sogar darüber nachdenken, dort, wo reduziert werden muss, den Kälberabschuss zahlenmäßig nicht zu begrenzen.

Wie sollte die rotwild-Strecke sinnvollerweise aussehen?

All diese Überlegungen beziehungsweise deren Ergebnisse ließen sich ja noch relativ leicht umsetzen, gäbe es nicht die größte aller „Unbekannten“: Wie groß ist überhaupt mein Rotwildbestand?

In früheren Jahren, als wir zur Verhinderung beziehungsweise Reduktion der winterlichen Schäl- und Verbissschäden noch füttern durften, bekam man wenigstens einen ungefähren Eindruck von der Höhe des eigenen Rotwildbestandes. In meinem früheren Revier unterhielten wir zwei Fütterungen, an denen ich, wann immer es ging, in der „Hungerzeit“ im Februar und März abends ansaß.

Dieter Hopf – Rotwild

Foto: Dieter Hopf

Wir gingen damals davon aus, dass wir etwa zwei Drittel unseres Rotwildbestandes an diesen beiden Fütterungen erfassen konnten. Wenn wir also etwa 30 Stücke Rotwild als Dauergäste an diesen Fütterungen zählten, dann legten wir bei unserer Abschussplanung einen Gesamt-Frühjahrsbestand von etwa 45 Stücken zugrunde. Wir sind damals ganz gut damit gefahren, wenn auch diese Methode sehr „aus dem Bauch heraus“ und beileibe nicht wissenschaftlich fundiert entstanden ist. Aber so ganz falsch kann sie nicht gewesen sein.

Es kommt – so meine feste Überzeugung – nicht „kriegsentscheidend“ darauf an, wie viel Rotwild man nach der Zahl erlegen muss, damit der Bestand nicht ansteigt, sondern vor allem darauf, wie sich die Strecke zusammensetzt. Ein Drittel der jährlichen Kahlwildstrecke muss in der Alttierklasse geschossen werden. Das geht aber nicht bei Bewegungsjagden, sondern muss zwingend (aus Tierschutzgründen) auf der Einzeljagd über Kalb-und-Tier-Dubletten erfolgen. Alttierfreigaben bei Bewegungsjagden haben fast immer Waisen in den Revieren und Mütter auf den Strecken zur Folge.

Die Hirschfreigaben beziehungsweise -abschüsse beeinflussen die Populationsentwicklung nur sehr wenig. Es wäre daher durchaus wünschenswert, wenn diese an die (tierschutzkonforme!) Erlegung der Mindestzahl an erlegten Alttieren im Vorjahr gekoppelt werden könnten. Und die getätigten Abschüsse müssten durch Vorzeigen der „frisch-toten“ Stücke und glaubhafte Darlegung der Erlegungsumstände bei versierten Vertrauensmännern belegt werden!

„Eben weil die Besiedelung der Reviere durch das Rotwild ein fließender Prozess ist, sollte beziehungsweise dürfte es kein „Rotwild-Niemandsland“ zwischen den Grenzen verschiedener Rotwildhegegemeinschaften geben.“

Bernd Krewer

Ich möchte nicht missverstanden werden: Es ist für mich selbstverständlich, dass wir die Verpflichtung haben, das Rotwild in sozial richtig strukturierten Populationen zu erhalten. Ebenso selbstverständlich ist es aber auch, dass wir das Rotwild reduzieren müssen, wenn die wildartspezifische Waldschadenssituation und das fehlende natürliche Äsungsangebot dies förmlich erzwingen. Diese mancherorts notwendige Reduktion auf wildart- und tierschutzgerechte Weise (und nicht in einem Hau-Ruck-Verfahren) zu erreichen, dieser Aufgabe müssten sich alle Jäger verpflichtet fühlen.

Die Rotwildbewirtschaftungsgebiete mit gar nicht oder nur schwer korrigierbaren Grenzen sind ein weiteres Hindernis bei dem Bemühen, die Bestände nicht weiter anwachsen zu lassen. Mancherorts wird ebenso viel (oder gar mehr) Rotwild außerhalb der Grenzen der behördlich festgelegten Rotwildgebiete geschossen wie innerhalb. Sie sollten daher rasch aufgelöst werden! Nur wenn der Rotwildring beziehungsweise die Rotwildhegegemeinschaft alle Reviere „betreut“, kann sie vernünftig, das heißt: der jeweiligen Situation gerecht werdend, planen und arbeiten.

Es ist sicher unstrittig, dass hoher Jagddruck in manchen (Kern-)Revieren das Rotwild zum Auswandern in ruhigere Gefilde veranlasst (also in ehemalige Randreviere oder gar „rotwildfreie Reviere“).

Diese Reviere müssen schon daher zwingend in die Bewirtschaftungsplanung der jeweiligen Hegegemeinschaft integriert werden. Eben weil die Besiedelung der Reviere durch das Rotwild ein fließender Prozess ist, sollte beziehungsweise dürfte es kein „Rotwild-Niemandsland“ zwischen den Grenzen verschiedener Rotwildhegegemeinschaften geben.

Bernd Krewer

Bernd Krewer

Ich weiß, dass meine Vorschläge nicht der Rotwildweisheit allerletzter Schluss sind, und bin mir auch sicher, dass sie nicht den ungeteilten Beifall aller Rotwildexperten finden werden. Aber würde man den von mir angeregten Strategien folgen, dann kämen wir sicher ein gutes Stück weiter. Lokal überhöhte Rotwildbestände nutzen weder dem Rotwild noch den Jägern. Sie auf ein lebensraumverträgliches Maß abzusenken und dabei den Tierschutzbelangen hohe Priorität einzuräumen, ist eine Aufgabe, der wir Jäger uns aber stellen müssen. Die Politik sollte uns dabei helfen und nicht durch stures Festhalten an vor Jahrzehnten einmal – den damaligen Verhältnissen durchaus angepassten – abgegrenzten Rotwild-Ghettos unnötige Hürden aufbauen oder für die Ewigkeit zementieren.

Es wäre schon viel erreicht, wenn es mir gelungen wäre, eine Diskussion anzuregen. Das Rotwild, unsere größte heimische Wildart, ist durch die Jagdgesetze in unsere Verantwortung gegeben. Wir Jäger sollten versuchen, ihr gerecht zu werden.

Zum Autor:

Bernd Krewer, Jahrgang 1939, hat jahrzehntelang als Förster gearbeitet, ist ein ausgewiesener Fachmann der Jagdkynologie, Nachsuchespezialist, Richter bei Jagdhundeprüfungen und Sachbuchautor. Er lebt in Kinderbeuern im Alftal, ist verheiratet und hat drei Kinder. 

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