Interview: ein Bündnis für den Artenschutz

Blühstreifen

Tiere brauchen geeignete Lebensräume – dies bestreitet niemand, der sich um den Schutz von Tieren bemüht. Die Frage ist allerdings, wie Tiere geschützt werden können und wie geeignete Lebensräume entstehen. Weil in unserer Kulturlandschaft nicht mehr grundsätzlich genug Lebensraum für alle Tiere zur Verfügung steht, muss nachgeholfen werden. Umso wichtiger sind Gemeinschaftsprojekte, die sich mit der Verbesserung des tierischen Lebensraums befassen. So wie das „Netzwerk Artenvielfalt“. Gründer ist Ralf Schmidt, Jäger aus dem rheinland-pfälzischen Landkreis Ahrweiler. Als Obmann für Naturschutz der Kreisgruppe Ahrweiler brachte er Landnutzer an einen Tisch, um neue Lebensräume für Bienen, andere Insekten und Wild zu schaffen.

Ralf Schmidt

Ralf Schmidt, Obmann für Naturschutz in der KG Ahrweiler, ist der Gründer des Netzwerks

Herr Schmidt, was ist das Netzwerk Artenvielfalt und wie lange besteht es schon?

Ralf Schmidt: Das Netzwerk Artenvielfalt wurde im Juni 2015 auf meine Initiative gegründet. Es handelt sich um einen Zusammenschluss der großen Nutzungsverbände im ländlichen Raum: Imker, Landwirte, Jäger. Unsere Ziele sind der Erhalt oder die Schaffung von geeigneten Lebensräumen für das Niederwild, Insekten wie etwa Bienen, Reptilien, Bodenbrüter etc. Der Kreisbauern- und Winzerverband sowie der Kreis-Imkerverband werden jeweils durch ihre Vorsitzenden – Franz-Josef Schäfer für die Bauern und Barbara Hartmann für die Imker – vertreten. Die Kreisjägerschaft durch mich. Im Zentrum stehen der real bestehende Rückgang der Artenvielfalt und der ungünstige Erhaltungszustand des Rebhuhnes als Leitwildart der offenen Feldflur.

Beteiligen sich auch Städte und der Kreis? Vielleicht sogar das Land bzw. die Verbände? Woher kommt das Geld?

Ralf Schmidt: Die Städtebeteiligung besteht darin, dass sie uns öffentlichen Ausgleichflächen zur biotopischen Aufwertung zur Verfügung stellen. Finanziell wurden sämtliche Werbemaßnahmen, Nist- und Brutröhren sowie Infomaterial bisher aus eigener Tasche bezahlt. Für künftige Objekte besteht teilweise die Bereitschaft zur Übernahme der Saatgutkosten durch Sponsoren. Zurzeit stehen wir in Gesprächen mit „der Politik“ und der Stiftung Natur und Umwelt.

War es schwer, Mitstreiter zu finden? 

Ralf Schmidt: Genannte Verbände, also Bauern und Imker, waren auf Grund der gemeinsamen Interessen einfach zu motivieren. Wie bei allen solchen Projekten ist das Durchhaltevermögen, auch gegen Widerstände, nun das Wichtigste.

Mitpächterin Andrea Beigi

Andrea Beigi, Presseobfrau der KG Ahrweiler und Mitpächterin im gemeinschaftlichen Jagdbezirk Holzweiler, bei der Aussaat

Von welchen Widerständen sprechen Sie?

Ralf Schmidt: Die Naturschutzbehörden befürchteten, dass wir sogenannte „kommunale Ausgleichflächen“, die höheren Naturschutzzielen vorbehalten sind, durch Veränderungen entwerten könnten. Dies sind unter anderem Flächen von besonderer Struktur, wie Feuchtwiesen mit dem Wiesenknopf, welcher der Entwicklung des Wiesenknopf-Ameisenbläulings dient. (Anmerkung der Redaktion: Der Wiesenknopf-Ameisenbläuling ist ein Schmetterling aus der Tagfalter-Familie der Bläulinge.) Hier musste eine entsprechende Abstimmung vorgenommen werden. Weiterhin sind einige Landwirte etwas voreingenommen, wenn es um eine ordentliche Herstellung der ökologischen Vorrangflächen im Rahmen des Greenings geht. Vertragsnaturschutz kann zwar auch mit „Engelszungen“ schmackhaft gemacht werden, aber da tut sich wirklich nur dann etwas, wenn der Ertragswert den der normalen Landwirtschaft übersteigt.

Gab es weitere Hürden oder gibt es immer noch welche?

Ralf Schmidt: An geeignete Flächen zur Lebensraumverbesserung zu gelangen, war schwer. Das Greening und speziell die ökologischen Vorrangflächen helfen hier weiter, aber es bedarf intensivster Gespräche mit Landwirten über eine gute, fachliche Praxis.

Ralf Schmidt

Ralf Schmidt bei der Arbeit auf dem Wildacker

Sind bei Ihnen alle Landwirte, Imker und Jäger mit im Boot?

Ralf Schmidt: Leider nein. Die Bereitschaft für dieses Ehrenamt beschränkt sich auf die genannten Mitstreiter und wenige Kollegen aus den Vorständen.

Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Ralf Schmidt: Die Zusammenarbeit ist Objektbezogen sehr individuell. Wer einen Kontakt erhält, informiert die anderen. Es folgt die Planung vor Ort mit den entsprechenden Behörden und Sachbearbeitern, aber auch mit Privatpersonen. Dann werden Ausführung und Finanzierung geklärt. Wichtig ist die Aufklärung der Bevölkerung über die ökologischen Effekte mancher Maßnahme, da das öffentliche Grün leider (noch) von vielen ästhetisch bevorzugt wird.


Warum funktionieren solche Projekte nur „Hand in Hand“?

Ralf Schmidt: Das Wissen über die wildbiologischen Vorgänge, über Bienen und deren Bestäubungsleistung und das Know-how der Landwirte über Bodenbearbeitung, Saatgut, aber auch den Einsatz ihrer Maschinen ist für eine erfolgreiche Umsetzung unverzichtbar.

Wie bringen sich die verschiedenen Teilnehmer ein?

Ralf Schmidt: Mit Wissen, finanziell und mit entsprechendem Equipment.

Was kann jeder tun? Beispielsweise Hausbesitzer, Kleingärtner, etc.?

Ralf Schmidt: Ungenutzte Parzellen in der Feldflur können vielfach mit einfachen Mitteln und ohne großen finanziellen Aufwand aufgewertet werden. Hierzu beraten wir gerne. Wichtig für Nutzinsekten sind früh- und spätblühende Pflanzen. Nicht zu frühe Wiesenschnitte helfen Bodenbrütern und Insekten. Das Anlegen von Blühstreifen, welche auch im Winter genügend „Deckung“ liefern, bietet diesen Tieren Schutz. Grundsätzlich sind extensive Maßnahmen sehr wichtig. Wünschenswert sind mehrere Kleinbiotope, welche vernetzt als Trittsteine angenommen werden.

Rebhuhn

Das "Netzwerk Artenvielfalt" will unter anderem die Niederwildbestände stabilisieren. Beim Rebhuhn ist dies bereits teilweise gelungen

Können Sie schon Erfolge verbuchen? Ist der Niederwildbestand angestiegen? Gibt es mehr Honig? Mehr Aktionen von Privatleuten?

Ralf Schmidt: Die ersten Projekte mit einer Stadt und Privatleuten werden sehr positiv bewertet und es folgten weitere Anfragen, welche wir zurzeit umsetzen. Finden diese Maßnahmen eine öffentliche Akzeptanz, sollen weitere Flächen zur Verfügung gestellt werden. Hierbei kommt uns entgegen, dass auch erhebliche Kosten, etwa für Mahd oder Abfahrt des Schnittgutes, eingespart werden können, da die Kooperationspartner dies selbst übernehmen. Als Erfolg wurde punktuell ein Mehrertrag von Honig gemeldet. Der Hasenbesatz, aber auch die angeschlagen Bestände des Rebhuhnes haben sich stabilisiert. Wichtige Begleitmaßnahmen hierbei sind, dass wir als Hasenreferenzrevier zweimal jährlich die Besatzzahlen prüfen und ein revierübergreifendes Rebhuhn-Monitoring durchgeführt wird. Nur so können präzise Aussagen über Erfolge der umgesetzten Maßnahmen gemacht werden. 

Was möchten Sie Jägern, Landwirten, Imkern und anderen Naturnutzern mit auf den Weg geben?

Ralf Schmidt: Grundsätzlich wird viel über Naturschutz geredet, aber tatsächlich wenig gemacht. Aus Sicht der Jäger sollten wir diese Initiativen ergreifen und unter Beweis stellen, dass wir nicht nur staatlich geprüfte Naturschützer sind, sondern dies auch durch Leistung unter Beweis stellen. Alles was in deutschen Revieren an ökologischen Positivleistungen erbracht wird, sollte öffentlicher positioniert werden. In unserer veränderten Gesellschaft wird der Stellenwert des effektiven Naturschutzes in Zukunft das wichtigste Argument für eine Akzeptanz der Jagdausübung darstellen. Wenn wir uns hier nicht deutlich positionieren, werden andere Naturschutzverbände weiterhin erhebliche Mittel einsetzen, um mit ihren ideologischen Vorstellungen die Jäger öffentlich zu kritisieren und damit den Sinn und Zweck der Jagd infrage zu stellen. Leider sind viele Menschen nicht an Fakten interessiert, sondern eher daran, mit Spenden oder Mitgliedsbeiträgen ihr schlechtes Naturgewissen zu erleichtern. Wer kümmert sich um Arten, die dem Jagdrecht unterliegen? Dies sollen nach wie vor wir Jäger sein und auch dementsprechend handeln. Die Bündelung der Interessen von Bauern, Imkern und Jägern sollte eine starke Allianz zur Deutungshoheit herstellen, was der ländliche Raum ist und wer sich mit dem entsprechenden Wissen und Gewissen um ihn verdient macht.

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