Porträt: 120 Jahre Selous (II) – der Kampf gegen die Wilderei

Wildhüter im Selous

Foto: Dr. Rolf Baldus / Wildhüter im Selous

Die ersten Wildhüter wurden schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts eingestellt. Im heutigen Selous waren allerdings die lokalen Häuptlinge damit beauftragt, die Wilderei unter Kontrolle zu halten. Man kann jedoch mutmaßen, dass die traditionelle Fleischjagd der Einheimischen zur Selbstversorgung weiterging. Die Dörfer durften im Reservat verbleiben. Die Menschen – es waren ohnehin nicht viele – wurden nicht vertrieben, so wie es später in den Nationalparks an der Tagesordnung war und zu großen Konflikten führte.

Der Selous wird bis heute in Tansania „shamba la bibi“ genannt. Das heißt übersetzt „das Feld der Frau“. Dies wird gerne damit erklärt, dass der deutsche Kaiser Wilhelm II. das Gebiet seinerzeit seiner Frau zum Geburtstag geschenkt hätte. Dieses Gerücht hält sich hartnäckig bei der Bevölkerung und wird in vielen Reiseführern wiederholt. Irgendein Beleg dafür findet sich in den deutschen Akten nicht. Auguste Viktoria hätte es wahrscheinlich auch eher als Beleidigung empfunden, wenn der kaiserliche Gemahl ihr zum Geburtstag ein Stück nutzloses wildes Afrika mit menschenfressenden Krokodilen und Löwen geschenkt hätte.

In Wirklichkeit hatte ein pfiffiger Forstassessor namens Redslob diesen Begriff erfunden. Er wollte damit dem lokalen Khutu-Stamm deutlich machen, dass zwar die Frauen ihrer Arbeit auf dem Feld, also der „shamba“, nachgehen durften, die Jagd als reine Männersache hingegen nicht erlaubt war. Manche Partei oder Waschmittelfirma von heute wäre stolz, wenn ihre Slogans ebenso noch in 120 Jahren Bestand hätten. 

Dr. Rolf Baldus mit dem langjährigen Aufseher des Selous, Gerald Bigurube

Dr. Rolf Baldus mit dem langjährigen Aufseher des Selous, Gerald Bigurube.

Drei weitere Schutzgebiete richteten die Deutschen auf dem Gebiet des heutigen Selous noch ein. Insgesamt gab es bald 15 solcher Reservate in Tanganjika. Das Wild war auf rund drei Prozent der Fläche der Kolonie unter Schutz gestellt. Dazu kommen sollte auch der Ngorongoro-Krater – heute wie der Selous ein UN-Weltnaturerbe. Dessen zukünftige Grenzen waren bereits vermessen, als in Europa ein Weltkrieg ausbrach.

Eigentlich sollte Afrika nach der Kongoakte neutral bleiben, doch bald waren die vier Reservate im heutigen Selousgebiet Kriegsschauplatz. Mit wenigen weißen und schwarzen Soldaten trotzte General von Lettow-Vorbeck vier Jahr lang einer britischen Übermacht. Die menschlichen Verluste waren hoch. Da die Truppen sich selbst versorgen mussten, dienten die wildreichen Reservate der Fleisch- und Fettversorgung der Truppe. Dafür stellte man eigens Soldaten ab. Ein Claus von Amsberg wurde zum erfolgreichsten Jäger der Schutztruppe. Er zog von Mahenge aus mit Trägern in den Busch. Nach der Rückkehr wurde das Fleisch und Fett der Elefanten, Nashörner, Nilpferde und Antilopen in Tag- und Nachtarbeit gekocht und getrocknet und dann von Trägerkarawanen zur kämpfenden Truppe geschafft.

In Januar 1917 hatten die Kämpfe das Wildreservat Mohoro erreicht. Bei Behobeho trafen die nachrückenden britischen Truppen auf den Feind. Die deutschen Soldaten und Askaris hatten die Entfernungen im Gelände markiert und wussten deshalb genau, wie sie zu visieren hatten. Der 64-jährige Frederick Courteney Selous wurde von einem Kopfschuss getroffen. Man begrub den im ganzen viktorianischen England bekannten Großwildjäger und Abenteurer dort, wo er fiel. Der Autor hat das Grab vor 20 Jahren wiederhergestellt. Es kann noch heute unterhalb der Schützengräben von Behobeho besucht werden.

Sieben Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges fügte die englische Kolonialverwaltung, die Deutsch-Ostafrika als Protektorat übernommen hatte, die vier Reservate am Rufiji-Fluss zusammen, vergrößerte die Fläche und gab ihr zu Ehren des dort gefallenen Nationalhelden den Namen „Selous Game Reserve“. In den 1940er- und 1950er-Jahren siedelte man auch die Bevölkerung aus. „Kihamu“ (die Aussiedlung) nannten es die Betroffenen. Dies geschah weniger, um dem Wild mehr Lebensraum zu geben, als vielmehr, um die endemische Schlafkrankheit zu bekämpfen. Indem man das Land zum Reservat erklärte, verhinderte man, dass die Bevölkerung zurückkehrte.

 Berühmte Wildhüter wie Constantine Ionides und Brian Nicholson nutzten diese Politik geschickt aus und erweiterten das Reservat. Sie wollten damit vor allem den Elefanten ein Rückzugsgebiet geben. Nicholson führte dann kurz nach der Unabhängigkeit Tansanias dort die Trophäenjagd ein, um den Schutz des Reservats, das auf 50.000 Quadratkilometer angewachsen war, zu finanzieren. Das funktionierte ganz ausgezeichnet und hatte eine gute Infrastruktur zur Folge. Nicholson und seine Rangers hatten die Wilderei bald im Griff und der Elefantenbestand wuchs auf über 100.000 Tiere an, was zweifellos das ökologische System dort überforderte. Jedes Jahr wurden Hundertpfünder-Elefanten erlegt.

Gewilderter Elefant im Selous

Überreste eines gewilderten Elefanten im Selous.

Die Jagdquoten waren konservativ und die Jagdfirmen wurden wirksam kontrolliert. Nach der Unabhängigkeit setzte eine übereilte Afrikanisierung ein und Nicholson wurde aus dem Amt gedrängt. Im Gefolge der Politik des „Afrikanischen Sozialismus“ verfiel die Wirtschaft und auch im Selous setzte bald der Niedergang ein. Bis Ende der 1980er-Jahre fiel der Bestand der Elefanten auf unter 30.000 Tiere. Ein deutsch-tansanisches Entwicklungshilfeprojekt, das „Selous Conservation Programme“, verbesserte dann zusammen mit ausgezeichneten und motivierten tansanischen Kollegen schrittweise das Management wieder. Entscheidend war eine Regelung, nach der das Reservat die Hälfte seiner Jagdeinnahmen einbehalten durfte. Das waren um das Jahr 2000 herum gut drei Millionen US-Dollar. Als der letzte deutsche Mitarbeiter des Projektes 2006 das Land verließ, zogen wieder mehr als 70.000 Elefanten – so eine wissenschaftliche Zählung aus der Luft – ihre Fährte im Selous.

 Doch die Freude währte nicht lang. Unter Bruch der Vereinbarung zwischen der tansanischen und der deutschen Regierung kürzte der Chef der tansanischen Wildschutzbehörde den Selbstbehalt des Reservats an den Einnahmen von drei Millionen US-Dollar auf eine halbe Million. Die Wildhüter wurden nicht mehr bezahlt und die Autos nicht mehr repariert. Der Wildschutz kam zu einem Stillstand. Eine Verschwörung von ranghohen Wildschutzbeamten, Politikern und Geschäftsleuten bereitete massenhafte Wilderei vor. Im Gefolge fiel der Elefantenbestand auf gerade einmal 13.000 Tiere. Das ergab eine Zählung im Jahr 2014. Die Differenz von etwa 60.000 Tieren ließ entlang der gesamten Kette der Wertschöpfung vom Selous bis nach Südostasien insgesamt illegale Umsätze von über 100 Millionen Euro entstehen.

Wildhüter im Selous

Zum Schutz der Wildtiere braucht es Wildhüter. Nach den finanziellen Kürzungen wurden die Wildhüter zeitweise nicht mehr bezahlt.

Das 1982 von der UNESCO wegen seiner global bedeutsamen Elefanten- und Nashornbestände zur Stätte des Weltnaturerbes erklärte Reservat wurde zum „gefährdeten Weltnaturerbe“ herabgestuft. Neben der Wilderei spielten bei dieser Entscheidung des Welterbekomitees auch eine Uranmine im Reservat, die Prospektierung von Bodenschätzen sowie ein in Vorbereitung befindlicher großer Staudamm eine Rolle. Falls dieser Damm am Rufiji bei Stiegler’s Gorge gebaut würde, hätte dies unvorhersehbare ökologische Folgen. Ohnehin scheint dieser Damm mehr den Interessen korrupter Firmen zu dienen, als von wirklichen wirtschaftlichen Bedürfnissen begründet zu sein. Sowohl die einheimische staatliche Trägergesellschaft RUBADA als auch die brasilianische Firma Odebrecht, die den Damm plant und bauen will, wurden inzwischen von Korruptionsaffären gebeutelt. Die tansanische Regierung hat bislang nicht erkennen lassen, ob sie den Bau des extrem schädlichen Staudamms stoppen lassen will.

Werkstatt im Selous

Mit frischem Geld können auch die Geländewagen der Wildhüter repariert werden.

Seit 2014 konnte zumindest die Wilderei verringert werden. Ein vom Internationalen Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) initiiertes Hilfsprogramm, das „Selous Elephant Emergency Programme“ hat zur Erholung mit beigetragen. Der Elefantenbestand hat sich wieder auf 15.000 Tiere stabilisiert. Weitere Hilfe ist in Sicht. Die Bundesrepublik Deutschland hat 18 Millionen Euro für ein neues Hilfsprojekt zugesagt. Allerdings ziehen sich die vorbereitenden Planungen der Kreditanstalt für Wiederaufbau schon seit Jahren hin.

 Jetzt bekommt das Reservat aber die von den USA und der EU wegen der Wilderei verhängten Trophäeneinfuhrverbote zu spüren. Die Einnahmen aus der Jagd sind eingebrochen. Wenn dies so weiter geht, dann stehen dem Reservat düstere Zeiten bevor.

Teil 1 unseres Artikels zum Selous können Sie hier lesen: Bitte klicken!

Weitere Literatur und Hinweise zu Dr. Rolf Baldus:

Literatur:

Rolf D. Baldus (Hrsg.), Wildes Herz von Afrika, Kosmos Verlag 2011; 39,90 €
Das Standardwerk zum Selous mit Beiträgen von 20 Autoren.

Robert J Ross, The Selous in Africa, 62,00 € (Amazon)
Fotoband mit englischsprachigen Texten von Rolf D. Baldus, Walter Jubber und Benson Kibonde.

Rolf D. Baldus und Werner Schmitz, Auf Safari, Kosmos 2014, 34,95 €
Unter den 200 Biografien deutschsprachiger Afrikajäger findet sich eine umfassende Darstellung Wissmanns. Es werden auch weitere Jägerinnen und Jäger vorgestellt, die im Selousgebiet oder anderen Teilen Tanganjikas während der deutschen Kolonialzeit gejagt haben.

Brian Nicholson, The Last of Old Africa, Safari Press 2001 (vergriffen)
Dieses Buch des letzten weißen Wildhüters im Selous, schon heute ein Klassiker der Afrikajagd, wird 2016/17 in deutscher Bearbeitung bei Neumann-Neudamm erscheinen.

Website: http://www.wildlife-baldus.com/selous_game.html

Danke an "Jagdzeit International" und Chefredakteur Bernd Kamphuis für die freundliche Freigabe des Texts.

Das könnte Sie auch interessieren
Aktuell & informativ

DER OUTFOX WORLD NEWSLETTER

Aus der Natur direkt in Ihr Postfach.

Folgen Sie uns!