Wilderei in Namibia: Den Tätern auf der Spur

Wilderei

Fotos: Dieter Ackermann/ Diebesgut wie dieses ist in Namibia keine Seltenheit.

„Peter, Peter – Eric hat drei Wilderer geschnappt. Aber er ist allein – du musst sofort dahin!“ Mit sich überschlagender Stimme schreckt Uta Clausen ihren Mann von der abendlichen Vorbereitung des Grills hoch. Stockdunkel ist es bereits auf der namibischen Wildfarm Okosongoro, wo ich mit Enkel Max unter der Führung des Hausherrn einen unvergesslichen Jagdtag verlebt habe. Der Alarmruf der Gastgeberin bedeutet das abrupte Ende eines gemütlichen Grillabends – stattdessen schießt plötzlich Adrenalin in die Adern. Mit einem anderen Jagdgast schwinge ich mich unaufgefordert in Peters offenen Jeep und schon geht die wilde Fahrt ab. Beim Einbiegen von der Schotterzufahrt zur Farm auf die Teerstraße versucht der Fahrer, die versagenden Bremsen durch hektisches Pedalpumpen wettzumachen – allein auf den beiden rechten Rädern geht’s mit Ach und Krach irgendwie links um die Kurve. 

Ein paar Kilometer weiter stoppen wir – mit langem Bremsweg – am Straßenrand, wo einige Geländewagen mit roten und blauen Blinklichtern auf den Dächern mit laufenden Motoren geparkt sind. Das sind offensichtlich keine Polizei-, sondern Privatwagen. Im ersten Durcheinander sehe ich bewaffnete Zivilisten – zum Teil mit schusssicheren Westen: Alles Mitglieder der Neighbourhood-Watch, einer freiwilligen Eingreiftruppe der Farmer aus der Umgebung Omarurus, die sich die Bekämpfung der Wilderei als Unterstützung der örtlichen Polizei auf die Fahnen geschrieben hat.


„Dann kamen zwei Männer mit Säcken aus dem Busch, um sie im Auto zu verstauen. Drei von ihnen konnte ich überwältigen – nur einem gelang die Flucht.“

Farmer Eric


festgenommener Wilderer

Die Neighbourhood-Watch hat mit Unterstützung der örtlichen Polizei drei Wilddiebe festgenommen. 

In der allgemeinen Aufregung ziehen dann drei Männer meine Aufmerksamkeit auf sich, deren Hände mit Kabelbindern gefesselt sind. Langsam klärt sich die Lage am nächtlichen, nur von Autoscheinwerfern beleuchteten Straßenrand. Offenbar hatten Mitarbeiter Peter Clausens die Neighbourhood-Watch über verdächtige Spuren in einer von ihm gepachteten Nachbarfarm informiert. Aufgrund dieses Tipps hatten sich zwei Hilfspolizisten in diesem Straßenbereich auf die Lauer gelegt, während andere das gefährdete Farmland durchkämmten. Der Farmer Eric beobachtete dann aus seinem Versteck, wie ein verdächtiges Fahrzeug zweimal langsam an ihm vorbeirollte und schließlich anhielt. Er berichtet: „Dann kamen zwei Männer mit Säcken aus dem Busch, um sie im Auto zu verstauen. Drei von ihnen konnte ich überwältigen – nur einem gelang die Flucht. Danach rief ich per Funk meine Kollegen zu Hilfe.“

Die waren – so wie wir – offenbar schnell vor Ort. Wie Eric die Verdächtigen überwältigen konnte, ob er dafür die Pistole gezogen hatte, das blieb zunächst einmal offen. Klar ist, dass da drei Gefesselte vor uns stehen. In der Zwischenzeit hatten die Hilfspolizisten den vom Haupttäter schnell noch fortgeworfenen Sack gefunden – sein Inhalt: Oryxfleisch. Beiläufig fällt mein Blick auf die Füße des mutmaßlichen Wilderers. Der „arme Kerl“ hat keine Schuhe an, vielmehr Lumpen um seine Füße gebunden. „Nein, nein“, lacht Peter und klappt die Lumpen auf, „damit verbirgt er nur die darunter getragenen Schuhe, um keine verwertbaren Spuren zu hinterlassen.“ Nach all der Aufregung beruhigt sich langsam die nächtliche Szene. Die Hilfspolizisten überführen die gefassten Wilderer zur Polizei in Omaruru, morgen will man weitersehen.

Mit dem Hubschrauber den Wilderern auf den Fersen

Helikopter

Mit dem Helikopter geht es auf die Suche nach dem Camp der Wilderer-Bande.

In derselben Nacht „glühen“ Telefone und Funkgeräte im Bereich des Tatorts. Am folgenden Morgen geht’s weiter. Peter Clausens Sohn Kurt-Georg hat zum Glück nicht nur eine Pilotenlizenz, sondern auch einen eigenen Hubschrauber. Damit fliegen Vater und Sohn zum verabredeten Treffpunkt mit der Polizei. Wir machen uns mit einem Jeep auf den Weg dorthin. Am Tatort treffen wir wenig später neben dem Hubschrauber auch auf Fahrzeuge der Neighbourhood-Watch und der Polizei. Die zivil gekleideten Beamten haben auch den gestern gefassten mutmaßlichen Haupttäter dabei, der diesmal anstelle von Kabelbindern mit soliden Handschellen an der Flucht gehindert werden soll.

Bei den Polizei-Verhören im Verlauf der vergangenen Nacht hat der geschnappte Wilderer nach Auskunft der Beamten auch die Namen weiterer Mittäter preisgegeben. Jetzt soll er die Polizisten und Hilfspolizisten zu versteckten Fallen und vor allem zum Camp der Bande führen. Während Peter und Kurt-Georg diese Suche mit dem Hubschrauber aus der Luft unterstützen, marschieren der Haupttäter und seine Bewacher zu Fuß durch den dornigen Busch. Er könne sich an nichts erinnern, aber auf beständiges Drängen seiner Begleiter führt der Verhaftete sie schließlich doch zu verschiedenen Fallen, die sofort beschlagnahmt werden.


„Bei den Rinderhäuten sind natürlich die Brandzeichen herausgeschnitten, und auch die Ohren mit den Eigentümermarken fehlen.“


Bei dem kräftezehrenden, stundenlangen Marsch durch den trockenen Busch beklagt der Mann immer wieder wehleidig seine Erinnerungslücken. Trotzdem ist es für die Ermittlungen der Polizeibeamten wichtig, dass er sie selber zum gesuchten Wilderercamp führt. Plötzlich taucht wie aus dem Nichts Kurt-Georg auf. Er flüstert mir zu, mit dem Hubschrauber das ganz in der Nähe gelegene Camp entdeckt zu haben. Als der Wilderer wieder einmal ahnungslos nicht weiter weiß, zeigt ihm der Hubschrauberpilot im Staub des Bodens dessen eigenen Spuren und fragt ironisch in der Hererosprache: „Geht es nicht hier lang?“ Schließlich gibt der Täter auf und führt die ganze Gruppe zum gesuchten Ziel.

An diesem auf den ersten Blick völlig harmlosen Platz, meilenweit von der Straße entfernt, haben die Wilderer offensichtlich die Oryx-Antilopen und die vier von Peter Clausen vermissten Rinder geschlachtet. Überall stoßen wir auf Panseninhalt. Und richtig interessant wird es, als der Täter auf einige mit Reisig abgedeckte Erdferkel-Höhlen verweist. Dann muss er vor den Augen der Beamten Aufbrüche und Rinderhäute herauszerren. Bei den Rinderhäuten sind natürlich die Brandzeichen herausgeschnitten, und auch die Ohren mit den Eigentümermarken fehlen. Alle Funde werden sorgfältig von den Beamten fotografiert und dokumentiert.

Wilderei

Aufbrüche und Rinderhäute hatten die Wilderer in einer Erdferkel-Höhle versteckt. 

So gehen die Wilderer vor

Während wir einige Schritte weiter zum „Fleisch-Camp“ gehen, erläutert mir Peter Clausen, wie die Wilderer in der Regel bei ihrem blutigen Handwerk vorgehen. „In Schlingen gefangene Antilopen werden an Ort und Stelle geschlachtet. Für Rinder stellen die Kerle spezielle Schlingen auf, in die sie dann nachts unsere Tiere treiben. Wir haben auch schon erlebt, dass Wilderer unsere Rinder gefangen und mit Schnitten durch die Archillessehnen bewegungsunfähig gemacht haben, um sie erst zwei oder drei Tage später zu schlachten.“

Inzwischen haben wir das gesuchte Camp erreicht. Die Asche des Lagerfeuers ist bereits 20 oder 30 Zentimeter tief, hier müssen die Täter schon seit Langem gehaust haben. Über einem „Berg“ von Rinder- und Antilopenläufen sowie anderen Resten hängt auf langen Leinen das in Streifen geschnittene Fleisch der gewilderten Tiere zum Trocknen. Die besten Bratenstücke wie die Filets fanden sich bereits in den Säcken, die den überraschten Tätern schon am gestrigen Abend abgenommen werden konnten. Inzwischen hat sich der Mann im roten Pullover und mit den Handschellen auch in sein Schicksal gefügt. Trotzdem behauptet er immer noch, „nur“ drei Rinder gewildert zu haben, obwohl er insgesamt vier Rinderfelle aus den Verstecken gezogen hat...

Wilderei ist in Namibia ein Business

Peter Clausen ist heilfroh, endlich mal einige der Wilderer dingfest gemacht zu haben. Aber er gibt sich auch keinen Illusionen hin: „Wer weiß, wie lange die wirklich im Gefängnis verharren müssen.“ Außerdem ist zu befürchten, dass schon bald andere ins hiesige Wilderer-Business einsteigen, das schon manchem Rinder- und Wildfarmer die Existenz gekostet hat. Der leitende Polizeibeamte versichert: „Ich glaube, die werden als Wiederholungstäter zu Freiheitsstrafen von 20 bis 30 Jahren verurteilt.“

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