Eine Lanze für die Bogenjagd

Gert G. v. Harling über seine Erfahrungen mit der Bogenjagd.

Bogenjäger

Foto: Hannes Wallner

Von einem meiner Vorfahren übernahm ich vor über 50 Jahren einen alten, zum Stutzen umgebauten 98er Karabiner mit einem ebenso alten vierfachen Glas.

Seit wie vielen Jahren er bereits im Einsatz war, bevor ich ihn bekam, weiß ich nicht. Rostnarben, Schrammen im Schaft und andere Gebrauchsspuren lassen vermuten, dass die Waffe schon vor meiner Zeit arg strapaziert worden ist.

Für viele meiner Jagdfreunde ist die ererbte Büchse aus grauer Vorzeit nur ein altes Eisen, obwohl mein Ahnherr damit wahrscheinlich in einem Jahr mehr Wild zur Strecke gebracht hat, als durchschnittliche junge Jäger heutzutage in ihrem ganzen Leben schießen werden. Darum halte ich das Gewehr in hohen Ehren, auch wenn ich mitunter schon etwas misstrauisch betrachtet werde.

Was müssen diese Jagdfreunde aber erst über mich Oldie denken, wenn ich mich für die Bogenjagd stark mache. Für viele steht spätestens dann fest, dass ich nicht mehr in dieses Jahrhundert passe.

Die Jagd mit Pfeil und bogen besitzt eine uralte Kultur, hat seit Jahrtausenden, konkret seit 30.000 Jahren, seitdem der Mensch Werkzeuge herstellen kann, ihn ernährt und tut es bei Naturvölkern heute noch.

Gewiss ist es einfacher, aus weiter Entfernung von einer Kanzel aus einem Hirsch die Kugel anzutragen, als stundenlang im Geäst eines Baumes darauf zu warten, dass sich Wild auf vertretbare Bogenschuss-Entfernung, 10, 20 Meter, nähert und die Befürchtung besteht, dass das Tier den rasenden Herzschlag des Jägers vernimmt. Aber das unterscheidet Bogenjäger von ihren Kollegen mit der Feuerwaffe, sie müssen mehr Geduld, Ruhe, Ausdauer, Kraft, Konzentration und körperliche Fitness besitzen, um auch noch nach mehreren Stunden des bewegungslosen Wartens einen schweren Jagdbogen unbemerkt vom Wild zu spannen, ruhig zu zielen und sicher zu treffen.

In den USA gibt es knapp vier Millionen Bogenjäger, die auf unterschiedlichste Wildarten waidwerken. Dazu gesellen sich ca. eine Million Bogenfischer. In zahlreichen europäischen Ländern wird die Bogenjagd völlig selbstverständlich neben der Jagd mit Büchse und Flinte ausgeübt.

Bogenjäger erkennen direkt nach dem Schuss fast immer, ob und wo sie getroffen haben, können die Wartezeit bis zur Nachsuche besser einschätzen. Die Länge der Fluchtstrecken nach guten Treffern ist denen der Büchsenjäger ähnlich, selbst bei Weichschüssen wirken Pfeiltreffer meist tödlich. Wie viel Wild in unseren Revieren mit Büchse und Flinte angebleit wird und nicht zur Strecke kommt, ist statistisch nicht erfasst.

Ich stand in Montana neben einem Bogenjäger, als er einen Schwarzbären erlegte. Wir hatten uns auf knapp 20 Gänge an den Petz herangepirscht, dann sirrte der Pfeil ihm ins Leben. Letztes, wildes Aufbäumen, ein röchelnder Schrei, ein Schlag mit der Vorderprante nach dem Pfeilende, das aus dem Wildkörper ragte, dann herrschte Ruhe, der Schwarzbär war innerhalb einer Minute verendet.

Harlings Jagd(B)revier: Mal ernst, mal heiter mit der Saufeder geschrieben

In Südafrika ging ich mit einem Freund auf Jagd, der mit seinem Bogen auf 15 Meter ein Impala schoss. Die Antilope machte knapp zehn Fluchten und brach tödlich getroffen zusammen. Vom Anschuss bis dorthin gab es eine breite Schweißspur. Die saubere Schnittwunde einer skalpellscharfen Pfeilspitze schweißt eben weitaus stärker als von Blei zerfetzte Gefäße. Bogenjäger können daher normalerweise auf einen Schweißhund verzichten. Beide Male war eine spannende Pirsch vorangegangen, und die Stücke waren in weniger als einer Minute verendet. Seitdem stehe ich der Bogenjagd nicht mehr so negativ gegenüber. Sie ist, von Könnern ausgeübt, entgegen allen anderen Behauptungen, tierschutzkonform.

In Deutschland aber verstößt sie gegen ethische Gebote und das Bundesjagdgesetz. Außerdem besteht die Gefahr, dass sie zu einem Modesport ausartet, bei dem die Waidgerechtigkeit auf der Strecke bleibt und noch mehr Jagdgegner auf den Plan gerufen werden.

Aus: Harlings Jagd(B)revier: Mal ernst, mal heiter mit der Saufeder geschrieben. Erschienen im Verlag Neumann-Neudamm und für 19,95 Euro im Fachhandel erhältlich.

Unsere Redaktion urteilt: Sehr lesenswert!

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