Jagen mit dem Klettersitz (I): Konzept und Funktionsweise

Ansitzeinrichtungen finden sich in nahezu jedem Jagdrevier. Neben klassischen Kanzeln und Leitern stehen auch immer mehr Drückjagdböcke in Wald und Flur. Aus Nordamerika kam in jüngster Zeit allerdings die interessante Erfindung „Klettersitz“ zu uns, die mit vielen neuen Vorteilen punkten kann.

Klettersitz im Einsatz

Fotos: Felix Gerth / Klettersitz im Einsatz

Wer aktiv auf die Jagd geht oder sich der Wildtierfotografie widmet, weiß genau, wie scharf die Sinne unseres Wildes sind. Egal ob hören, sehen oder riechen – fast alles Wild ist darin weitaus besser als wir Menschen. Tarnen und Täuschen gehört also schon seit Jahrtausenden eng zur Jagd dazu. Insbesondere die Kleidung wird von Jägern seit jeher so gewählt, dass sie den Körper in die Landschaft einfügt und ihn bestenfalls unsichtbar werden lässt. Ob es nun klassischerweise gedeckte Farben wie Grün und Braun sind oder aber moderne Tarnmuster, ist häufig dem persönlichen Geschmack überlassen. Den für Wild markanten Geruch des Menschen überdecken sie aber nur selten.

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Aus diesen beiden Gründen wurden vor knapp 100 Jahren im deutschsprachigen Raum sogenannte jagdliche Einrichtungen zunehmend populärer. Der typische Hochsitz etwa, in Form eines geschlossenen Holzkastens auf Stelzen, wurde anfangs durchaus als hinterlistig und feige kritisiert – von den Jägern selbst. Man befürchtete den Verlust jagdlicher Fähigkeiten im Pirschen und Überlisten des Wildes. Die Vorteile der „Mode“ waren aber nicht von der Hand zu weisen: Gut verdeckt hinter Holzwänden kann der Jäger in Ruhe sitzen und abwarten, seine Bewegungen und seine Silhouette sind für das Wild wesentlich schwerer zu erkennen. Ab knapp zehn Meter Bauhöhe spielt auch der Wind keine so unbedingte Rolle mehr, da sich der verräterische Geruch in Luftschichten verteilt, die das Wild nicht erreichen.

Hochsitze in Form von Kanzeln, Leitern und Böcken sind also mittlerweile in quasi jedem Revier unumgänglich für die Jagdausübung. Neben den genannten Vorteilen haben sie aber auch diverse Nachteile. Zum einen sind jagdliche Einrichtungen teuer. Sie müssen regelmäßig überprüft und gewartet werden, gerade wenn sie aus Holz bestehen, das sich über kurz oder lang zersetzt. Unfälle, etwa durch brechende Leitersprossen, kommen leider noch regelmäßig vor. Zum anderen sind Hochsitze ein offensichtliches Symbol aktiver Jagd. Gerade in stadtnahen Revieren können Sabotage und Vandalismus zu einem echten Problem für Leib und Leben des Jägers werden (wir berichteten hier und hier). Weiterhin sind die Sitze immobil. Einmal errichtet, lassen sie sich nur mit viel Aufwand oder häufig auch gar nicht an einen anderen Ort bewegen.

Mobile Konstruktionen an Orten mit Wildaktivität

Klettersitz mit Sitz- und Fußteil

Typischer Klettersitz mit Sitz- und Fußteil

In Nordamerika ist das Jagen von dauerhaft fixierten Ansitzeinrichtungen kaum präsent. Aufgrund der dortigen jagdrechtlichen Bestimmungen, die auf ein Lizenz- statt ein Revierjagdsystem setzen, lohnen sich in den öffentlichen Jagdgebieten keine Investitionen in Hochsitze oder Ansitzleitern. Nichtsdestotrotz wissen auch die amerikanischen Jäger um die Vorteile jagdlicher Einrichtungen. Sie arbeiten mit mobilen Konstruktionen, die sie an Orten mit Wildaktivität innerhalb kurzer Zeit auf- und abbauen können. Eine dieser üblichen Jagdeinrichtungen ist ein sogenannter „Klettersitz“ (siehe Foto).

Der Klettersitz benötigt für seine Verwendung zwingend einen Baum mit richtigen Maßen und vor allem genug astfreien Stamm. Das Prinzip ist dabei so simpel wie sinnvoll: Mit der richtigen Aufstiegstechnik kann sich der Jäger zusammen mit dem Sitz den Stamm hinaufbewegen, bis er die gewünschte Höhe erreicht hat. Dort dient der fixierte Klettersitz als ganz normale Ansitzeinrichtung, in der der Jäger auf Wild wartet. Je nach Modell sitzt man dabei in bequemen Polstern und hat einen stabilen Metallbügel, um die Büchse für die präzise Schussabgabe aufzulegen.

Die Vorteile liegen auf der Hand. In den allermeisten Revieren finden sich an interessanten Orten, wie beispielsweise Dickungen, Suhlen, Plätz- und Fegestellen, immer passende Bäume. Wenn man die sichere Handhabung der Geräte erlernt hat und die entsprechende Fitness hat, kann man Sitzhöhen von über 15 Meter innerhalb kürzester Zeit erreichen. Hierdurch entstehen dieselben jagdlichen Vorzüge wie bei klassischen Kanzeln – bei gleichzeitiger Mobilität. Wenn der gewählte Platz nicht zusagt, oder das Wild doch andere Wechsel annimmt, hat man nicht viel Geld für eine nutzlose Kanzel vergeudet, sondern kann bequem die Position ändern.

Was ebenfalls gerne unterschätzt wird, ist die Übersichtlichkeit, die ein solcher Platz in luftiger Höhe bietet. Insbesondere in größeren Wäldern, die idealerweise über viel Naturverjüngung verfügen, ermöglicht die Sitzhöhe den Blick „von oben“. Hinein in Dickungskomplexe, die vom Wild gerne angenommen werden. Die Klettersitze lassen sich also auch sehr effizient bei Bewegungsjagden einsetzen. In unübersichtlichem Gelände bieten sie den weiteren sicherheitsrelevanten Vorteil, dass aufgrund der Sitzhöhe der Schütze besser Wild, Treiber und Hunde verorten kann sowie stets ein Kugelfang für die Schussabgabe vorhanden ist.

Die Sicherheit muss an erster Stelle stehen

Rindenschaden durch Haltezinken

Rindenschaden an Weißtanne

Natürlich haben auch Klettersitze ihre Nachteile. Es gibt für die korrekte Verwendung der Technik wenig Informationsmaterial. Insbesondere die Sicherheit beim Auf- und Abbaumen muss an erster Stelle stehen. Sie setzt allerdings Kenntnisse im Umgang mit Klettertechniken, Seil- und Knotenkunde voraus, die sich jeder Verwender selber aneignen muss. Der Umgang mit dem Klettersitz sollte außerdem regelmäßig geübt werden, damit der Aufstieg schnell, flüssig und vor allem möglichst lautlos geschieht. Ein weiterer Nachteil der Sitze ist der zwingend notwendige Baum. Es reicht nicht einfach irgendeiner aus, sondern die Beschaffenheit muss stimmen. Er sollte zwischen 25 und 40 Zentimeter Durchmesser am Stammfuß haben und über eine grobe, dicke Rinde verfügen. Nur so können sich die Zinken der Sitz- und Standfläche stabil im Baum verkeilen, ohne allerdings den Holzkörper zu beschädigen. Sinnvollerweise wählt man also Eichen, Kiefern und Lärchen für den Aufstieg aus, während Buche, Tanne und Fichte zu sehr in Mitleidenschaft gezogen werden (siehe Foto).

Beachtet man diese Faktoren, stellt der Klettersitz eine gelungene und durchdachte Ergänzung im Portfolio jagdlicher Einrichtungen dar. In vielen Revieren kann er in bestehende Jagdstrategien integriert werden und diese im Idealfall erweitern. Und ganz nebenbei: Die neuen Perspektiven im bekannten Revier sind so überraschend wie faszinierend zugleich!

Über den korrekten Umgang mit Klettersitzen und insbesondere die sicherheitsrelevanten Kenntnisse wird im zweiten Teil der Serie berichtet. Auch Haftungsfragen bei Unfällen werden dann beleuchtet.

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