Energiewende auf Kosten der Natur 

Loisachmuendung

Loisachmündung in die Isar: Foto: Sir Boris, www.wikipedia.de

Zahlt die Natur einen hohen Preis für die sogenannte Energiewende? In Bayern gibt es jede Menge Streit um neue Wasserkraftwerke in bisher intakten Fließgewässern. Zum Beispiel am Ausnahme-Fluss Loisach. Dort darf nun gegen die Bedenken von Naturschützern, Fischern und Fachbehörden eine Turbinenanlage gebaut werden. Verwaltungsrichter versuchen, das Schlimmste zu verhindern.

Der WWF zählt die Loisach zwischen Garmisch-Partenkirchen und dem Kochelsee zu den zehn wertvollsten Gewässern des Alpenraums. Millionen hat der Freistaat Bayern in die Renaturierung im Bereich der Gemeinde Großweil investiert. Der frühere Umweltminister Werner Schnappauf hat hier einst das Artenhilfsprogramm zur Rettung der vom Aussterben bedrohten Äsche vorgestellt. Aus halb Bayern kamen Fischzüchter, um sich hier Laichfische für die Äschen-Nachzucht zu besorgen.

Denn in der Großweiler Loisach pflanzen sich die Äschen noch ganz natürlich fort. Bei Test-Befischungen gingen Wissenschaftlern der Technischen Universität München Tiere aller Altersklassen in den Elektro-Kescher. Jörg von Thurn, dessen Familie seit Generationen die Fischereirechte besitzt: „Wir sind ein wenig stolz darauf, dass wir noch nie Besatz-Äschen brauchten.“

Bisher scheiterten Versuche, ein Kraftwerk einzubauen

Dass so ein Ausnahme-Gewässer auch andere Begehrlichkeiten weckt, ist klar: Mehrfach scheiterten Versuche, in das letzte unverbaute Stück des kraftvollen Gebirgswassers ein Kraftwerk einzubauen. Dagegen stand auch, dass die Strecke als FFH-Naturschutzgebiet nach europäischem Recht ausgewiesen ist. Dann kam die Kraftwerkskatastrophe im japanischen Fukushima, und seitdem gehen auch in Bayern die Uhren anders.

Gemeinsam kämpften Bund Naturschutz, Landesfischereiverband und der Eigentümer gegen den erneuten Bauantrag. Die amtliche Fischereifachberatung lehnt das Vorhaben vehement ab. Und sogar die Untere Naturschutzbehörde ist dagegen, bis der neue Landrat von den Freien Wählern ein Machtwort spricht und das Projekt nach drei Jahren Streit genehmigt – wegen Strom für rund 600 Haushaltungen, der noch dazu als „Ökostrom“ für die Verbraucher extra teuer wird.

Neuartiges Schachtkraftwerk schützt Fische?

Mühlkoppe

Mühlkoppe, Foto: Piet Paans, www.wikipedia.de

Johannes Schnell, Artenschutz-Experte beim Landesfischereiverband: „Wir haben einige Alternativstandorte angeboten, an denen nicht derart viel auf dem Spiel steht, wenn das Konzept die Erwartungen nicht erfüllen sollte.“

Naturfreunde und Fischer fürchten, dass es um einen Freibrief für weitere Kraftwerksbauten geht. Dr. Christine Margraf vom Bund Naturschutz: „Wo soll man so ein Projekt noch ablehnen, wenn es an der Loisach durchgeht?“ Aber nachdem das Landratsamt die Baupläne mit dem Segen der Regierung von Oberbayern durchgewunken hat, hatten die Kläger nun vor dem Münchner Verwaltungsgericht einen schweren Stand: Die Äsche, in Bayern wie im Rest der Republik ganz oben auf der Roten Liste bedrohter Tierarten, steht nicht im Anhang zur Ausweisung des Naturschutzgebiets. Vielleicht, weil sie dort ja noch ausreichend vorkommt.

So ging es im Kern nur noch um die Mühlkoppen – und diese Fische sind so klein, dass sie nahezu durch jede Turbine passen. Dass an der Loisach auch der massiv bedrohte Huchen laicht, erfuhren die Genehmigungsbehörden angeblich erst in der Gerichtsverhandlung. Und das Gericht erklärte, dass bei solcher Akten- und Rechtslage nicht mehr viel zu machen sei.

Den Klägern blieb nur noch, die Notbremse zu ziehen: Wenn die Schäden an Mühlkoppe und Huchen fünf Prozent überschreiten – und bei den übrigen Fischarten zehn Prozent – müssen die Kraftwerksbetreiber nachbessern. Theoretisch bis zum Rückbau der gut drei Millionen Euro teuren Anlage. Aber sowas ist nach den bisherigen Erfahrungen wohl eher Theorie. Zumal die Kraftwerksbetreiber auf einen millionenschweren Zuschuss aus der Staatskasse hoffen.

Stauanlage gefährdet Laichplätze

Überhaupt kein Thema war in der Gerichtsverhandlung die überaus berechtigte Sorge, dass mit der Stauanlage auch einer der besten Laichplätze der gesamten Loisach unwiederbringlich verloren gehen wird. Weil Schlamm und Sand den grobkörnigen Kies zusetzen und so die Fischbrut nicht mehr aufwachsen kann. Auch die der Äschen nicht, um die Jörg von Thurn bisher so beneidet wurde. Der passionierte Fliegenfischer und Naturfreund reagiert sarkastisch: „Soll ich jetzt einen Angelpuff mit fangfertigen Regenbogenforellen aufmachen?“ Aber sowas gibt es schon reichlich in Bayern.

Nebenbei: Von den sogenannten Tierrechte-Aktivisten war in dieser Angelegenheit kein Wort zu hören. Wie fast immer, wenn hohe Prozesskosten drohen, überlassen Peta & Co. das Klagerisiko lieber Jägern, Fischern und den klassischen Naturschutz-Verbänden. Dabei hat der Wissenschaftler, der im Auftrag des Münchner Umweltministeriums untersucht, ob die Kraftwerksbetreiber zu viel versprechen, vor Jahren schon beschrieben, wie die Sache ausgehen könnte: „Dämme und Wehre wirken sich stärker auf das Ökosystem von Fließgewässern aus als bisher bekannt. Die Artenvielfalt geht im Staubereich oberhalb der Querbauten stark zurück: Bei Fischen liegt sie durchschnittlich um ein Viertel, bei Kleinlebewesen zum Teil sogar um die Hälfte niedriger“, heißt es in einer Pressemitteilung der Technischen Universität München zu den Forschungen des Fischbiologen Professor Jürgen Geist.

Es ist die jene Hochschule, die auch das Schachtkraftwerk erfunden hat, dessen Segnungen nun auf Steuerzahlers Kosten erkundet werden – und womöglich auch auf Kosten der Natur.

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