Brief eines „alten Hasen“ an den Jäger-Nachwuchs

Der öffentliche Umgang mit der Jagd, die zunehmende Notwendigkeit einer Rechtfertigung der Jagdausübung und der gesellschaftliche Wandel hin zur Veggie-Mentalität veranlassen einen Jäger älteren Semesters dazu, sich an den Nachwuchs zu wenden.

„Lieber Jäger-Nachwuchs, 

erlaubt einem, dem im Alter zunehmend die Läufe und das Kreuz schmerzen, ein paar Anmerkungen zum Wandel auch in unseren Reihen. Weil Jagd kein Sport ist und weit mehr als Bestandsregulierung. Weil es weh tut, wenn Forst und Waidwerk sich nicht selten nicht mehr grün sind. Und weil es schwer geworden ist, unsere Passion gegen naturferne Emotionen zu verteidigen. 

Jäger, die sich erst mühsam an die blutige Arbeit gewöhnen mussten, gab es schon immer. Es sind nicht die Schlechtesten. Das Schlachten erfordert Überwindung, die wohl leichter fiel, als auch das übrige Fleisch noch vom Metzger kam – und nicht von der Supermarkt-Theke. Als die Hähnchen-Nuggets noch Federn hatten. Und in fast jeder Stadt noch Kühe weideten. Wissen, das unseren Gegnern wohl zumeist verwehrt blieb.

Ja, und das Jagen war schon damals ein Privileg. Viele meiner Ziehväter sparten sich den Pachtschilling vom Munde ab, führten akribisch Buch über Kosten und Ertrag, bis hin zu jeder einzelnen Patrone. Die vielen, vielen Stunden, die sie ohne Beute im Revier verbrachten, rechneten sie nicht mit. Sie gehörten zur Passion – aber ohne dabei ihren endlichen Zweck zu leugnen.

Mag sein, dass es in den Hinterköpfen noch einen Rest Erinnerung daran gab, dass dieses Privileg erstritten werden musste. Wie das Wahlrecht oder das Verbot der Kinderarbeit. Dass Waidgerechtigkeit ein Teil von Gerechtigkeit war, um die neue Freiheit zu ordnen und auch um zu schützen, was der Jäger nützen will. Denn ohne Ertrag konnten sich viele Jäger die Jagd nicht leisten. Das war gut so. 

Wer Glück hatte, bekam von den Waidgenossen einen Knopfbock-Abschuss zur bestandenen Prüfung. Eine Trophäe, die ein Leben lang einen Ehrenplatz behielt, auch unter kapitalen Sechsern. Wir beneideten die Förster, die mit einem Lebenshirsch in den Ruhestand verabschiedet wurden. Eigentlich klar, dass dennoch das Wort Trophäenkult ein Fremdwort war. Kult kommt doch von Kultur. 

Vergebung, dass sich meiner Generation die Gedärme drehen, wenn wir ansehen müssen, dass den Hirschen gleich nach dem Erlegen die Stangen abgeschlagen werden. Wenn wir große Strecken sehen und keine Brüche, auch nicht am Jäger-Hut. Wenn auf das Verblasen ganz verzichtet wird und dabei auch die Andacht auf der Strecke bleibt.

Logisch, es gibt alte Männer, denen sichere Treffer zur Glückssache geraten. Aber auch die Masse derer, die den Finger im Zweifel lieber gerade lassen. Aus der Erfahrung, dass Fehlabschüsse in unseren Kreisen früher eine Todsünde waren, kein geduldetes Versehen. Und es gibt ja auch die Alten, die in einer Jackentasche den Vogeldunst stecken haben – für die Fasanen, die heute so oft jämmerlich zerschossen werden.

„Ihrer Karriere war es förderlich, wenn kapitale Hirsche vor die Büchse von Ministern und Ministerialdirektoren kamen.“

Michael Lehner

Auch bei uns in den Kommentaren melden sich Jäger zu Wort, die wohl nicht das Glück hatten, solche Vorbilder zu haben. Die nicht wissen, dass der Igel im Winter kein Futter braucht und die Bäume auch dann in den Himmel wuchsen, als dem Schalenwild zur Notzeit noch geholfen wurde – und an der Fütterung nicht heimlich geschossen. Als die elenden Nachsuchen noch überaus selten waren, weil irrwitzige Weitschüsse schon an der Rasanz der Patronen scheiterten und daran, dass die Zielfernrohre eher Operngucker waren.

Ja, das Wild hatte seine Chance. Die Förster achteten darauf, dass die Abschusspläne nicht überschossen wurde. Ihrer Karriere war es förderlich, wenn kapitale Hirsche vor die Büchse von Ministern und Ministerialdirektoren kamen. Und wir hätten nicht geglaubt, dass das Entgelt für Pirschbezirke dereinst durch große Jahresstrecken abgegolten wäre.

Da wird es zum schönen Erlebnis, wenn sich im vertrauten Kreis auch Jagdbeamte als passionierte Jäger zu erkennen geben. Und der Nachwuchs aus dem gehobenen Dienst bei gutem Anblick vor Erregung zittert. Wenn Gäste der allfälligen Reduktionsjagden eben doch Emotion erkennen lassen und verstohlen Brüche tauschen, obwohl’s der Karriere womöglich nicht dienlich ist – und offenbart, dass Jagd eben doch nicht nur eine Last ist.

Da werden zwar wieder wütende Kommentare kommen, aber die Wette gilt, dass reichlich Öko-Jäger in Wahrheit auch nur Jäger sind und sich die Passion heute locker leisten können, wenn sie mit den Wölfen heulen, um auf den Einladungslisten zu bleiben. Was zur Erkenntnis führt, dass unsere Traditionsjagdverbände dann eine Zukunft haben, wenn sie die Tradition nicht leugnen und unser Tun nicht auf Hege und Pflege herunterreden.

Jagd ist nun mal keine leidige Pflicht, sondern ein Privileg, das unsere Vorväter für die weniger Privilegierten erstritten haben. Mag sein, dass sie nicht mehr nötig ist, um auf vorzügliche Weise satt zu werden. Aber der Mensch lebt nicht vom Fleisch allein, sondern auch von Traditionen und Emotionen. Letztere haben uns die Veggie-Ideologen voraus, wenn die Jäger so weiter machen. Es wäre spannend zu wissen, wie dereinst die Historiker darüber denken werden, wenn klar ist, dass die Welt ohne Jagd nicht besser wurde.“

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