Der Osterbraten kommt aus Übersee

Zum Fest nur das Beste: Bei den Preisen, die der Einzelhandel in der Osterwoche für Wildbret aufruft, reiben sich die Jäger wieder mal die Augen.

Fleischtheke

Foto: Karamo

Hier in Franken hat Edeka gerade Hirschkeule im Angebot. 15,99 fürs Kilo. Frisch aus Neuseeland noch dazu. Wer weiß, wie heimische Rotspießer am Stück gehandelt werden – und wie die Revierpächter zur Saison den Handel um Abnahme betteln müssen –, der kann sich seinen Reim drauf machen. Und dazu noch die Umwelt-Rechnung für den Flug vom anderen Ende der Welt.

Wir könnten aber auch mal darüber nachdenken, was da schief läuft, wenn derartige Verbraucherpreise ganz offensichtlich durchsetzbar sind – wenn der Braten nur lange genug im Frachtraum eines Düsenfliegers abgehangen wurde. Und warum die kleinen Dorfmetzger so oft das große Jammern kriegen, wenn sie der Jäger auch nur fragt, ob sie mal einen Hirsch oder gar eine Sau im Ganzen abnehmen.

Der Wirtin bei uns im Dorfgasthaus habe ich im vorletzten Winter mal einen halben Überläufer spendiert. Sie hat ihn wunderbar zubereitet. Aber verspeist haben wir den feinen Braten zum großen Teil unter uns. Die übrigen Gäste wandten sich mit Grausen, wenn sie das Wort Wildsau nur hörten. Dies im ländlichen Raum und obendrein in einer „Genussregion“. Irgendwas muss da wohl gründlich verkehrt laufen. Auf der Karte war das feine Schweinderl nämlich kaum teurer als Braten vom Hausschwein, der regelmäßig blitzschnell ausverkauft ist.

Von den alten Geschichten, dass die Jäger früher nur jenes Wild zum Wirt brachten, das sie selber nicht essen wollten, wollen wir in diesem Zusammenhang nicht reden. Gestimmt hat das noch nie, zumindest nicht zu meinen Lebzeiten. Schon eher liegt es an der Preisfindung, die Jäger nicht selten verzweifeln lässt. Vor allem, wenn sie in der Edeka-Reklame blättern oder auf so manche Speisekarten schauen.

Eher mag die Situation damit zu tun haben, dass Otto Normalverbraucher und Emma Normalverbraucherin sich beim Wildbret nicht vorstellen können, es sei bereits in der Folienverpackung „unter Schutzatmosphäre“ auf diese Welt gekommen. Manchmal entsteht ja schon der Eindruck, „Tiermord“ finde nur auf der Jagd statt, aber mitnichten bei der Produktion von Hamburgern oder Hühner-Flügeln. Und obwohl jede wilde Sau auf Strahlung und Trichinen untersucht wird, wächst ein Misstrauen eigener Art. Sogar bei Leuten, die Agrarchemie sonst für Teufelswerk halten und für „Bio“ gern ein paar Euro mehr bezahlen.

Wem kann der Jäger noch eine Freude machen mit dem herbstlichen Küchenhasen? Früher ein willkommenes Geschenk, heute oft schier eine Zumutung – zumal, wenn die Kinder das tote Tier zu Gesicht bekommen. In Wahrheit will die Moderne wohl am liebsten nicht so ganz genau wissen, was da auf den Tisch kommt. Hauptsache gluten- und lactosefrei. Und, vor allem, (fast) ohne „Tiermord“. Das gilt wohl auch für Lämmer aus Neuseeland. Dort gibt's zumindest keine Wölfe, denen Homo sapiens (?) den Osterbraten wegfrisst.

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