Die Nilgans und der Vogel Strauß

Pünktlich mit der Frühlingssonne beginnt auch in diesem Jahr der Streit um die Gänse in Stadtparks und an Badeseen. Die Fans der ganz reinen Naturlehre müssen jetzt stark sein – wie beim Affentheater um Waschbären und Kröten.

Nilgans

Foto: MrsBrown

Neu ist die Nummer mit den verkackten Liegewiesen keineswegs. Aber seit einigen Jahren hat die freizeitbürgerliche Erregung einen neuen Namen: Die Nilgans, scheint es, ist die Wurzel aller Übel. Obendrein noch zugewandert aus dem Nahen Osten (obwohl es hierzu auch andere Theorien gibt). Und längst kein seltener Vogel mehr, aber immerhin ein Vogel.

Wir erfahren mit gelindem Entsetzen, dass diese Gänserasse nicht nur Freibäder bedroht, sondern auch reichlich andere Arten aus unserer Natur verdrängt. Sogar den Storch, der bekanntlich fürs Kinderkriegen zuständig ist. Aber zugleich wird klar: So funktioniert Natur, wenn sie sich selber regelt. Und das in einem Land, wo es Proteste hagelt, wenn von einem Glockenturm das Lied erklingt, dass den Fuchs der Jäger holen soll (wir berichteten).

Die Gewissenskrise zwischen verkoteten Badelaken und kompromissloser Tierliebe wird in solchen Zeiten offenkundig. Selbst weltgewandte Politiker und Verbandsfunktionäre geraten in Erklärungsnot. Die Sucht, es möglichst jedermann/-frau recht zu machen, erfährt ihre Grenzen. Und dies, nachdem sich das gefühlte Problem mit der Nilgans zum flächendeckenden Aufreger einer sonst eher schweigenden Bürger-Mehrheit entwickelt.

In Mecklenburg-Vorpommern erlebt der sonst in diesen Kreisen eher wohlgelittene Umweltminister Till Backhaus, wie schnell Sympathien zu verspielen sind. Sein Vorschlag, neben Rabenkrähen, Elstern und Nutrias auch die Nilgans den Jägern auszuliefern, erntet heftige Kritik – voran vom Nabu. Dort gilt das zugewanderte Federvieh nämlich als längst heimische Art – und als möglichst streng zu schützen, wie alle anderen Tiere auch.

Das kennen wir schon von der jüngsten Debatte um den Waschbären, den die Bundesregierung unter Druck aus Brüssel möglichst ganz verbieten soll (wir berichteten) – aber tunlichst nicht zur ganzjährigen Bejagung freigeben, wenn es nach den Jäger-Hassern geht. Oder aus Holland, wo die Gänsejagd total verboten wurde und nun durch staatlich angeordnete Massenvergasung ersetzt werden muss (wir berichteten). Nicht nur wegen des sozialen Friedens in den Badeanstalten, sondern (gottlob) auch wegen der Bauern, denen die Tiere ihre Felder leer fressen.

Als kluge Tiere haben die Gänse wohl erkannt, wo sie besonders willkommen sind.

Nach fetzigen Schlachten in den klassischen Gänse-Bundesländern zieht sich der Kampf gegen den „Tiermord“ längst in den küstenfernen Süden. In Baden-Württemberg hat sich die Zahl der Nilgänse binnen zehn Jahren verachtfacht, die Tiere verdrängen zunehmend eingeborenes Federvieh. Wie in Bayern beginnt auch dort die Kanadagans heimisch zu werden. Als kluge Tiere haben die Gänse wohl erkannt, wo sie besonders willkommen sind. Wozu weiter in den Süden ziehen, wo die „Gänse-Mörder“ lauern und nicht einmal Singvögel verschonen.

In Nordrhein-Westfalen, wo der Gänse-Streit schon länger wütet, hatte der Nabu bisher eine klare Position: „Es wird rechtlich unzutreffend behauptet, dass die Nilgans nicht unter die EU-Vogelschutzrichtlinie fällt, da sie keine europäische Art sei.“ In Wahrheit, findet der Verband, sei die Nilgans längst eingebürgert und zu schützen, gehöre gar „zu den besonders geschützten Arten“.

Und auch auf die Sorgen der Bauern hat der NRW-Nabu eine klare Antwort: „Bei der Nilgans werden erhebliche landwirtschaftliche Schäden … behauptet. Auch hier fehlen durch das Land nachgeprüfte Fakten. Selbst wenn es diese Schäden und eine Jagdzeit gäbe, dürfte die Art aufgrund des Jagdrechts und der geringen Brutpaare sowie der absoluten Zahlen nicht gejagt werden, da sie der Hegepflicht unterliegt und ihr Bestand und ihre Verbreitung in Deutschland nicht gesichert sind.“

Manchmal ist es wohl Zeit, an den Vogel Strauß zu erinnern, der angeblich einfach den Kopf in den Sand steckt, wenn er nicht sehen will, was tatsächlich los ist. Auch er wird wohl bald heimisch, wenn nur die Jagd auf ausgebüxte Farm-Tiere mit Nachdruck unterbunden wird.

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