Die Reduktionsjagd und das Jägerherz

Dass unser Autor gern mal aneckt, ist bekannt. Aber einer engagierten Debatte sollte das nicht schaden. Heute nimmt Michael Lehner die Reduktionsjagd aufs Korn.

Schwarzwild vor einem Hochsitz

Foto: Carol Scholz

Wer die führende Bache streckt, hat die Frischlinge gleich mit erledigt. Wer auf der Winter-Drückjagd die Rehgeiß tötet, hat im besten (oder eigentlich schlimmsten) Fall gleich drei Waldschädlinge aus der Wildbahn genommen. Nur auf sein Jägerherz sollte sich ein solcher Waidmann nie berufen. Reduktionsjäger passt viel besser.

Logisch, derlei Kritik ist in diesen Tagen ein Königsweg, sich unbeliebt zu machen – auch unter manchen Jägern. Vor allem bei denen, die liebend gern dort dabei sind, wo es mit der Waidgerechtigkeit nicht so genau genommen wird. Und nichts kostet, außer Benzingeld und Patronen allenfalls. Und obendrein ist sich der Reduktionsgehilfe in seinen Kreisen auch noch des Beifalls sicher.

Wer kennt sie nicht, die Waidgenossen, die nach dem Abblasen nicht einmal fragen, ob sie ein Stück kaufen können. Selbst dann nicht, wenn die Strecke so groß ist, dass sich der Wildbrethändler in Erwartung von Spottpreisen wegen Überangebots schon die Hände reibt. Es gibt ja Jagdherren, die derartigen Verlust locker wegstecken. Andere, die sich den Pachtschilling vom Mund absparen, mögen das anders sehen. Zumal der Wertverfall des Lebensmittels Wildbret ja auch die (Waid-)Gerechten trifft.

Wer gelernt hat, dass der Jäger im Geschöpf den Schöpfer ehrt, fühlt sich da oft im falschen Film. Auch dann, wenn der auf Natur- und Tierschutz abonnierte Zeitgenosse gerne Revierinhaber ins Visier nimmt, die Hege noch als Verpflichtung empfinden. Leute, die Füttern auch in der schlimmsten Notzeit als Trophäenmast verunglimpfen und lieber den Fuchs geschont wissen wollen als das Schalenwild, sind leider tonangebend in dieser aufgeregten Debatte.

Mit der Zeit zu gehen, heißt anscheinend auch, dem Waldumbau kritiklos – und nicht selten ohne Sachverstand – das Wort zu reden. So lange, bis den wenigen noch vorhandenen Rauhfußhühner-Küken mangels Nadelbäumen die lebenswichtigen Ameisenlarven ausgehen. Sind Auer- und Birkwild womöglich nicht so wichtig, obwohl sie (ganzjährig geschont) unter der Obhut des Jagdrechts stehen? Sind Laubbäume womöglich auch deshalb so wichtig, weil sie besonders gern verbissen und geschält werden und so ein weiteres Argument zur Reduktionsjagd liefern?

Keine Missverständnisse: Nichts gegen einen standortgerechten Mischwald. Auch nichts gegen Drückjagden, so lange Anstandsregeln gelten. Aber gehört zur Jagd nicht auch der Misserfolg ergebnisloser Pirschgänge und Ansitz-Nächte? Mit der Gewissheit, selektiv zu handeln und nicht wahllos. Womöglich auch um den Preis, dass von der Freizeit nur wenig für andere Aktivitäten übrigbleibt.

„Jagd ist sehr unmittelbar auf erträglich intakte Natur angewiesen.“

Es geht hier darum, auch der Passion das Wort zu reden. Die ist mehr als das Bemühen um Nützlichkeit und mehr als die Scheinwelt wohlfeiler Ausreden zur Rechtfertigung des eigenen Jagdinstinkts. Sie versteht Jagd als ein Erleben, das so richtig erst erfüllt, wenn wir Zusammenhänge begreifen. Vor allem den, dass Jagd zur menschlichen Kultur gehört. Was zwangsläufig bedeutet, dass sie einen Eingriff in die Natur darstellt. Wie nahezu alles menschliche Dasein auch. Der große Unterschied zu anderen Auswirkungen menschlicher Kultur: Jagd ist sehr unmittelbar auf erträglich intakte Natur angewiesen. Übliche Freizeitaktivität nicht, ob Skizirkus oder Mountainbiken.

Provokant ließe sich sagen, dass Jäger, Fischer und ein Großteil der Bauern darauf angewiesen sind, dass es Tiere gibt, Veganer in letzter Konsequenz aber nicht. Wie viel die Tiere jenen Menschen wirklich wert sind, die nicht zwingend auf diese angewiesen sind, lässt sich in Wohlstandszeiten nur sehr schwer einschätzen. Aber Wetten auf das Gute im Menschen erscheinen nicht nur in diesem Zusammenhang zumindest riskant.

Eher gilt, dass der Mensch im Krisenfall nur schützt, was er nützen will. So gesehen ist Streckemachen alles andere als krisenfest. Und schon gar keine Rechtfertigung für unser Tun. Das wissen auch die Jagdgegner, die nur auf Bildmaterial für ihre Kampagnen warten. Und auf Schützen, die nicht mal mit der Wimper zucken, wenn zum Beginn einer Reduktionsjagd die Regeln der Waidgerechtigkeit schon mal aufgehoben werden.

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