Ein jämmerliches Bärenschicksal

In Bayern jährt sich das Affentheater um den Braunbären „Bruno“ zum zehnten Mal. Die Sache endete tödlich für das Tier und bleibt ein Lehrstück für realitätsferne „Willkommenskultur“.

Sicher ist heute: Nicht nur „Bruno“ hat viel falsch gemacht, sondern auch seine Gastgeber in den Alpen. Das begann mit fehlender Geduld: Statt natürliche Zuwanderung abzuwarten, wurden zehn Bären aus slowenischen Wildparks importiert und im italienischen Brenta-Nationalpark ausgewildert. Da war viel Geld im Spiel und wohl auch die Versuchung groß, den Projekt-Partnern Tiere unterzujubeln, die durchaus an menschliche Nähe gewöhnt waren.

Jurka zum Beispiel, die Mutter von Bruno, galt bereits als verhaltensauffällig, bevor ihre Söhne als Problembären Schlagzeilen machten. Das Weibchen hatte kein Problem damit, sich bei der Nahrungssuche Menschen und ihren Siedlungen zu näheren. Und die Menschen, die für das Tier Verantwortung getragen haben, wussten das. Jurka trug nämlich ein Sender-Halsband.

Dass sich auch Bruno zum Problembären entwickelte, war ebenfalls bald klar. Aber statt dem Jungbären sein später tödliches Schicksal zu ersparen, versuchten es die Bären-Hüter erst mal mit Vergrämung. Aber weder Gummischrot noch Sylvester-Knallkörper konnten dem Tier die verhängnisvolle Neigung austreiben, die Nähe des Menschen zu suchen.

So war Bruno schon verhaltensauffällig, bevor er am 20. Mai 2006 erstmals die Grenze zum Freistaat Bayern überschritt. Aber das wusste Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf noch nicht, als er das Tier begrüßte: „Der Bär ist in Bayern willkommen.“ Eingeweihte ahnten zu diesem Zeitpunkt schon: Bruno war eine Zeitbombe. So wenig scheu, dass er sich sogar vor die Polizeistation im Fremdenverkehrsort Kochel setzte – als wollte er sich dort stellen, um dem Rummel zu entkommen.

Auch klar: Dieser Bär war keinesfalls böse, zunächst womöglich nicht einmal gefährlich. Mit schierer Engelsgeduld ließ er sich von Mountainbikern verfolgen, setzte erst spät zu einem Abwehrangriff an. Ohne Folgen für die Radler, die wohl nicht wussten, dass ein gesunder Bär viel schneller als ein Fahrrad ist. Also drohte die Staatsregierung dem zunächst willkommenen Gast auch nicht mit Todesstrafe, sondern mit Warnschüssen, wieder mit Gummischrot.

Der Rest ist bekannt: Auch aus Finnland eingeflogene Bärenjäger (Kostenpunkt: 30.000 Euro) kamen Bruno nicht nah genug, um das Tier per Narkosegewehr lebend aus der freien Wildbahn zu entfernen. Die Behörden entschieden, dass Bruno sterben muss. Bayerns Jäger weigerten sich ebenso wie ihre Kollegen im benachbarten Tirol, den Bären zu erschießen. Wohl ahnend, dass die Wut der Bruno-Fans kaum auszuhalten wäre. Und am Ende mussten weisungsgebundene Staatsbeamte mit Jagdschein die traurige Arbeit erledigen.

Am Morgen des 26. Juni 2006 um 4.50 Uhr wurde der Bär bei der Kümpflalm im oberbayerischen Landkreis Miesbach erlegt. Mit drei Schüssen. Er wog 110 Kilogramm und maß aufgerichtet 160 Zentimeter. Ein eher kleiner Bär also. Ausgewachsene Exemplare bringen es leicht auf über zwei Meter und 300 Kilo. Heute ist Bruno ausgestopft im Münchner Museum „Mensch und Natur“ zu besichtigen. Sein Bruder JJ3 wurde im schweizerischen Graubünden erlegt. Mama Jurka bekommt in einem Wildpark im Schwarzwald das Gnadenbrot.

In der Schweiz wird derweil die offizielle Wiederzulassung der Bärenjagd diskutiert. Und selbst in Italien, das seinerzeit offiziell und heftig gegen Brunos Tötung protestierte, ist die Forderung nach Abschüssen kein Tabu mehr, seit ein Nationalpark-Bär im vergangenen Sommer einen Jogger angefallen und in den Kopf gebissen hat.  

Sicher scheint so oder so: Die Hoffnung, dass sich die Import-Bären ganz unauffällig über den gesamten Alpenraum verteilen und dort unauffällig ein den Menschen genehmes Dasein fristen, hat sich bisher nicht erfüllt. Vielleicht liegt das an Jurkas Problem-Genen. Oder doch an den Menschen?

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