Gewissensfragen

Was Jäger beim Töten fühlen, fragen nicht nur Jagdgegner gern und immer wieder. Christian Lindner, Jungjäger und FDP-Chef, hat eine Antwort gegeben und spricht von einem „Moment des Bedauerns“.  Unser Autor hat nachgedacht, ob das genügt.

Marder auf Wiese umgeben von Löwenzahn

Foto: Dieter Hopf

„Den Schuss, den du nicht abgegeben hast, musst du nie bereuen.“ Eine alte, immer wahre Jäger-Weisheit. Womöglich die wichtigste Antwort auf die Gretchenfrage nach dem Töten. Aber wer wird am Ende eines Jägerlebens behaupten können, dass es keine Schüsse gab, die der Reue wert sind? Nicht einmal einen? 

Christian Lindner hat im Interview mit dem Nachrichtensender ntv eine typische Jungjäger-Antwort gegeben auf die Frage zu den Gefühlen nach dem Schuss: „Es gab einen Moment des Bedauerns, als ich das erste Reh schoss. Besonders wenn man lange entfernt von der Natur gelebt und Fleisch nur über die Kühltheke wahrgenommen hat.“ 

Andere erinnern sich – wenn sie ehrlich sind – auch an ein Gefühl der unbändigen Freude. Es ist der Zwiespalt zwischen Glück und Reue, der die Jagd ausmacht und Jagdgegnern wie Schizophrenie anmutet. Wenn es eine ist, dann sollten sich alle Menschen der Widersprüche bewusst sein. Und mit ihnen so umgehen wie die allermeisten Jäger: Fleisch essen bedeutet Tiere töten. 

Manche werden Vegetarier. Die große Masse lässt töten. Jäger stellen sich dem Konflikt. Manche mehr, manche weniger. Anfangs hilft vielleicht die Ausrede, dass an der Supermarkt-Kühltheke alle Menschen Jäger sind, irgendwie. Aber nicht auf Dauer: Jagd ist mehr als eine naturnahe Form der Hausschlachtung. Sie ist Nahrungserwerb in seiner womöglich mühsamsten Form. Wie Ackerbau ohne Maschinen oder Fischefangen ohne Netz und Reusen.

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Mühsam – aber vor allem erfüllend – ist die intensive Beschäftigung mit der Natur der Beutetiere. Und wohl auch der bewusste Verzicht auf manche Errungenschaften der Technik. Auf automatische Waffen zum Beispiel oder auf eine Zieloptik, mit der die Nacht zum Tage wird. Jagd braucht, kurz gesagt, die Option des Misserfolgs, um den Erfolg nicht zu entwerten. 

Zuallererst erfordert Jagd die Sorge um die Beute. Nicht kritiklos schweigen, wenn Ahnungslose den „Trophäenkult“ anprangern. Der kapitale Hirsch, die Geis von 30 Kilo in der Decke, der Balzplatz mit drei Dutzend spielenden Hähnen: Was sonst wäre der Nachweis erfolgreicher Hege? Gern auch um den Preis des Vorwurfs, dass Jäger der Natur nachhelfen. Wo sie doch dringend Nachhilfe braucht. 

Zur Jagd gehören Naturschutz und Biotoppflege. Nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck. Nachhaltiger als Öko-Spartendenken, das so schnell an Grenzen gerät. Zum Beispiel beim Konflikt zwischen vermeintlich naturnahen Freizeitaktivitäten und dem Schaden, den diese in der Natur anrichten. Oder im Unvermögen, zu begreifen, dass allein sich selbst überlassene Natur die Natur des Menschen überfordert. 

Wünschen wir also dem Politiker Lindner ein langes, erfülltes Jägerleben. Und die Erfahrung, dass die gemischten Gefühle beim Töten dazugehören – bis zum letzten Bruch.

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