Tuberkulose: Schädlingsbekämpfung im Rotwild-Revier?

Rothirsch

Foto: Horst Grasser

Die neu entflammte Diskussion um Rinder-Tuberkulose und Rotwild klingt entspannt. Aber hinter den Kulissen gärt es: Viele Jäger fürchten einen Vernichtungsfeldzug gegen die Hirsche durch die Hintertür der Seuchenbekämpfung (wir berichteten).

Die wohl wichtigste Feststellung: Auch wenn lautstark Anderes verkündet wird, fehlt bisher der wissenschaftliche Nachweis, dass die Tuberkulose durch Rotwild auf die Rinder übertragen wird – und nicht umgekehrt.

Ebenfalls wichtig: Bei den besonders betroffenen Gebieten in den österreichischen Alpen geht es um Reviere mit hohen Rotwild-Dichten, die so im benachbarten Bayern und Baden-Württemberg schlicht nicht vorstellbar sind. Eine Übertragung der nun in Österreich erwogenen Totalabschuss-Szenarien auf deutsche Verhältnisse ist damit äußerst fragwürdig.

Das Wichtigste: Die TBC-Kontrollen in den Rinderbeständen, die in der Nachkriegszeit alle drei Jahre Pflicht waren, wurden seit Jahrzehnten vernachlässigt. Auch das rächt sich nun ganz offensichtlich. Eine Spurensuche nach den Übertragungswegen innerhalb der Nutztierbestände erscheint nahezu aussichtslos.

Die Älteren unter uns erinnern sich noch an Kindermilch in brauen Flaschen und an sogenannte Vorzugsmilch. Und an die Schilder an den TBC-freien Bauernhöfen. Zeitzeichen einer Erfolgsgeschichte der Tierseuchenbekämpfung. Bereits im Jahr 1961 waren 99,7 % der Rinder-Bestände tuberkulosefrei. Im Jahr 1997 wurden die bis dahin obligatorischen Reihenuntersuchungen abgeschafft, aus Kostengründen.

Nur: In vielen anderen Ländern sah es nicht so gut aus, auch nicht in Europa. Vor allem nicht in Großbritannien mit rund 260 000 TBC-Rindern seit dem Jahr 2008. In England gilt mittlerweile der Dachs als Hauptüberträger der Seuche und wird entsprechend hart bejagt – Ausgang bisher offen.

Dass mittlerweile auch der Kuh- und Futtermittelhandel globale Ausmaße angenommen hat, wird gern verdrängt. Ebenso die Tatsache, dass TBC-Ausbrüche auch in absolut rotwildfreien Gebieten vorkommen. Aber es gibt zumindest aus Bayern einigermaßen verlässliche Zahlen: Von 360 Stück Rotwild aus dem Jagdjahr 2012/2013 waren 14 Tiere infiziert, ganze 3,8 Prozent.

Für einen Totalabschuss wie er jetzt in den besonders befallenen Gebieten Österreichs immer wahrscheinlicher wird, gibt es bei solchen Zahlen in Deutschland wohl keinen vernünftigen Grund. Eher akut wird die Forderung vieler Jäger, nur noch auf TBC getestete Rinder zur Sommerweide auf Almen und Alpen zuzulassen – damit auch das Infektionsrisiko für die Hirsche reduziert wird. Und vielleicht sogar eines Tages eine Antwort auf die Gretchenfrage möglich wird, ob wirklich das Rotwild schuld ist oder aber das Rindvieh.

Am Rande noch ein Problem, bei dem es ans Eingemachte geht: Die betroffenen Jagdpächter überlegen schon, ob Rotwildreviere ohne Hirsche noch die bisher überwiegend horrenden Pachtpreise wert sein können. Wie in Gegenden mit Sauenplage kommt auf die Grundbesitzer wohl eine Diskussion zu, die ein besonders schmerzempfindliches Körperteil betrifft: den Geldbeutel.

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