Stimmungsmache nach tödlichen Erntejagd-Unfällen

Nach mehreren tödlichen Unglücken bei Erntejagden in Thüringen kocht die Stimmung der Landwirte hoch: „Wir lassen uns nicht vom Jäger erschießen.“ Dabei ist Zusammenarbeit gerade jetzt so wichtig!

Rotte Schwarzwild

Foto: Ryszard Adamus

Jäger und Landwirte stehen nicht nur bei ihrer Arbeit, sondern auch im öffentlichen Diskurs ähnlichen Problemen gegenüber. Aktuelle Herausforderungen wie riesige Wildschweinpopulationen, Wildschäden und der Verlust der Artenvielfalt betreffen Jäger und Landwirte gleichermaßen, ebenso wie zerstörtes Eigentum (wir berichteten hier und hier) und öffentliche Anfeindungen (nachzulesen hier und hier). Eigentlich müssten wir am gleichen Strang ziehen, um den Herausforderungen in Feld und Flur, aber auch in der öffentlichen Auseinandersetzung gemeinsam zu begegnen.

Leider ist in der jüngsten Zeit häufig das Gegenteil zu beobachten. Aktuelles Beispiel: Landwirte in Thüringen, die öffentlich davon sprechen, Angst vor Jägern zu haben. Agrarexperte Egon Primas von der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag beschreibt die Stimmung unter den Landwirten in der Thüringer Allgemeinen als feindselig: „Wir lassen uns nicht vom Jäger erschießen.“ Einige Bauern würden schon gar nicht mehr bei den Jägern anrufen, wenn die Ernte ansteht. „Manche Landwirte informieren die Jäger auch sehr spät. In der Hoffnung, dass keiner zur Erntejagd kommt“, wird Primas weiter zitiert.

Berichte über Erntejagd-Unglücke schüren Angst

Anlass für diese Stimmung – oder sollte man eher sagen Stimmungsmache? – in Thüringen sind die Berichte über zwei tragische Unglücke bei Erntejagden, die sich im Juli binnen weniger Tage ereigneten. Zuerst wurde ein sechsjähriges Mädchen in einer Kleingartenanlage in Großsaara von einer Kugel getroffen (wir berichteten). Die Kleine wurde schwer verletzt, überlebte aber. Nur wenige Tage später starb ein 56-jähriger Jäger in Unterwellenborn durch das Projektil eines Kollegen bei einer Erntejagd auf Schwarzwild.

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 Stimmungsmache kann nicht die Lösung sein

Aktuell sorgt ein weiteres Unglück für Aufsehen, allerdings in Bayern. Ein 47-Jähriger wurde von einer Kugel getötet, die die Beifahrerscheibe eines fahrenden Autos durchschlug (wir berichteten). Auch hier fand in der Nähe eine Erntejagd auf Wildschweine statt. Dass die Sorge nach solchen Unglücken wächst, ist nachvollziehbar. Jetzt aber öffentlich gegen die Jagd Stimmung zu machen, Erntejagden zu boykottieren oder die zuständigen Jäger erst in letzter Sekunde vor der Ernte zu informieren, kann keine Lösung sein.

Schwarzwild-Probleme werden 2019 noch zunehmen

Im Gegenteil: Das Problem potenziert sich. Informiert der Landwirt die Jäger erst kurz vor der Ernte, haben sie kaum eine Chance, sich ordentlich zu organisieren und die Erntejagd zu planen. Kommt der Anruf vom Bauern am Abend vorher oder sogar erst am Morgen, treffen sich nicht die besten und erfahrensten Erntejagd-Schützen – sondern eben die, die so spontan Zeit haben. Und selbst die besten Schützen nutzen nichts, wenn die Jagd chaotisch organisiert ist und niemand weiß, wo die anderen Jagdteilnehmer stehen.

Wildschweine im Mais

Foto: Carol Scholz / Schwarzwild am Rande eines Maisfelds.

Gerade jetzt, wo die Sauen sich im Mais herumtreiben, sind die Erntejagden besonders wichtig, damit sie sich nicht wieder in den Wald verziehen, wo sie sich ungehindert vermehren können. Warum das in diesem Jahr besonders dringlich ist, erklärt Karsten Schmidt, Jäger, Wildschadengutachter und Artenschützer, gegenüber der Thüringer Allgemeinen. Er prophezeit, dass die Probleme mit Wildschweinen 2019 noch zunehmen werden: „Dieses Jahr gibt es eine Eicheln- und Bucheckernmast, die sich gewaschen hat. Das erschwert die Jagd total. Dann müssen die Wildschweine gar nicht mehr raus aus dem Wald. In solchen Wintern schießt man so gut wie nichts.“

Bejagungsschneisen: So sieht gute Kooperation aus

Das gemeinsame Ziel von Jägern und Landwirten sollte es deshalb sein, möglichst viele (auch junge) Sauen zu schießen, damit sich die Bestände und somit auch die Wildschäden und die negativen Auswirkungen auf die Natur einigermaßen in Grenzen halten. Eine erfolgreiche Schwarzwildjagd funktioniert aber nur, wenn Jäger und Landwirte zusammenarbeiten – zum Beispiel, indem Bejagungsschneisen eingerichtet werden. Einige Landwirte gehen bei diesem Thema mit gutem Beispiel voran und zeigen, wie eine gelungene Kooperation mit den zuständigen Jägern aussehen kann, etwa in der Lausitz (wir berichteten: Mit vereinten Kräften gegen Wildschäden).

LJV-Präsident Steffen Liebig

Foto: Frank Herrmann / Der Präsident des Thüringer Landesjagdverbandes, Steffen Liebig.

Ja, Erntejagden sind gefährlich, auch für Jäger. Ob es sich bei den genannten Unglücken um menschliches Versagen, Fahrlässigkeit oder einfach um tragische Unfälle gehandelt hat, kann nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen noch nicht gesagt werden. Unabhängig davon betreffen Wildschäden, gewaltige Schwarzwildpopulationen und der Verlust von Artenvielfalt uns alle. Diesen Herausforderungen können wir nicht durch Stimmungsmache und Boykott begegnen, sondern nur durch gemeinsame, harte Arbeit und eine gemeinsame Stimme.

Versöhnliche Töne von beiden Seiten

In Thüringen scheint man sich nach den Misstönen von beiden Seiten immerhin zusammenzuraufen. In einem aktuellen Bericht der Thüringer Allgemeinen heißt es, Jäger und Landwirte im Bundesland wären bestrebt, die Jagd auf Wildschweine gemeinsam zu verbessern, auch mit Blick auf die Afrikanische Schweinepest. Der Thüringer Bauernverbands-Vize Lars Fliege sagte: „Wir appellieren an alle Landwirte, bei Erntejagden besser mit den Jägern zu kommunizieren.“ Diese sollen mehr Zeit haben, sich auf diese „effektive, aber auch gefährliche Jagd vorzubereiten“.

Auch von Jägerseite kommen versöhnliche Töne: „Das ist der richtige Weg“, wird Jagdverbandspräsident Steffen Liebig (siehe Foto) zitiert. „Die Erntejagd erfordert von den Jägern große Selbstdisziplin. Sie ist besonders risikoreich und muss militärisch vorbereitet werden“, erklärt Liebig. Deshalb sei es wichtig, dass die Landwirte den Jägern mindestens 24 Stunden vorher mitteilen, wann und wo geerntet wird. Das sei bisher leider nicht immer die Praxis.

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