Wenn der Einser-Hirsch zu Hosenknöpfen wird

Wald und Wild sollen in Nationalparks traditionell eigentlich ohne menschliche Eingriffe existieren. Die Realität sieht leider anders aus.

Rotwild

Foto: Ryszard Adamus

Nicht nur in Bayern regt sich Widerstand gegen die Jagdpraxis in staatlichen Wäldern. Die Auseinandersetzung ist auch in Niedersachsen akut. Und zwar aus berufenem Munde: Der Forstmann Dr. Wolf-Eberhard Barth wirft dem Staatsforst zügellose Trophäenjagd im Nationalpark Harz vor. Obendrein ganz kostenlos für die auserwählten Jäger.

„Unter den erlegten Hirschen war sogar ein zwölf Jahre alter Zwanzigender“, klagt der pensionierte Forstdirektor, der über Jahrzehnte Verantwortung für den Nationalpark trug: „Wir haben praktisch eine Trophäenjagd bekommen, die dem Gedanken eines Nationalparks völlig zuwiderläuft."

Spannender Hintergrund: Nach der reinen Lehre sollten Wald und Wild in solchen Schutzgebieten möglichst ohne menschliche Eingriffe existieren. Aber das funktioniert in Niedersachsen offenbar genauso wenig wie in Bayern. Das Ausmaß der Schäden durch einen unbejagten Schalenwildbestand will wohl niemand – auch nicht im Interesse des Nationalpark-Tourismus, für den mit prächtigen Brunfthirschen geworben wird.

Also gilt die Devise, das Schalenwild zu dezimieren. Den Hirsch vor allem und in Bayern auch die Gams. Nur: Ob es ausgerechnet die stärksten Tiere sein müssen, die solche Auslese trifft, bleibt eine Streitfrage. Nach der jüngsten Statistik des Rotwildrings Harz wurden in der vergangenen Saison beim Rotwild 368 weibliche Tiere und 366 Hirsche erlegt. Dabei sollte sich der Abschuss laut Nationalpark-Richtlinien auf Kälber, Schmal- und Alttiere und Hirsche bis zum vierten Lebensjahr konzentrieren.

Während das Schalenwild zum Schädling herabgewürdigt wird, ist der Borkenkäfer dabei, zur Heiligen Kuh der angeblich naturnahen Wald-Philosophie zu werden. Wie im Nationalpark Bayerischer Wald sind sterbende Käfer-Bäume Symbol eines forstlichen Zeitgeistes, der leugnen will, dass unsere Wälder von Menschen gemacht sind und den pflegenden Eingriff des Menschen brauchen. Auch um so zu bleiben, wie Normalverbraucher ihren Wald lieben.

Gegenüber der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung bekräftigt die Nationalparkverwaltung ihre Rotwild-Politik: „Wir geben nach bestimmten Kriterien zum Abschuss frei: jung vor alt, schwach vor stark. Bei uns werden gezielt die weiblichen Tiere reduziert.“ Dass derzeit auch reife Hirsche erlegt werden, habe nur einen Grund: „Wir haben ein echtes Rotwildproblem.“

Rothirsch

Foto: Daniela Fett

Wo um alles in der Welt ausgewachsene Hirsche noch leben dürfen, wenn nicht in solchen Schutzgebieten, lautet die Frage, die auch den erfahrenen Forstmann Wolf-Eberhard Barth umtreibt. Er habe in der Öffentlichkeit lange geschwiegen und versucht, hohe Beamte des Umweltministeriums für das Problem zu interessieren. Aber auch von der zuständigen Umwelt-Staatssekretärin habe er bisher nicht einmal eine Antwort bekommen.

Niedersachsens Staatsregierung widerspricht den Vorwürfen des erfahrenen Nationalpark-Försters übrigens energisch. Auf eine Anfrage der FDP-Landtagsfraktion betonte Umweltminister Stefan Wenzel im vergangenen September, dass es keine Trophäenjagd im Schutzgebiet gebe: „Die der Presse entnommenen Informationen über vorgebliche Trophäenjagden im Nationalpark Harz sind gegenstandslos. Das Geweih eines Hirsches wird erst dann zur Trophäe, wenn es dem Erleger ausgehändigt wird.“

Diese Aushändigung sei im Nationalpark „in keinem Fall geschehen“ und werde auch zukünftig nicht vorkommen.“ Denn „alle Geweihe von erlegten Hirschen werden von der Verwaltung eingezogen, als Trophäe unbrauchbar gemacht und in der Regel stofflich verwertet“. Zum Beispiel für „die Herstellung von Knöpfen“.

Womit auch klar ist, dass die Staatskasse bei der Hirschjagd leer ausgeht: „Da im Nationalpark Harz keine Trophäenjagd stattfindet, gibt es auch keine Einnahmeverluste.“ Das gilt sogar für sonst teure Einser-Hirsche, die von Staatsbeamten erlegt werden. „Im Nationalpark Harz wird nicht im klassischen Sinne gejagt“, weiß der Minister, „vielmehr werden die Wildbestände mit jagdlichen Mitteln reguliert.“

"wildbestände werden reguliert"

Das Gerücht, dass solche Regulierung sogar an der Schau-Fütterung für Nationalpark-Touristen passiert, hält sich hartnäckig. Nicht nur ein Gerücht ist zugleich, dass sich die Rotwild-Dichte trotzdem kaum oder gar nicht reguliert. Das ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die auf die alte Förster-Weisheit verweisen, dass Reduktion am besten über den Kahlwild-Abschuss gelingt.

Der amtierende Nationalpark-Chef Andreas Pusch sieht das etwas anders: „Die Tatsache, dass Geweihträger ohne Ansprache von Trophäenmerkmalen freigegeben werden, beweist geradezu, dass die Trophäe nicht im Mittelpunkt des Interesses steht. Ziel der aktuellen Freigabe ist nicht die gezielte Erlegung starker Hirsche, sondern die Freiheit, sich im Zweifelsfall schnell auf die saubere Schussabgabe konzentrieren zu können."

Wer sonst noch außer den Nationalpark-Förstern derart befreit von den traditionellen Regeln der Rotwild-Jagd zum Schuss kommt, bleibt übrigens ein Staatsgeheimnis: Dem Landtag verriet der Umweltminister lediglich, es gehe dabei um einen „Stamm von insgesamt 370 Personen, von denen ca. 220 bis 250 aktiv teilnehmen“. Voraussetzung: „Schießnachweis, Verwendung bleifreier Munition, Teilnahme an internen Fortbildungen durch die Nationalparkverwaltung“.

Mehr zum Thema Rotwild finden Sie hier:
Gedanken über die Rotwild-Problematik
Das Rotwild und seine Bejagung im Wandel der Zeiten

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