Auf dem Weg zur Jungjägerin (I):  Die Erste Theoriestunde

Jagen ist eine reine Männerdomäne: Gestandene Kerle, in grüne Loden gekleidet, pirschen bei Wind und Wetter durch Wald und Flur und nehmen mit ihren Hunden die Fährte zu einem Stück Wild auf – ein Klischee, das schon lange nicht mehr stimmt! Längst ist die Jagd keine reine Altherren-Beschäftigung mehr. Das belegen auch die aktuellen Zahlen des Deutschen Jagdverbandes (DJV): Nicht nur viele junge Menschen legen ihre Jagdprüfung ab, sondern insbesondere immer mehr Frauen. Diese machen inzwischen rund zehn Prozent der Jagdscheinbesitzer aus – das sind rund zehn Mal so viele wie noch Ende der 80er-Jahre. Aber wie sieht eine Jungjägerin von heute eigentlich aus? Die Redaktion von Outfox-World begleitet, einer Antwort auf der Spur, Sophie von Korff auf ihrem Weg zum Jagdschein.

Sophie von Korff

Sophie von Korff absolviert innerhalb von acht Wochen eine Ausbildung zur Jägerin. Mit rund zehn Prozent liegt der Frauen-Anteil bei der Jagdscheinprüfung aktuell so hoch wie nie.

In dem urigen Turmzimmer der traditionsreichen Gaststätte Kruse Baimken in Münster, die zwischen dem Aasee und der Promenade liegt, werden bereits seit Generationen Schüler auf ihre Jagdprüfung vorbereitet. Der kleine Raum mit den alten rustikalen Holztischen und -stühlen füllt sich an diesem Abend nach und nach mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten – da ist zum einen eine Gruppe junger Abiturienten, zum anderen der Vater mit seiner Tochter, der Arzt, der Küchenmeister, der angehende Falkner. Sophie von Korff sticht jedoch besonders hervor: Sie ist eine von zwei Frauen, die sich für diesen Kurs angemeldet haben. Die großgewachsene junge Studentin erfüllt das Bild von einem Klischee-Jäger mitnichten: Sie hat lange blonde Haare, trägt dunkle Jeans, eine geblümte Bluse unter einem Wollpullover sowie einen beigen Schal. Erwartungsvoll setzt sie sich an einen der hölzernen Tische und beobachtet gespannt ihre Tischnachbarn. Für alle ist es die erste Unterrichtsstunde, Thema: Jagdrecht I.


„Im Laufe meines Studiums habe ich gelernt, dass es gelingen kann, sich auch abstrakten Stoff anhand von guten Beispielen spannend vorzustellen. Das klappt bestimmt auch beim Jagdrecht.“

Sophie von Korff


Ein ganz schön trockener Brocken direkt zu Beginn, möchte der ein oder andere meinen. Anders sieht das Sophie von Korff: „Ich habe mich im Vorfeld sehr auf das Thema Jagdrecht gefreut, da ich derzeit Jura in München studiere. Mir liegt das. Aber natürlich ist Jagdrecht trockener als beispielsweise Wildkunde, im Laufe meines Studiums habe ich aber gelernt, dass es gelingen kann, sich auch abstrakten Stoff anhand von guten Beispielen spannend vorzustellen. Das klappt bestimmt auch beim Jagdrecht, das den Jäger später rund um die Uhr in der Praxis betreffen wird“, ist sich die Studentin sicher.

Keine leichte Reise

Jagdkurs

Die erste Theoriestunde in Münster: Auf dem Kursplan der Jagdschule Waldfee steht mit „Jagdrecht“ direkt zu Beginn ein auf dem ersten Blick trockenes Thema. Dennoch ist die Stimmung des Kurses gut – viele anschauliche Beispiele des Jagdlehrers helfen, sich den Stoff merken zu können.

Ein wenig habe sie sich bereits eingelesen, den Rest wolle sie einfach auf sich zukommen lassen. Großen Respekt habe sie vor dem, was sie in den nächsten Wochen erwartet, schon – nicht umsonst wird die Jagdprüfung auch „das grüne Abitur“ genannt. „Die Theorie macht mir, im Vergleich zu dem praktischen Prüfungsteil, nicht so viele Bauchschmerzen. Dennoch versuche ich, auch an die praktische Prüfung optimistisch heranzugehen. Außerdem bin ich ein zielstrebiger Mensch: Wenn ich was mache, dann ist es mir wichtig, es so richtig und so gut zu machen, wie es mir möglich ist“, sagt die 21-Jährige selbstbewusst. „Mir ist aber klar, dass es bis zum Bestehen des Jagdscheins keine leichte Reise wird.“

Dass der Weg bis zur Jagdprüfung kein Spaziergang wird, macht auch Lehrer Ol Holler von der Jagdschule Waldfee seinen Schülern gleich zu Beginn sehr deutlich: „Die nächsten Wochen werden eine spannende, aber mit Sicherheit auch harte Zeit für Sie.“ Danach verteilt er mehrere Seiten, eng bedruckt mit kleiner Schrift. Paragraph reiht sich an Paragraph. Von dem ein oder anderen Kursteilnehmer sind tiefe Seufzer zu vernehmen. In den nächsten 90 Minuten dreht sich alles rund um die Themen Waffen- und Jagdrecht: Was berechtigt mich zum Besitz von Waffen? Wie bewahre ich Waffen richtig auf? Wie setzen sich Jagdbezirke zusammen? Was ist eine Jagdgenossenschaft? Und noch vieles mehr. Sophie von Korff hört aufmerksam zu. Den Stift gezückt und den Kopf konzentriert auf die rechte Hand gestützt, macht sie sich viele Notizen. 

Jagd hat in der Familie eine lange Tradition

Der Kurs war ein Weihnachtsgeschenk ihres Vaters. „Eine riesige Überraschung!“, blickt Sophie von Korff strahlend zurück. Bereits seit eineinhalb Jahren hat sie sich mit dem Gedanken beschäftigt, einen Jagdschein zu machen. „Ich liebe es einfach, draußen in der Natur zu sein, dort kann ich entspannen. Bisher habe ich das durch den Reitsport ausgelebt, aufgrund meines Studiums fehlt mir jedoch aktuell die Zeit für dieses intensive Hobby.“ Die Jagd war eine sehr naheliegende Alternative, da sie in ihrer Familie schon über Generationen eine lange Tradition hat. Auch ihr Vater und ihre beiden älteren Brüder gehen zur Jagd, lediglich bei ihrer Schwester sind die Freizeit-Interessen anders gelagert. Schon von klein auf ist sie so an die Thematik herangeführt worden und durfte ihre Familienmitglieder dann und wann bei Streifzügen durch das eigene Revier begleiten, das in Sassenberg-Füchtorf auf der Grenze von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen liegt. „Ich freue mich schon sehr darauf, bald die Jagd in unserem Revier mit meinen Brüdern und meinem Vater auch aktiv teilen zu können.“


„Den Jagdschein zu machen, ist in meinem Freundeskreis nichts Außergewöhnliches.“

Sophie von Korff


Sophie von Korff mit Jagdlehrer

In den Theoriestunden erklärt Lehrer Ol Holler seinen Schülern die wichtigsten Grundlagen.

Ob sie nun unter ihren Freunden als „Exot“ gilt? „Nein, den Jagdschein zu machen, ist in meinem Freundeskreis nichts Außergewöhnliches. Allerdings sind darunter bisher nur wenige Frauen“, betont Sophie von Korff. „Bald gemeinsam mit meinen Freunden losziehen zu können, wird bestimmt schön!“
Die erste Stunde vergeht wie im Flug – Zeit für ein Zwischenfazit: „Es war super! Ich war sehr positiv überrascht davon, wie anschaulich der Lehrer ein so trockenes Thema wie Jagdrecht aufbereitet hat. Die vielen anschaulichen Beispiele bleiben hängen und sind eine gute Brücke, um sich den Stoff zu merken“, fasst Sophie von Korff zusammen. Die Themenliste für die weiteren Unterrichtsstunden ist jedoch noch lang. Über die Frage, worauf sie sich am meisten freut, muss sie aber nicht lange nachdenken: „Auf die Wildkunde, die Jagdhundevorlesung und auf die Wildbrethygiene!“

Im zweiten Teil geht es ans Eingemachte: Wildbrethygiene

Wildbrethygiene? Manch einem anderen Kursteilnehmer wird bei dem bloßen Gedanken daran schon ganz flau. Das erste Mal erlegtes Wild zu zerwirken, es also an einem Haken aufzuhängen, auszuweiden, die Haut abzuziehen und das Wildbret dann zu zerlegen, ist nichts für schwache Mägen. „Ich habe damit bisher überhaupt keine Probleme gehabt und bin schon sehr gespannt darauf, was mich erwartet“, versichert Sophie von Korff dennoch. Ob sie ihren Enthusiasmus vielleicht doch noch bereuen wird, lesen Sie in Kürze im nächsten Teil unserer Reportagereihe!


Zu den anderen Teilen unserer Jüngjägerinnen-Serie gelangen Sie hier:
Auf dem Weg zur Jungjägerin (II): Wildbrethygiene
Auf dem Weg zur Jungjägerin (III): Die erste Schießstunde
Auf dem Weg zur Jungjägerin (IV): Halbzeit!
Auf dem Weg zur Jungjägerin (V): Die Abschlussprüfung

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