Landesjägerschaft Niedersachsen: Helmut Dammann-Tamke


Im Interview spricht der präsident der niedersächsischen jäger über seinen schönsten Jagd-Moment, die vielfalt seines bundeslandes und öffentlichkeitsarbeit fürs waidwerk

Angesprochen: Die Präsidenten der Landesjagdverbände

16 Bundesländer, 16 Landesjagdverbände und Landesjägerschaften – 15 davon sind Mitglied im Deutschen Jagdverband, nur Bayern trat Ende 2009 aus dem DJV aus. Doch wer sind die obersten Jäger in den einzelnen Bundesländern? Wer vertritt die Interessen der Jägerschaft? Wie sieht derjenige aus und was macht ihn aus? Um diese und weitere Fragen zu klären, haben wir mit den Landesjägermeistern und den Präsidenten der Landesjagdverbände gesprochen.

In Niedersachsen sind von den 60.000 Jagdscheininhabern rund 50.000 Jäger Mitglied der Landesjägerschaft. Der Anteil an Jägern in der Bevölkerung liegt bei 0,78 % – damit gibt es in Niedersachsen im bundesweiten Vergleich prozentual die meisten Waidmänner und -frauen!

Der „Chef“ der niedersächsischen Jäger ist Helmut Dammann-Tamke. Der 55-jährige Agraringenieur ist außerdem Mitglied des Landtags. Seit 1977 ist er Jäger und wurde 2008 zum Präsidenten der Landesjägerschaft Niedersachsen (LJN) gewählt. Er wohnt in Ohrensen im Landkreis Stade. In seinem eigenen Niederwildrevier bejagt er neben dem Niederwild auch Damwild und Schwarzwild, das als Wechselwild vorkommt. 

Helmut Dammann-Tamke

Foto: LJN / Helmut Dammann-Tamke

Warum haben Sie den Jagdschein gemacht und was bedeutet Jagd für Sie?

Weil ich mit der Jagd aufgewachsen bin. Die Jagd hat bei mir in der Familie eine lange Tradition. Für mich bedeutet sie – früher wie heute – ein Besinnen auf das, was Leben und Schöpfung ausmacht, und natürlich gehört auch das Erleben von Gemeinschaft dazu.

Wenn Sie sich einmal erinnern – was war Ihr bisher schönster Moment bei der Jagd?

Als 16-Jähriger im heimischen Revier einen Keiler erlegt zu haben.

Wie jagen Sie am liebsten (Pirsch, Ansitz, Drückjagd)?

Baujagd!

Mit welchem Jagdgewehr gehen Sie am liebsten auf die Jagd?

Mit meiner Flinte zur Baujagd.

Welches ist Ihr liebstes Wildgericht?

Frischlingsbraten mit Rotkohl, Pfifferlingen, Kartoffelmehlklößen, Soße und Preiselbeeren.

Warum sind Sie Präsident der Landesjägerschaft geworden? Haben Sie ein bestimmtes Ziel für die Jägerschaft und Niedersachsen?

Weil es in Zeiten der innerverbandlichen Auseinandersetzung eines Präsidenten bedurfte, der absolut unvorbelastet für einen Neuanfang stand. Aus dieser Situation heraus ergab sich das erste Ziel, welches wir glücklicherweise schnell erreichen konnten: den Verband zu einen und wieder Geschlossenheit herzustellen. Das zweite Ziel war und ist es, den Verband vor dem Hintergrund, dass er anerkannter Naturschutzverband ist, zum aufgeschlossensten und progressivsten LJV in Deutschland aufzubauen. Ein übergeordnetes und fundamentales Ziel ist es natürlich, die Jagd und die Jagdkultur, wie wir sie kennen und lieben, für nachfolgende Generationen möglichst umfänglich zu erhalten.

Was ist das Besondere an Niedersachsen hinsichtlich der Jagd? Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung von Wild und Wald?

Niedersachsen ist so vielfältig wie kaum ein anderes Bundesland: Von der Küste bis zum Harz haben wir die verschiedensten Lebensräume und unterschiedliche Wildarten, die jeweils im Mittelpunkt stehen. Von den klassischen Niederwildrevieren im Norden und Nordwesten des Landes bis zu den Hochwildrevieren im Süden und Südosten bilden wir in Niedersachsen so ziemlich alles ab, was Jagd und Jagdausübung ausmacht. Die Diskussionen um Wald und Wild, die ja insbesondere in Bayern vehement – und wie mir aus der Ferne scheint – auch unversöhnlich geführt wird, haben wir zum Glück in Niedersachsen so nicht. In Niedersachsen haben wir das Thema Wild und Wald bereits relativ früh und konsensual geregelt: Als interessierte Kreise vor etwa vier Jahren versucht haben, diesen sogenannten Wald-Wild-Konflikt nach Niedersachsen zu tragen, haben alle maßgeblichen Verbände innerhalb von sechs Wochen einvernehmlich ein Positionspapier unterzeichnet. Diese Wald-Wild-Erklärung beginnt mit dem Satz: „Wald und Wild gehören untrennbar zusammen.“

Das Besondere an und in Niedersachsen – jagdpolitisch betrachtet – ist, dass wir es hier als einziges rot-grün geführtes Bundesland geschafft haben, eine „Ökologisierung“ des Landesjagdgesetzes, vergleichbar mit NRW oder Baden-Württemberg etwa, zu verhindern. Auch bei uns stand nämlich ein entsprechender Passus im Koalitionsvertrag. Unsere Maßnahmen haben gegriffen und insbesondere unser geschlossenes und konsequentes verbandliches Auftreten hat seine Wirkung nicht verfehlt. Vom LJV-Präsidenten bis zum Hegeringleiter haben wir in dieser jagdpolitisch brisanten Zeit mit einer Stimme gesprochen.

Hochsitz

Was sind für die Landesjägerschaft Niedersachsen und die Jagd in Deutschland aktuell die größten Herausforderungen?

Auch wenn wir die „Ökologisierung“ des Landesjagdgesetzes verhindern konnten, so haben wir doch im Jahre 2014 eine neue Jagdzeitenverordnung bekommen. Aus verschiedenen Gründen können wir diese so nicht akzeptieren, da sie weder wildbiologisch noch anderweitig wissenschaftlich fundiert nachvollziehbar ist. Da unsere Anregungen und Argumente aber seitens des Landwirtschaftsministeriums keine Berücksichtigung gefunden haben, haben wir uns gemeinsam mit dem Zentralverband der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden in Niedersachsen (ZJEN) entschlossen, Normenkontrollanträge unserer Mitglieder gegen diese Jagdzeitenverordnung zu unterstützen. Ganz aktuell in diesem Zusammenhang haben wir zusätzlich dazu noch das Instrumentarium einer „Intervallbejagung“ in Vogelschutzgebieten auferlegt bekommen: eine weitere Einschränkung der Jagdzeit auf das Wasserfederwild – wiederum absolut nicht nachvollziehbar und nur durch eine ideologische Herangehensweise zu erklären.

Losgelöst von der aktuellen Jagdpolitik ist es sicher das Thema Verlust der Artenvielfalt insbesondere in der Feldflur: Leitarten – und übrigens nicht nur klassische Niederwildarten wie der Fasan oder das Rebhuhn – sind hier in einem Ausmaß betroffen, das uns alle in große Sorge versetzt. Wünschenswert wäre, wenn hier die Politik stärker agiert: Praxisnahe Agrarumweltprogramme, die von den Betroffenen auch umgesetzt werden, oder eine höhere Wertigkeit von ökologisch wirklich sinnvollen Greeningmaßnahmen sind hier die Stichworte.

Und natürlich ist da auch das Thema Rückkehr der Wölfe – eines, das uns aufgrund der Kooperationsvereinbarung mit dem Land Niedersachsen in Bezug auf die Durchführung des Monitoring beschäftigt hat und weiter beschäftigen wird.

Für die Jagd in Deutschland sehe ich – sortiert man die Länderspezifika heraus – die gleichen übergreifenden Themenstellungen. Hinzu kommen natürlich die Herausforderungen, die sich durch europäische bzw. bundespolitische Rahmenbedingungen ergeben – EU-Waffenrechtsverschärfung oder bleifreie Munition als Beispiele.

Wie ist das Verhältnis zu NGOs wie NABU, BUND oder WWF in Niedersachsen?

Komplex – wobei zunächst zu sagen ist, dass der WWF, so er in Niedersachsen in Erscheinung tritt, dies natürlich als Bundesverband tut und nicht als Landesverband Niedersachsen. Dies ist bei NABU und BUND natürlich anders – sie treten als Landesverbände mit niedersächsischen Themen in Erscheinung. Das ist nicht immer ganz einfach, insbesondere dann nicht, wenn man im selben Spielfeld unterschiedliche, zum Teil auch diametrale Positionen vertritt.

Was können Jäger vielleicht sogar von Naturschutzverbänden lernen?

Zunächst einmal würde ich die Frage etwas umformulieren wollen – zumindest aber das Wort „anderen“ ergänzen wollen: Wir, die Landesjägerschaft Niedersachsen, sind seit über 30 Jahren ein anerkannter Naturschutzverband – einer der größten in Niedersachsen. Das ist wichtig und das gilt es auch stets zu betonen – nicht nur für uns, sondern sicher auch für die vielen anderen Landesjagdverbände, die ebenfalls anerkannte Naturschutzverbände sind. Das ist natürlich nicht so gemeint, dass wir unsere Identität als Jagdverbände aufgeben sollten – nichts wäre schlimmer. Es soll verdeutlichen, dass wir eben auch Naturschutz betreiben und uns diesbezüglich auch nicht hinter anderen Naturschutzverbänden verstecken brauchen. Im Gegenteil: Was unsere Mitglieder flächendeckend in Deutschland ehrenamtlich unter hohem Zeit- und Kostenaufwand leisten, davon könnten andere Naturschutzverbände etwas lernen. Am gewinnbringendsten wäre es doch, dort wo es Schnittmengen gibt, zu versuchen, gemeinsam praxisorientiert etwas umzusetzen.

Wo können Sie sich Kooperationen mit Naturschutzverbänden vorstellen?

Kooperationen sind theoretisch überall dort möglich, wo auf beiden Seiten nicht die Ideologie die Stimme führt, sondern wo offen und pragmatisch an gemeinsamen Zielen bzw. Schnittmengen gearbeitet werden kann. Meiner Erfahrung nach funktioniert dies vor Ort – bei unseren Hegeringen und Kreisjägerschaften – in vielen Regionen Niedersachsens ganz gut. Es gibt eine Reihe von Projekten, bei denen gemeinsam gegen den Verlust der Artenvielfalt gearbeitet wird. Auf Landesebene wird es dann schon etwas schwieriger. Ein Beispiel dafür ist das Thema Wiesenvogelschutz: Vor Ort ist bei vielen Mitgliedern anderer Naturschutzverbände angekommen und auch unbestritten, dass es für ein erfolgreiches Wiesenvogelschutzprojekt ohne Beutegreiferbejagung nicht geht. Dazu gehört eben auch und gerade die Fangjagd. Diese Erkenntnis ist aber auf Landesebene leider eben noch nicht überall angekommen.   

Wichtig ist es, wenn man Schnittmengen identifiziert hat, pragmatisch lösungsorientiert und ohne Ideologie heranzugehen. Wir unterstützen beispielsweise das Wildkatzenprojekt des BUND Niedersachsen durch unsere Aktion Hegebüsche. Die Wildkatzen benötigen vernetzte Strukturen – wir legen Hegebüsche an, nicht eigentlich für die Wildkatzen, aber dort, wo es passt, können diese genau solche benötigten Trittsteine sein bzw. werden.

Die Jagd und Jäger kommen in der Presse und im öffentlichen Diskurs oft nicht gut weg. Was entgegnen Sie Jagdgegnern und -kritikern?

Ich glaube, auch hier muss man das differenziert betrachten: Sicher gibt es immer wieder gerade auch im TV Beiträge, über die wir uns bundesweit zu Recht aufregen, weil sie jegliches Maß an ausgewogener Berichterstattung vermissen lassen. Hinzu kommt dann die Kampagnenfähigkeit und auch die Radikalität derer, die für eine grundlegende Änderung bzw. Abschaffung der Jagd stehen und solche Beiträge dann gern für Ihre Zwecke nutzen. Es sind vergleichsweise eher wenige, aber sie nutzen die sozialen Netzwerke sehr effizient. Dies und die Tatsache, dass Negatives grundsätzlich immer länger haften bleibt, verstärkt sicherlich den Eindruck, es gäbe sie nicht, die andere Seite: Gute, ausgewogene Berichterstattung, die zeigt, was Jagd ausmacht und was wir Jäger alles leisten. Für Niedersachsen habe ich natürlich einen gewissen Überblick und kann sagen: Hier gibt es sie und sie ist auch gar nicht so selten.

„Wir haben nichts zu verbergen und sollten auch nicht davor zurückschrecken, unsere Passion Menschen zu erklären, die keinen direkten Zugang zur Jagd haben.“

Helmut Dammann-Tamke

Grundsätzlich – und das gilt für Medienvertreter wie für Kritiker der Jagd gleichermaßen – sollte man sich nicht per se dem Gespräch verweigern, auch dann nicht, wenn der Diskussionsgegenstand ein schwieriger ist. Wir haben nichts zu verbergen und sollten auch nicht davor zurückschrecken, unsere Passion Menschen zu erklären, die keinen direkten Zugang zur Jagd haben.

Zweifelsohne gibt es aber auch in beiden Situationen Grenzen – einen dezidierten, von „Sendungsbewusstsein“ durchdrungenen Jagdgegner werden sie nicht bekehren können; genauso – wie schon angesprochen – gibt es natürlich auch Grenzen, was das „Ertragen“ von medialer Berichterstattung angeht.      

Was können Sie und die Landesjägerschaft tun, um für mehr Akzeptanz zu werben?

Wir müssen uns offen und sicherlich auch unter Zuhilfenahme der neuen Kommunikationsinstrumente der gesellschaftspolitischen Diskussion stellen: Einer zunehmend der Natur entfremdeten Gesellschaft müssen wir erklären, was wir machen, wie wir es machen und warum wir es machen. Das wird uns gelingen, wenn wir agieren und in die Offensive gehen. Hier sind wir, der DJV und die Landesjagdverbände, bereits gut aufgestellt – das gilt es auszubauen. Zum anderen und bei allen Möglichkeiten, die eine zunehmend digitalisierte Welt bietet, ist und bleibt der persönliche Kontakt wichtig. Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass jeder einzelne von uns in seinem persönlichen Umfeld – sei es beim Grillabend mit Freunden oder bei Begegnungen mit Fremden – der erste und beste Botschafter der Jagd sein kann: Der Spruch „Die beste Öffentlichkeitsarbeit passiert draußen im Revier“ ist bei Weitem keine Neuheit, aber es steckt einfach so viel Wahrheit darin. Persönlicher Kontakt kann Unwissenheit abbauen, vor allem aber Sympathien schaffen – eine Umfrage des DJV vor einigen Jahren hat dies eindrucksvoll bestätigt: Menschen, die Kontakt mit einem Jäger oder einer Jägerin gehabt haben, stehen der Jagd deutlich positiver gegenüber.

Was wünschen Sie sich für die Jagd in den nächsten 20 Jahren?

Ich würde mir wünschen, dass man seitens der politisch Verantwortlichen wieder stärker den Weg geht, sich an Fakten zu orientieren und vor allem mit denjenigen spricht und sie auch ernst nimmt, die Ahnung und Fachverstand haben – beim Thema Jagd sind das nun einmal wir Jäger. Das sollte aber nicht erst in 20 Jahren geschehen, sondern schnellstmöglich!

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