Interview: Mit Pfeil und Bogen auf Wildschweinjagd

Im brandenburgischen Stahnsdorf könnte es zu einer bisher einmaligen Premiere in Deutschland kommen: Die Jagd auf Stadtsauen mit Pfeil und Bogen. Mehr zu dieser besonderen Jagdart erläutert der Vorsitzende des Deutschen Bogenjagd Verbandes, Jan Riedel, im Interview.

Zwei Jäger mit Pfeil und Bogen.

Foto: Hans Arc

Stahnsdorf wird seines Schwarzwildes nicht mehr Herr. Seit Wochen treiben sich die Wildschweine im Stadtgebiet herum und richten dabei große Schäden an städtischen Grünflächen und in privaten Gärten an. Gleichzeitig darf auf der Gemeindefläche durch die Nähe zu Anwohnern und Gebäuden nicht ohne weiteres mit einem Jagdgewehr geschossen werden – zu groß wäre die Gefahr durch das Risiko von Querschlägern. Als mögliche Lösung hat der Bürgermeister die Bogenjagd ins Spiel gebracht und einen entsprechenden Ausnahmeantrag gestellt (wir berichteten hier und hier). 

Gleichwohl ist die Jagd mit Pfeil und Bogen in Deutschland nicht erlaubt, großen Teilen der Jägerschaft fehlen also Erfahrungen mit dieser Jagdart. Zeit für uns, den Vorsitzenden des Deutschen Bogenjagd Verbandes, Jan Riedel, zum Interview zu bitten.

Outfox-World: Wie stehen Sie zu der sich abzeichnenden Erlaubnis der Bogenjagd im brandenburgischen Stahnsdorf?

Jan Riedel: Für den Jäger vor Ort ist das Erlegen von Schwarzwild mit der Büchse in den ihn betreffenden urbanen Bereichen zu gefährlich. Daher stellte er – als schon zusätzlich vom DBJV im Namen des europäischen Bogenjagdverbandes geprüfter Jäger mit Pfeil und Bogen – den Antrag beim MLUL auf Sondergenehmigung. Diese Jagdart ist schon seit Jahrzehnten in 17 europäischen Staaten als zusätzliche tierschutz- und waidgerechte Jagdmethode integriert und akzeptiert. In diesen Ländern kann der Jäger also wählen, mit welchem Jagdmittel er wann beziehungsweise in welcher Situation er welche Tiere erlegt.

Die sich abzeichnende Sondergenehmigung des Einsatzes von modernen Bögen und Jagdpfeilen für einzelne Jäger sehe ich dementsprechend als zukunftsweisende zusätzliche Möglichkeit für Jäger in Deutschland.

Gibt es bereits Beispiele für die Bogenjagd in Stadtgebieten? Welche Erfahrungen wurden dort gemacht?

2007 wurde aus den USA berichtet, dass die Jagd mit Pfeil und Bogen eine Lösungsmöglichkeit für die Probleme mit urbanen Weißwedelhirschen ist – speziell in Bezug auf die hohen Zahlen der Autounfälle in den städtischen Bereichen mit diesen Tieren.

Schon Ende 2011 spitzte sich die Lage in Spaniens Hauptstadt Madrid mit den Wildschweinen in urbanen Bereichen so zu, dass das Umweltministerium der Metropole auf den Jagdverband zuging. Dort gab es bereits erfahrene Jäger, die ebenfalls mit Pfeil und Bogen jagten. Die Schäden und Gefährdungslagen waren über das erträgliche Maß hinaus gewachsen. Herkömmliche und andere Mittel wurden schon mit einem nicht ausreichenden Erfolg in Madrid getestet. Im Auftrag des Umweltministeriums und in Begleitung des Veterinäramtes wurde ein zweimonatiges Pilotprojekt gestartet, wobei 45 Stück Schwarzwild durch Pfeile erlegt wurden. Jedes Tier wurde in der Kammer getroffen und verendete innerhalb weniger Sekunden. Seitdem wurden von der extra dafür geprüften Jägergruppe mehrere hundert Stücke mit Jagdpfeilen erlegt. Mittlerweile wurde das Modell in fünf weiteren Großstädten Spaniens übernommen.

Anfang 2017 wurde der elsässische Bogenjagdverband vom Bürgermeister der Stadt Hagenau angefragt, sich der überhöhten Nutriapopulation im Ort anzunehmen. Die vielen Nutrias hatten über die letzten zehn Jahre hinweg eine Verdoppelung der Bachbreite und einen damit einhergehenden Schaden von knapp 1.000.000 Euro verursacht. Bei wenigen Ansitzen wurden knapp 30 Nutrias in der Stadt mit Pfeil und Bogen erlegt. Zusätzlich bejagten die angrenzenden Reviere die Tiere ebenfalls intensiv. Die Population konnte so auf ein erträgliches Maß eingedämmt werden. Weitere Anfragen von anderen Städten folgten.

Empfiehlt sich diese Maßnahme also auch für andere Gemeinden oder Regionen in Deutschland?

Mittlerweile haben viele Gemeinden in Deutschland Probleme mit überhöhten Populationen verschiedener Wildarten in den städtischen Bereichen. Teilweise kann der Jäger dort vielleicht mit herkömmlichen Mitteln agieren – aber in den allermeisten Fällen ist dem örtlichen Jäger der Einsatz der Feuerwaffe einfach zu gefährlich. 

Die Jagd in unmittelbarer Nähe von Wohnsiedlungen oder landwirtschaftlicher Anwesen kann mit Pfeil und Bogen erheblich flexibler geplant werden, da der Aufwand, die Störung des Tagesablaufs und die zusätzliche Lärmbelastung erheblich minimiert werden kann. So muss beispielsweise der Landwirt nicht zu festgelegten Zeiten sein Nutzvieh von den Weiden holen, damit sich dieses nicht im Falle einer Panik durch die Schussgeräusche selbst verletzen oder zur zusätzlichen Gefahrenquelle werden könnte. Auch die geringe Beunruhigung des Wildes durch den praktisch lautlosen Pfeilschuss bietet alternative Möglichkeiten in besonders schützenswerten Gebieten und dies unabhängig der Tages-  oder störungssensiblen Jahreszeiten.

Gerade in Bereichen, wo sich regelmäßig Menschen in der Nähe aufhalten und sich auch Wohngebäude befinden, haben wir Jäger beim Erlegen von Wildtieren eine enorme Verantwortung gegenüber der Bevölkerung. Daher sehe ich den ergänzenden Einsatz von modernen Bögen und Jagdpfeilen durch dafür geprüfte Jäger als empfehlenswert an.

Worin liegt der Vorteil des Einsatzes der Bogenjagd im urbanen Raum? Können die bisher etablierten Stadtjäger, wie zum Beispiel in Berlin, mit der Büchse nicht denselben Effekt erzielen?

Überall, wo Pfeil und Bogen als zusätzliches Jagdmittel möglich sind, werden diese von den Jägern gerne aufgrund der geringen Hinterlandgefährdung, der geringen Geräuschentwicklung und der ebenbürtigen Tötungswirkung in urbanen Bereichen eingesetzt. Aufgrund der Relation zwischen der Pfeilfluggeschwindigkeit von meist rund 90 Meter pro Sekunde, der Schallgeschwindigkeit und der Wildreaktionsschnelligkeit, wird auf maximal 25 Meter gejagt - der Jagdpfeil soll dort treffen, wo der Jäger hinzielte. Der Pfeil ist dabei mit mehreren rasiermesserscharfen Schneiden versehen, durchdringt den Wildkörper komplett und steckt aufgrund der leicht erhöhten Abschussposition anschließend im Boden. Während er einen durchgängigen feinen Schnittkanal durch die Kammer des Wildkörpers erzeugt, verliert er den Großteil seiner Energie.

Ich kenne aber die genauen Situationen in Berlin nicht und kann daher nicht beurteilen, ob es manche Situationen für die Jäger vor Ort gibt, in denen ihnen der Schuss mit der Büchse zu gefährlich ist und dort vielleicht der Bogen bezüglich der Hinterlandgefährdung und der Geräuscharmut eingesetzt werden könnte.

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Über welche Qualifikation verfügen die Personen, denen gegebenenfalls eine Ausnahmegenehmigung zur Bogenjagd erteilt wird?

Diese müssen aus Sicht des Vorstandes des DBJV den deutschen Jagdschein, den internationalen Bogenjagdschein des europäischen Bogenjagdverbandes (EBF) und mehrere Jahre Erfahrung vorweisen. 

Bei der Prüfung gemäß dem „International Bowhunting Education Program“ muss der Teilnehmer je eine theoretische und praktische Prüfung bestehen. Es müssen bei sechs lebensgroßen Rehbockscheiben fünf von sechs Jagdpfeilen in der Kammer treffen. Die Entfernungen sind unbekannt und gehen bis maximal 25 Meter. Die Prüfung muss alle fünf Jahre wiederholt werden. 

Die Jäger sollten zuvor vom Ministerium überprüft werden. Bei einer möglichen zusätzlichen Prüfung speziell für die Jäger im urbanen Bereich sollten diese 16 (von 16) 3D-Wildschwein-Ziele auf jagdliche Distanz „tödlich“ treffen.

Die waidgerechte Tötungswirkung des Pfeils wird in Deutschland regelmäßig bezweifelt – und es kursieren auch diverse Videos aus dem Ausland, die etwa überdurchschnittlich weite Fluchtstrecken nach einem Schuss zeigen. Wie unterscheidet sich also die Wirkung des Pfeiles von dem des Büchsengeschosses im Hinblick auf eine tierschutzkonforme und waidgerechte Tötungsart?

Meines Erachtens ist es schwierig, sich nur aus Videos eine fundierte Meinung zu bilden, zumal selten die Todsuche von den Schützen gefilmt wird. Negativbeispiele findet man zu jedwedem Thema, das ist in Zeiten des World Wide Web kein großer Aufwand.

Bei der Verwendung von Jagdmunition wird schlagartig Energie auf den Wildkörper abgegeben, Gewebe wird zerrissen und lebenswichtige Organe werden zerstört. Meiner Erfahrung nach sind zum Beispiel Fluchten von einem Reh, welches mit bleifreier Munition in der Kammer getroffen wurde, von um die 40 Meter normal. Das beschossene Wild ist zumeist in wenigen Sekunden verendet. 

Der Haltepunkt mit Pfeil und Bogen ist knapp neben dem Blatt. Der Jagdpfeil, dessen Spitze mit mehreren rasiermesserscharfen Schneiden versehen ist, trifft in der Kammer. Der etwa 25 bis 30 Gramm schwere Jagdpfeil schiebt die Jagdspitze komplett durch beide Lungenflügel. Es wird ein durchgängiger und fein geschnittener Wundkanal erzeugt, wobei nur sehr wenige Schmerzrezeptoren mechanisch gereizt werden. Große blutführende Gefäße werden zerschnitten, die Lungen fallen zusammen. Die Fluchten sind ähnlich kurz wie bei dem zuvor beschriebenen Beispiel, ebenso die Zeit vom Auftreffen bis zum Verenden. Aufgrund der ausbleibenden körpereigenen Krampfreaktion durch schmerzhafte, gerissene Wunden, bleiben Ein- und Ausschuss geöffnet – wodurch die Schweissfährte sehr deutlich ist. Rückblickend auf über zehn Jahre Jagd mit Pfeil und Bogen kann ich aus der Erfahrung mitteilen, dass die beschossenen Stücke im Schnitt nach fünf bis 40 Meter lagen.

Wie verfährt der Bogenjäger bei Schüssen, die das Wildtier nicht sofort töten (Waidwundschuss)? Ist eine Nachsuche des Stücks möglich?

Grundsätzlich verhält sich der Jäger in solch einem Fall nach den gelernten Regeln – egal mit welchem Mittel er jagt. Ein von der rasiermesserscharfen Jagdklinge weich getroffenes Wildtier verhält sich recht ruhig und legt sich nach etwa 30 bis 50 Meter ins Wundbett. 

Ist die Flugbahn frei von Hindernissen, kann der Jäger einen weiteren Pfeil antragen. Mit dem Compoundbogen, dem angebrachten Visier und dem verwendeten Release sind auch weite treffsichere Schüsse sehr gut möglich. Wenn kein weiterer sicherer Jagdpfeil abgegeben werden kann, zieht sich der Jäger nach längerer Wartezeit langsam und leise zurück, ohne das Tier aufzumüden. Einige Stunden später kommt er mit einem professionellen Nachsuchengespann und sucht mit der Büchse nach.

Wird vom Pfeil „nur“ Muskelgewebe (beispielsweise am Vorderlauf) getroffen, erzeugt die Schneide einen feinen Schnitt. Auf der Fluchtfährte findet sich anfänglich fein gesprühter Schweiss. Dieses Pirschzeichen endet meist nach 50 bis 150 Meter. Die Fährte des Wildtieres geht anschließend weiter auf den Wechseln. Bei einem konkreten Durchschuss markiert der austretende Pfeil dabei automatisch in unmittelbarer Nähe den Anschuss. Durch die auffällige Farbgebung und zusätzliche Leuchtdiode sind die Jagdpfeile relativ leicht aufzufinden. Ein Vertreten der Anschussstelle kann somit vermieden werden. Die Pirschzeichen auf dem Pfeil geben zusätzlich Aufschluss über die genaue Trefferzone im Wildkörper.

Sie kündigten bereits an, als Verband – im Falle einer Bogenjagd-Erlaubnis in Stahnsdorf – das Projekt wissenschaftlich zu begleiten. Welche Fragestellungen ergeben sich für derartige Studien?

Die Ausschreibung der wissenschaftlichen Begleitung der Sondergenehmigung wurde vom MLUL Brandenburg in Auftrag gegeben. Sicherlich wäre folgendes zu überlegen: 

  • Die praktische und stadtkulturelle Wirkung der Erlegung von Wildschweinen mit Pfeil und Bogen.

  • Die Effizienz der Vergrämungs- oder Entnahmemaßnahmen und ob diese ebenso ausreichend sind, wie bereits durch das spanische Umweltministerium im dortigen Fall bestätigt wurde.
  • Die vorliegenden Studien zur tierschutzgerechten Tötungswirkung eines Jagdpfeiles aus Dänemark, Frankreich und Spanien durch eigene Erkenntnisse zu bestätigen und dadurch auf deutlich mehr Akzeptanz in der aktuellen Diskussion zu stoßen. 
  • Ob lange Fluchtstrecken und daraus resultierend zusätzliche Gefahren zu erwarten sind.
  • Die Klärung, ob von Jagdpfeilen, trotz vergleichsweise niedriger Höchstgeschwindigkeit, geringer kinetischer Restenergie und baubedingt minimalen Flugbahnabweichungen, dieselbe Gefahr durch Querschläger für die Anwohner ausgeht, wie sie von einem Büchsengeschoss zu erwarten wäre. 
  • Inwieweit sich die Ausbildungsgrundlage und die langjährigen praktischen Erfahrungswerte des DBJV bewährt haben, aber auch welche neuen Erfahrungswerte zur Optimierung daraus gewonnen werden können, um zukünftige Projekte dieser Art noch zielgerichteter durchzuführen.

Vielen Dank für das ausführliche Interview!

Mehr zur Jagd mit Pfeil und Bogen finden Sie hier, hier und hier.

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