Pilotprojekt eint Naturschützer, Landwirte und Jäger

Naturschützer, Landwirte und Jäger sind nicht immer einer Meinung – doch eint sie die gemeinsame Liebe für Natur- und Tierwelt. Im Bergischen Land arbeiteten Vertreter der unterschiedlichen Gruppen in diesem Jahr zusammen – im Zuge eines Pilotprojekts zum Wohle der Kitze.

Rehkitze

Foto: Dieter Hopf

Jahr für Jahr fallen in Deutschland unzählige Kitze der ersten Wiesenmahd zum Opfer. Nach einer Tragzeit von 42 Wochen werden die neugeborenen Tiere ab Ende Mai bis Anfang Juni von ihren Müttern auf dicht bewachsenen Wiesen abgesetzt – zum Schutz vor Beutegreifern. Doch da die kleinen Kitze von den Landwirten in dem hohen Gras kaum auszumachen sind, werden sie häufig von deren Mähmaschinen erfasst und getötet. Um den unnötigen Tod der Kitze zu verhindern, gibt es in Deutschland bereits zahlreiche Ideen und Aktionen.

Ein neues Projekt zur Kitzrettung wurde im März dieses Jahres im Bergischen Land gestartet. Das Besondere daran: Das Pilotprojekt Kitzrettung wurde gemeinsam von Tierschützern und Jägern initiiert. Für die gemeinsame Aktion des NABU Oberberg mit dem Hegering Wipperfürth, die in den Revieren Dreine, Wingenbach, Egen Nord, Kempershöhe und Neye stattfand, konnten sich hilfsbereite Interessierte auf einer eigens eingerichteten Onlineplatform des NABU registrieren.

Effektive Tierrettung per WhatsApp

Ähnlich simpel wie die Anmeldung ist das Grundprinzip des Pilotprojekts – dieses basiert vor allem auf schneller Kommunikation. Wenn ein Landwirt seine Wiese mähen möchte, kontaktiert er den zuständigen Revierpächter. Dieser leitet die vom Landwirt erhaltenen Informationen direkt weiter – und zwar per WhatsApp. Für jedes der fünf Reviere wurde im Vorfeld eine eigene Gruppe beim Kurznachrichtendienst erstellt, in der auch die freiwilligen Helfer Mitglied sind. Diese bekommen also auf schnellstem Wege mit, wann und wo die nächste Wiesenmahd stattfindet – und können sich sofort aufmachen, um mit Gleichgesinnten nach den vom sicheren Tode bedrohten Kitze zu suchen.

Dass das Projekt ein voller Erfolg war, belegen die Zahlen. „Wir haben bei 28 Einsätzen insgesamt 37 Rehkitze gerettet“, zieht Hans Beinghaus, Leiter des Hegerings Wipperfürth und Mitinitiator der Kitzrettung, gegenüber Outfox-World eine überaus positive Bilanz. Über 100 Helfer seien dem Aufruf zur Teilnahme an dem Pilotprojekt gefolgt, bei ihren Streifzügen durch die Felder hätten sie stolze 830 Kilometer zurückgelegt. Mit einer solchen Resonanz habe er nicht gerechnet, gibt der Hegeringleiter zu. Der große Aufwand, der im Vorfeld des Projektes von allen Seiten betrieben wurde, habe sich „voll und ganz gelohnt“.

KOOPERATION MIT VORBILDCHARAKTER UND SIGNALWIRKUNG

Entstanden ist die Idee für das Pilotprojekt während eines konstruktiven Streitgesprächs zwischen den örtlichen Vertretern des Hegerings und des NABU, bei dem es eigentlich um das 2015 verabschiedete und äußerst umstrittene neue Jagdgesetz für Nordrhein-Westfalen ging. „Wir haben überlegt, in welchen Punkten wir trotz aller verschiedenen Auffassungen gemeinsame Interessen verfolgen“, erklärt Beinghaus den Ursprung der Aktion. Hinterher habe man schließlich den Plan für ein gemeinsames Projekt gefasst und diesen in die Tat umgesetzt. Bei der Organisation der Rettungseinsätze arbeiteten die verschiedenen Parteien trotz der kurzen Vorlaufzeit nicht nur effektiv, sondern auch äußerst harmonisch zusammen, betont der Hegeringleiter: „Es herrschte eine wirklich herzliche Atmosphäre untereinander.“ Mittlerweile seien sogar Freundschaften zwischen Vertretern der verschiedenen Gruppen entstanden.


"Es gibt viele Schnittmengen zwischen Tierschützern und Jägern. Gemeinsam können wir viel erreichen."

Michael Schmitz


Auch Projekt-Mitbegründer Michael Schmitz vom NABU zeigt sich erfreut über die Kooperation: "Es gibt viele Schnittmengen zwischen Tierschützern und Jägern.Wenn man aufeinander zugeht und miteinander in den Dialog tritt, kann man gemeinsam viel erreichen." Sowohl der Hegering als auch der NABU möchte die Rehkitz-Rettung im kommenden Jahr in jedem Fall fortsetzen. Kürzlich wurde eine Veranstaltung mit allen Beteiligten durchgeführt, auf der beschlossen wurde, das Projekt auf weitere Reviere auszudehnen. Dazu wird momentan ein Leitfaden zum Thema Kitzrettung ausgearbeitet, der in Zukunft Orientierung und Hilfestellungen zum Thema geben soll. "In Zukunft sollen Revierpächter und Landwirte das Projekt eigenverantwortlich weiterführen, auch wenn wir weiterhin gerne als Ansprechpartner zur Verfügung stehen", so Schmitz.

Die Kitzrettung im Bergischen Land besitzt Vorbildcharakter und Signalwirkung, vereint sie doch Naturschützer, Landwirte und Jäger in einer gemeinsamen, höchst sinnvollen Sache. Laut Beinghaus habe das Pilotprojekt Kitzrettung gezeigt, dass man für ein gemeinsames Ziel gewisse Meinungsverschiedenheiten überwinden und durch das Ziehen an einem gemeinsamen Strang viel erreichen könne. „Die Gesprächsbereitschaft unter Naturschützern, Landwirten und Jägern und auch die gegenseitige Akzeptanz ist durch das Projekt gestiegen.“

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