Die Renaissance der Wolfspropheten

Ein zehn Jahre alter Aufsatz und wie die Wirklichkeit die Verfechter kritikloser Raubtier-Euphorie einholt.

Wolf auf der Pirsch

Foto: Dieter Hopf

Das wird Ärger geben: Die Kollegen vom Portal Jawina haben sich die Mühe gemacht, einen zehn Jahre alten Aufsatz zur Wolfsproblematik in Russland ins Netz zu stellen. Der Autor ist ein ausgewiesener Fachmann. Und die Realität bestätigt längst auch hierzulande seine Warnungen.

Das Beste an der erneuten Veröffentlichung: Sie macht die beliebte Ausrede obsolet, es sei nicht absehbar gewesen, welche Probleme auf uns zukommen. Das sagen kompromisslose Verfechter einer möglichst flächendeckenden Wolfspopulation gerne, wenn die Wirklichkeit ihre Thesen widerlegt. Skandinavien, heißt es da, sei mit unseren Verhältnissen nicht vergleichbar, Russland oder Nordamerika schon gar nicht.

Mittlerweile wissen wir: Auch deutsche Wölfe haben Hunde zum Fressen gern. Sie sind genial im Überwinden von Schutzzäunen. Und sie suchen ihre Nahrung auch in der Nähe des Menschen, wenn Wald und Flur nicht genug leichte Beute hergeben. Schlimmere Konflikte sind vorprogrammiert – vor allem dann, wenn Weidetierhalter auf kluge Ratschläge hören und ihr Vieh mit persönlichen (Körper)einsatz schützen.

Nun zum aktuellen Aufreger: Professor Dr. Christoph Stubbe, Jahrgang 1935, leitete viele Jahre die Abteilung Jagdwirtschaft am Institut für Forstwissenschaft in Eberswalde. Auch nach der Wende, nun als Chef des Fachgebiets Wildtierökologie und Jagd des Instituts für Forstökologie und Jagd. Ein ausgewiesener Fachmann also.

Ein Jahr lang hat der Professor in Russland geforscht wie es dort so läuft und lief mit den Wölfen. Seine Erkenntnisse hat er in einem Aufsatz zusammengefasst: „Der Wolf in Russland – historische Entwicklung und Probleme“ erschienen im Jahr 2008 in Band 33 der Schriftenreihe „Beiträge zur Jagd- und Wildforschung“ der Gesellschaft für Jagd- und Wildforschung. 

Dass Stubbes Expertise seither kaum eine Rolle spielte in der so oft aufgeregten Wolfsdebatte ist wohl nicht verwunderlich: Stubbe belegt, dass unkontrollierte Wolfsbestände auch dem Menschen gefährlich werden, bis in unsere Tage. Er gehörte zu den führenden Köpfen der Wildbiologie in der DDR, wo der Wolf bekanntlich ziemlich gnadenlos bejagt wurde. Er ist bis heute Verfechter eines Wolfsmanagements mit strikten Obergrenzen. Und, vor allem, ist er Jäger, von 1990 bis 2004 gar Vizepräsident im Landesjagdverband Brandenburg.

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Das Schicksal kollektiver Ächtung durch die Wolfsgemeinde teilt Christoph Stubbe mit anderen Koryphäen. Vor allem mit Professor Valerius Geist, ebenfalls ein älterer Herr und ein weltweit geachteter Fachmann der Wildtierforschung. In der Pro-Wolf-Szene verhasst vor allem für sein siebenstufiges Eskalationsmodell für die Gefährlichkeit unkontrollierter Wolfspopulationen.

Keine Ironie: Auch Wolfsliebhaber könnten von den alten Professoren Nützliches lernen. Zum Beispiel die Bestätigung der These, dass Tollwut oft im Spiel ist, wenn Wölfe dem Menschen gefährlich werden. Oder dass ein ordentlicher Schalenwildbestand enorm wichtig ist, damit sich Wölfe nicht auf Nutztiere spezialisieren. Auch das ist bei Stubbe nachzulesen, akribisch dokumentiert und analysiert.

Die Schattenseite: Wer die Wissenschaftler gelesen und verstanden hat, muss beispielsweise einsehen, dass der Verzicht auf strenge Bejagung der Füchse und Fürsorge für Wölfe schwerlich zusammen passen. Weil Tollwut und Räude eine ernste Bedrohung der Wolfspopulation darstellen. Ebenso wie der Nahrungsmangel, der sich durch intensive Schalenwildbekämpfung spürbar verschärft.

Ironie am Rande: Valerius Geist und Erik Zimen, die Ikonen der Verfechter einer flächendeckenden Wolfsheimkehr nach Europa, haben wissenschaftlich die gleichen Wurzeln: Wie Zimen arbeitete Geist über Jahre am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie unter Konrad Lorenz im bayerischen Seewiesen. Der Deutschschwede Zimen bereitete danach den Boden für die Wolfseuphorie in Deutschland und Schweden unter dem Motto „Rotkäppchen lügt“. Während die Professoren Geist und Stubbe nachweisen, dass die Märchenfigur der Gebrüder Grimm wohl doch nicht gelogen hat.

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