Wildverbiss: Wald-vor-Wild-Konflikt gelöst?

Rehbock

Foto: Benedikt Füchter

Das Thema Wildverbiss liefert regelmäßig Anlass zu hitzigen Debatten, das Dogma „Wald vor Wild“ spaltet Jäger und Förster in ganz Deutschland. Immer wieder mischt sich die Politik in die Diskussionen ein, etwa mit Rufen nach höheren Abschussquoten. Die Jäger lehnen diese Forderungen meist ab und wollen stattdessen ein besseres Miteinander von Wald und Wild erreichen.

Mitten in diese Auseinandersetzungen fällt nun die Veröffentlichung von interessanten Forschungsergebnissen zum Thema Rehverbiss. Wie Forscher von der Universität Leipzig und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung herausgefunden haben, gibt es offenbar Bäume, die sich gegen Rehe zur Wehr setzen können. Das berichtet die Leipziger Volkszeitung.

Für sein wissenschaftliches Projekt untersuchte das Forscherteam junge Buchen und Bergahorne im Leipziger Auwald. Dabei wurde an den Bäumen ein Verbiss durch ein junges Reh simuliert, indem ein Zweig abgebrochen und auf die offene Stelle am Baum Rehspeichel aufgetragen wurde. Anschließend wurden die Hormonzusammensetzung und die Gerbstoffe in der Pflanze untersucht.

Die Ergebnisse waren erstaunlich: Die Bäume konnten offenbar unterscheiden, ob Zweige von einem Reh oder durch andere Einflüsse wie etwa einem Windstoß abgebrochen wurden. Der Grund hierfür liegt anscheinend im Speichel der Tiere begründet, den die Bäume zu identifizieren scheinen. Sobald der Rehspeichel auf die frische Bruchstelle am Baum trifft, schüttet dessen Pflanze Salizylsäure aus, ein Signalhormon, das wiederum die Produktion von Gerbstoffen anregt. Von manchen dieser Stoffe ist bekannt, dass sie das Fressverhalten von Rehen beeinflussen; teilweise verlieren diese sogar den Appetit auf Knospen und Triebe.

Zusätzlich steigerten die untersuchten Bäume durch den simulierten Rehverbiss die Produktion weiterer Pflanzenhormone, besonders die der Wachstumshormone. Die durch den Verbiss verloren gegangene Hauptknospe wird somit offenbar durch das zusätzliche Wachstum kompensiert. Wurde während der Forschungen dagegen ein Abbrechen des Zweiges durch Windstöße oder mechanische Einwirkungen simuliert, stießen die Bäume diese Stoffe nicht aus. Stattdessen wurden in diesem Fall vor allem Wundhormone abgegeben, um die betroffene Stelle zu verschließen. 

Die Forschungsergebnisse zeigen: Bestimmte Bäume sind offenbar in der Lage, Rehverbiss zu erkennen und sich höchstselbst gegen ihn zu schützen. Das Forscherteam möchte nun weitere Bäume auf deren mögliche Strategien gegen Verbiss untersuchen. Würden einige von ihnen sich ebenfalls als wehrhaft gegen Verbiss erweisen, könnten diese Bäume in Wäldern zukünftig mehr gefördert werden. Und unter Umständen das Streitthema Wildverbiss zumindest teilweise lösen.

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