Auf der Jagd nach dem perfekten Foto (I)

Die Rotwildbrunft ist jedes Jahr von neuem ein beeindruckendes Spektakel. Fotoreporter Dieter Hopf verbrachte vier Tage und vier Nächte auf einem Hochsitz in Ungarn, um dieses Erlebnis mit seiner Kamera zu dokumentieren – mit Erfolg!

Platzhirsch in seinem Rudel

Fotos: Dieter Hopf / Der Platzhirsch verteidigt sein Rudel und lässt dies seinen Rivalen wissen.

Ein wütendes „Oaoaoaoaoaoa, o o o o o o o, oaoaaoaaa“ reißt mich aus meinem Halbschlaf. Direkt neben dem Hochsitz muss der Hirsch stehen. Lautlos krabble ich aus dem Schlafsack und schaue vorsichtig über die Brüstung. In diesem Moment schreit er erneut seinen Unmut, seine ganze Wut und Aggressivität hinaus in den Nachthimmel. Erschrocken zucke ich zusammen. Nur wenige Meter neben dem Hochstand kann ich einen dunklen Schatten erkennen. Mehr nicht. Aber an seinem tiefen Bass würde ich ihn aus all den anderen schreienden Hirschen heraus erkennen. So schreit nur der alte, reife Brunfthirsch, den ich die vergangenen Tage von diesem Hochstand aus beobachtete und fotografierte. Es sind die vierte Nacht und der vierte Tag, welche ich schon ununterbrochen auf dem Hochstand ausharre, um die Brunft hier in West-Ungarn nahe der kroatischen Grenze mitzuerleben und in Bildern zu dokumentieren.

Hochsitz in Ungarn

Vier Tage und vier Nächte lebte Dieter Hopf auf dieser Kanzel, um die Hirschbrunft auf tausenden Fotos festzuhalten.

„Du bist verrückt“, war die Antwort von Janosh auf meine Frage, ob ich die Nacht auf der Kanzel verbringen darf, die er mir vor Jahren zeigte, als wir uns kennenlernten. Er konnte nicht verstehen, dass ich die harte, unbequeme Kanzel einem weichen Bett in der nahen Pension vorziehen wollte. Inzwischen hat er sich an meine Einstellung gewöhnt, schüttelt aber immer noch den Kopf, wenn er mich verabschiedet, nachdem er mich an einer passenden Kanzel abgesetzt hat, und ich ihm nachrufe, dass er mich in vier oder fünf Tagen wieder abholen soll. Sechsmal muss ich die steile Leiter des Hochstandes erklimmen, bis ich alle Gegenstände, welche mir die nächsten Tage „über die Runden helfen“, oben verstaut habe. Allein die Fotoausrüstung wiegt 30 Kilogramm, dazu Schlafsack und die Jagdtasche mit Essen und Trinken. Tarnnetze, um die offenen Seiten der Kanzel zu verblenden, und diverse andere Sachen runden mein Gepäck ab.

Hier im Westen Ungarns beginnt die Hirschbrunft früher als in Österreich oder Deutschland und so röhren die ersten Hirsche bereits Anfang September. Die Hauptbrunft ist etwa um den 12. herum und klingt dann um den 20. September aus.

Strömender Regen, schon drei Tage lang, nur kurz durch Aufhellungen unterbrochen, machen das „Leben“ auf dem Hochsitz nicht gerade angenehm und wenn die Hirsche nicht derart gut rufen würden und mir – trotz Regens, Nebels und diffusen Lichts – einige unvergessliche Momente und Bilder bescherten, hätte ich vielleicht Janosh angerufen, dass er mich abholen soll. Aber so harre ich weiter aus. 

Tag und Nacht röhren die Hirsche rund um den Hochsitz

Noch einige Male röhrt der alte Hirsch neben der Kanzel, entfernt sich aber langsam in Richtung des gegenüberliegenden Waldes. An Schlaf ist in dieser Nacht nicht mehr zu denken, zumal „mein“ Hirsch auf sein andauerndes Röhren aus allen Richtungen Antwort erhält. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, bei Nacht auf einer Kanzel zu sitzen und rund herum die Hirsche schreien zu hören. Zehn oder 15 Hirsche jeden Alters röhren, was das Zeug hält, schreien ihre ganze aufgestaute Wut und Aggression in die dunkle Nacht. Erst am Morgen lässt das etwas nach, flaut aber nie ganz ab. Irgendwo schreit immer einer seinen Unmut hinaus, hinüber zu dem verhassten Nebenbuhler.

Die Gedanken gehen zurück zu gestern Nachmittag. Ein Rudel Kahlwild zieht aus dem Akazienwäldchen auf die triefende, vom Regen der vergangenen Tage aufgeweichte Wiese. 14 Stück sind es, Alttiere, Schmaltiere und Kälber. Ihnen folgt dicht der alte Hirsch mit den vier langen Enden in der rechten Krone. Die Voraugendrüsen weit geöffnet, was seine Erregung hervorhebt, zieht er hinter den Tieren her. Im Zeitlupentempo ziehe ich das Tarnnetz zu einem kleinen Spalt zusammen, bin so gegen den hellen Hintergrund auf der offenen Kanzel nicht mehr auszumachen. Ohne diese Vorsichtsmaßnahme würden mich die scheuen, misstrauischen Tiere sofort mitbekommen. Es regnet wieder stärker, was dem Rudel aber nichts auszumachen scheint. Unablässig umkreist der Hirsch seinen Harem, dabei immer wieder ein tiefes Röhren ausstoßend, das den anderen Hirschen signalisiert, hier bin ich der Herr, traut euch ja nicht hierher.

Vier Tage und vier Nächte fotografiert Dieter Hopf die imposante Hirschbrunft. Im zweiten Teil beschreibt er die spannenden Kämpfe zwischen den Hirschen. Wer wird wohl gewinnen?

Hier geht es zu Teil 2 (bitte klicken).

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