Suhl: „Rüstkammer Europas“ und legendäre Waffenschmiede der Jäger

Im Waffenmuseum der Stadt Suhl gibt es viel Wissenswertes über die Geschichte der Handfeuerwaffen zu erfahren.

Waffenmuseum

Wenige Städtenamen werden so sehr mit der Herstellung von Jagdwaffen identifiziert wie der von Suhl. Wer jedoch das Waffenmuseum der 40.000 Einwohner zählenden Stadt am Südhang des Thüringer Waldes besucht, ist erstaunt. Das Waidwerk ist eigentlich nur ein Nebenaspekt in der langen Tradition der Waffenschmiede – freilich einer, der heute zusammen mit dem Sportwaffenbereich im öffentlichen Bewusstsein dominiert. Begründet aber hat Suhl seinen Ruf als „Rüstkammer Europas“. „Der größte Anteil in den 600 Jahren waren Militärwaffen. Der Jagdwaffensektor ist eher gering und hat seinen Weltruf erst Anfang des 20. Jahrhunderts begründet“, sagt Museumsleiter Peter Arfmann. Zusammen mit acht Mitarbeitern betreut der 59-jährige Kulturwissenschaftler, Autor und Verleger einschlägiger Fachbücher das Museum.

Ein ehemaliges Malzhaus mitten in der Stadt beherbergt die Einrichtung. Das 1668 im hennebergisch-fränkischen Fachwerkstil errichtete Gebäude wurde vor knapp zehn Jahren komplett saniert. Fünf Millionen Euro kostete die Restaurierung. Weitere 600.000 Euro flossen in die neu konzipierte Dauerausstellung „Geschichte der Suhler Handfeuerwaffen“. 600 Exponate – weitere 2.500 lagern in einem Magazin außerhalb der Stadt – dokumentieren auf 1.000 Quadratmetern die vielschichtige örtliche Waffenproduktion. Sie basiert auf der in Europa einzigartigen Vielfalt an Mineralien, Erzen und Gesteinen. Vor allem das Roteisenerz war nach der Verhüttung bestens geeignet für die Fertigung von Harnischen, Handrohren und später den Gewehren. Ein weiter Weg war es von der besonderen Suhler Radschlossmuskete aus dem Jahr 1614 über das Zündnadelgewehr bis zur weltberühmten und -berüchtigten Kalaschnikow, die bis 1970 komplett und dann noch fast zwei Jahrzehnte in wesentlichen Teilen in Suhl hergestellt wurde.

Museumsleiter Peter Arfmann

Museumsleiter Peter Arfmann ist Fachmann auf dem Gebiet Suhler Büchsenmacher-Geschichte.

Neben den Militär- und Prunkwaffen nehmen aber selbstverständlich die Jagdwaffen breiten Raum ein. Denn in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden von ihnen zusammen mit den Sportwaffen jährlich bis zu 40.000 in Suhl gefertigt, überwiegend Doppelflinten. Weil sie im Gegensatz zu den Militärwaffen in Privathände gelangten, begründeten sie ganz wesentlich die Identifikation von Suhl im öffentlichen Bewusstsein mit der Produktion von Flinten und Büchsen. So zeigt die Ausstellung den letzten zu DDR-Zeiten gefertigten Drilling, dem Arfmann heute einen Wert von „rund 50.000 Euro“ zuschreibt. Hinzu kommen jährlich zwei Sonderausstellungen. So sind aktuell seit 6. Mai und noch bis zum 20. August Haenel-Druckluftwaffen zu sehen.

Regelmäßig gelingt es dem Museumsleiter und seinem Team, die Ausstellung um interessante Einzelstücke zu ergänzen. Sie werden über einen Förderverein angekauft, wie etwa Anfang dieses Jahres ein Dural-Vierling. Das seltene Stück mit Aluminium-Basküle wurde um 1935 in der legendären Werkstatt von Immanuel Meffert gefertigt. Regelmäßig erhält das Spezialmuseum zur Geschichte der Suhler Handfeuerwaffen aber auch Schenkungen. So bekam Arfmann vor zwei Jahren einen Anruf aus den USA. Im Telefonat erläuterte der Texaner Charles Dunlap, auf seinem Dachboden stehe ein Doppelbüchsdrilling (siehe Bildergalerie), den sein Schwiegervater 1945 als Besatzungssoldat nach Hause mitgenommen habe. Dunlap wollte sich von der Waffe trennen. Sie sei nie benutzt worden. Und tatsächlich – die Waffe aus der Zeit um 1937 sieht aus wie neu und zählt zu den erlesenen Stücken, die Ernst August Merkel in seiner kleinen Werkstatt produziert hat.

Sind die Neuzugänge einmal nicht in einem vorzeigefähigen Zustand, werden sie hausintern aufgearbeitet. Dabei helfen auch Auszubildende, die die örtliche und bundesweit einzige Büchsenmacherschule besuchen. Regelmäßig absolvieren einige von ihnen Praktika im Museum. Die Schule ist ein weiteres Element, das die Tradition der etwa 1.500 Büchsenmacher, die es in der 600-jährigen Geschichte der örtlichen Waffenproduktion in der Stadt gegeben hat, aufrechterhält. „Heute gibt es in der Stadt und der direkten Nachbarschaft neben der Firma Merkel nur noch knapp zwei Hände voll klassischer kleiner Handwerksbetriebe und einige Graveure. Sie arbeiten heute oft im Verbund. Aber die Schäfter oder Rohr-/Laufmacher zum Beispiel werden immer weniger, weil es ein Riesenproblem ist, von diesem Handwerk zu leben“, skizziert Arfmann die aktuelle Situation.

Bis zu 40.000 Gäste zählt das Museum jährlich. Aber dessen Leiter weiß auch, dass  es neben dem Besucherzuspruch auch Vorbehalte gegen das Ausstellen von Waffen gibt. Die Auffassung, dass die Waffe zunächst nur ein technisches Produkt und das Problem allenfalls der Mensch sei, der den Abzug betätige, finde keine ungeteilte Zustimmung. So gebe es auch vor Ort Bürger und Kommunalpolitiker, die sich mit der Selbstdarstellung der „Waffenstadt Suhl“ schwertun. „Das wird aber nicht öffentlich formuliert, sondern läuft unterschwellig“, lautet Arfmanns Erfahrung.

Er setzt zudem auf eine Weiterentwicklung durch eine „feine kleine Fachmesse“, die sich neben Nürnberg und Ulm etablieren soll. Gezeigt werden sollen ausschließlich seltene historische Sammlerstücke aus den Bereichen Jagd und Sport. „Das Konzept ist verabschiedet, wenn auch nicht einstimmig. Mal schauen, was daraus wird. Denn es gibt auch Konkurrenz-Standorte“, formuliert der Museumsleiter vorsichtigen Optimismus.

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